INTERVIEW
Deutschlands oberster „Regelhüter“
Wieso kommen Sie in die Südpfalz?
Ich bin nicht das erste Mal da, habe schon mehrere Spiele im Offenbacher Queichtalstadion geleitet. Zudem besteht mit Nicolas Winter und Timo Gerach ein permanenter Austausch. Die aktuelle Einladung hat mein Freund Heinz Trauth eingefädelt, mit dem ich regelmäßig in Kontakt stehe.
Was erwartet Ihre Kollegen am Montag?
Ich bin ein Freund der Aktualität. Den Kollegen brennen sicher die Themen der letzten Wochen unter den Nägeln. Dazu werde ich alle Fragen beantworten, aber auch kurz etwas zum aktuellen Anforderungsprofil des Unparteiischen sagen.
Wie sind Sie an ihren aktuellen Job gekommen?
Ich war zusätzlich zu meiner Tätigkeit in der Bundesliga viele Jahre Lehrwart auf Kreis- und Verbandsebene. Nach meinem Ausscheiden wegen des Erreichens der Altersgrenze hat man mich angesprochen, ob ich mir das vorstellen könnte.
Wie sieht Ihr Wochenablauf aus?
(lacht). Mir wird nicht langweilig. Von Freitag bis Sonntag bin ich immer in den Stadion, um die Referees zu coachen und zu unterstützen. An den ersten Wochentagen führe ich Gespräche über die Spiele des Wochenendes und bin Ansprechpartner der Medien. Als Regelexperte bin ich für die ARD und des österreichischen Fernsehen bei Servus TV für die Champions League tätig. Als selbstständiger Unternehmer referiere ich 40 bis 50 mal pro Jahr in der freien Wirtschaft.
Hat der Videobeweis auch schlechte Seiten?
Es gibt nichts, was nur gut ist. Absolute Gerechtigkeit ist unmöglich herzustellen. Doch die Vorteile überwiegen deutlich, die Fehlerquellen wurden drastisch reduziert. Das ist nachgewiesen und unbestritten.
Es gibt ein Regelheft, gibt es dennoch verschiedene Auslegungen, Stichwort Handspiel?
Die moderne Technik hat unseren Job erschwert. Als ich anfing, gab es eine Kamera an der Mittellinie. In den Anfängen des Privatfernsehens ist ein Mitarbeiter mit einer fahrbaren Kamera die Linie rauf- und runtergerannt. Heute wird alles aus unzähligen Perspektiven in Zeitlupe wiederholt und gezoomt. Beim Handspiel gilt: Keep it simple. Der Fußball ist erfolgreich, weil er einfach ist. Durch viele Faktoren und Parameter wird es nicht unbedingt verständlicher. Im Fokus steht, ob die Aktion absichtlich erfolgte.
Wie beurteilen Sie die Auftritte von Manuel Gräfe und seine rechtlichen Schritte gegen die Altersgrenze?
Manchmal hilft Kritik mehr, wenn man sie nicht gleich an die Öffentlichkeit trägt. Die sogenannte Altersgrenze ist nicht so starr wie immer gesagt wird. International ist sie bei 45, bei uns orientiert man sich an 47. Aber schon ein Walter Eschweiler hat länger gepfiffen. Felix Brych wird jetzt 47. Ich denke, dass er noch die ein oder andere Saison dranhängen kann.
Die besten Schiris bringen viel Erfahrung mit. Hilft manchmal Routine dennoch nicht weiter?
Natürlich hilft Erfahrung immens. Auch alte Hasen wie Deniz Aytekin rufen immer mal wieder an und sagen: Am Wochenende habe ich eine Situation erlebt, die vorher noch nie passiert ist. Doch genau solche Dinge machen die Faszination unseres Sports aus.
Neben der Gewalt auf dem Platz nehmen auch Beleidigungen in den sozialen Netzwerken zu. Was kann man tun?
Konstruktive Kritik ist immer erlaubt und notwendig. Früher schrieben die Fans einen Leserbrief mit ihrem Namen an die Zeitung. Heute kann jeder anonym irgendwas in die Tasten hauen. Das ist feige und hinterhältig, viele junge Kollegen hören deshalb auf. Diese Chaoten können wir leider nicht ganz eliminieren. Doch wir müssen darauf achten, dass die vernünftige Mehrheit die Oberhand behält und die vom Fußball fernhält, die unserem Sport schaden.
Was ist neben der Beherrschung des Regelwerks noch wichtig?
In erster Linie die körperliche Fitness, weil das Spiel immer schneller wird. Der Mittelkreis als Radius reicht schon lange nicht mehr. Weitere Eigenschaften sind Spielverständnis, Kritikfähigkeit, Mut und Durchsetzungsvermögen.
Kommen auch Schiedsrichter und sagen, dass sie keine Lust mehr haben?
Natürlich, es scheint ja nicht nur die Sonne. Ich bitte sie dann immer, auf einen großen Zettel die Vor- und Nachteile aufzuschreiben. Meistens überwiegen dann die schönen Seiten und sie machen dann doch weiter.
Nicolas Winter wurde in Zwickau mit Bier überschüttet und hat das Spiel in der Halbzeit abgebrochen. Muss ein Pilot nicht seine Maschine sicher zu Boden bringen, auch wenn ihm das Verhalten eines Passagiers missfällt?
Das ist kein passender Vergleich. In der Luft geht es um Menschenleben. Beim Fußball um die schönste Sache der Welt. Ich stehe zu einhundertprozent hinter seiner Entscheidung, zumal er auch ein toller Mensch ist. Wir sind kein Freiwild, der Abbruch war alternativlos.
Wie sehen Sie die Entwicklung von Timo Gerach?
Er hat nie lockergelassen, ist immer drangeblieben und sehr wissbegierig. Das wurde mit zwei Erstligaspielen belohnt. Bei seinem zweiten Spiel Mönchengladbach - Wolfsburg am 9. April war ich selbst als Coach und Beobachter vor Ort. Er hat dieses Vertrauen mit einer ganz starken Leistung gerechtfertigt.
In den höheren Amateurklassen im Südwesten herrscht ein „Jugendwahn“. Der Altersdurchschnitt von Landes- bis Oberliga liegt knapp über 20 Jahre ...
Ich finde es setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir eine gesunde Mischung in der Altersstruktur brauchen. Für junge Talente müssen wir Durchgängigkeit nach oben gewährleisten. Doch auch ein guter 30-Jähriger sollte nach Ende seiner aktiven Laufbahn die Möglichkeit haben, ein Spiel in der Verbandsliga zu pfeifen. Dafür sind die jeweiligen Landesverbände in der Verantwortung.
Was waren Ihre Karrierehöhepunkte?
Dazu gehört sicher der Einsatz in der koreanischen K League mit dem Meisterschaftsfinale 2006. Aber auch zwei weitere Spiele haben in ganz anderer Weise nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Es war die Stille am Tivoli beim Spiel Alemannia Aachen - 1. FC Nürnberg im Januar 2004, das erste Geisterspiel in der Geschichte der Bundesligen. Im November 2009 leitete ich die Partie Schalke 04 - Hannover 96. Es war das erste Spiel der Hannoveraner nach dem Selbstmord von Robert Enke. Da hab ich gespürt: Es gibt Dinge, die viel wichtiger als Fußball sind.