Großsteinhausen / Zweibrücken
Nach der ersten Reise hatte er Tränen in den Augen
Wenn Rudi Schwarz von Skandinavien redet, vom Nordkap, von den Lofoten, von Finnland, von Süd-Norwegen, dann dauert es nicht lange, und er bekommt ein Leuchten in die Augen. Doch nach seiner ersten Reise ans Nordkap Ende der 80er Jahre waren es Tränen. Als er aus dem Fotogeschäft herauskam und feststellen musste, dass ein Großteil seiner Bilder nix geworden war. Ein technischer Defekt an seiner Kamera hatte sämtliche Aufnahmen aus Finnland zunichte gemacht. „Ich habe fast geweint. Ich dachte, dass ich da womöglich nie wieder hinkomme.“ Seinen Ernennungstermin beim Zweibrücker Oberbürgermeister hatte er für die Reise extra verschieben dürfen, damit er bei der Fahrt dabei sein konnte. Er war quasi der zweite Busfahrer im Team, hatte sich riesig gefreut und war nicht enttäuscht worden. „Manche Menschen machen eine solche Reise nur einmal im Leben“, sagt Schwarz, auch er ging davon aus, zu dieser Gruppe zu gehören. Und nie wieder Fotos in Finnland machen zu können. Es kam anders.
„Mit dem Nordlichtexpress und Polarzug“
34 Jahre später steht der 65-Jährige in den Startlöchern für eine weitere Reise. „Unterwegs in Skandinavien mit dem Nordlichtexpress und Polarzug“ ist die Tour überschrieben. Und auch wenn der Rechnungsprüfer in Diensten der Zweibrücker Stadtverwaltung mittlerweile mehr als 50-mal den Norden bereist hat – diese Tour hat er noch nie gemacht, sie ist neu in seinem Programm. Die 41 Teilnehmer werden Teile der Reise mit dem Zug machen, der Bus fährt hinterher und steht für die Tagestouren zur Verfügung. Am Sonntag um 4 Uhr geht es los (Schwarz: „Wir haben eine Fähre zu kriegen“), die erste Etappe führt nach Kiel, wo es auf die Fähre nach Göteborg geht. Weitere Etappenziele: Oslo, Trondheim, Narvik, Sundsvall, Stockholm.
Knapp zwei Dutzend Mal Nordkap, fast genauso oft Südnorwegen und mehrere Fahrten nach Schweden: Bei der Zusammenstellung seiner (neuen) Tour konnte Schwarz auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Nach seiner ersten Reise Ende der 80er dauerte es einige Jahre, bis er noch mal ans Nordkap (mit)fahren durfte. Dann war es um ihn geschehen, der hohe Norden hatte es ihm angetan. Seitdem fährt er regelmäßig Richtung Polarkreis.
Manchmal verschwindet er
Anfangs war Schwarz ausschließlich mit dem Reisebüro Rothhaar unterwegs (Schwarz: „Der Firma habe ich sehr viel zu verdanken, ich durfte vieles ausprobieren“), seit einigen Jahren ist sein Partner das Reisebüro Becker in Spiesen-Elversberg. In den Anfangszeiten war er oft Fahrer, mittlerweile ist er (fast) nur noch Reiseleiter. „Ich fahre ab und zu auch mal noch ein paar Stunden“, sagt er. Ansonsten ist er am Mikrofon und erzählt den Menschen, was sie sehen und was es zu erleben gibt, kümmert sich um den Imbiss unterwegs, räumt die Bordküche auf, plant spontane Abstecher, gibt Tipps vor Ort. Oder er verschwindet nach dem offiziellen Teil mal auf eigene Faust, um noch einen neuen Wanderweg auszuprobieren.
Erfahrungen hat Schwarz genug. Da ist der Kontakt zu einer Samen-Familie, Ureinwohner des nördlichen Skandinaviens, die er einst kennenlernte und die mittlerweile fester Programmpunkt seiner Nordkap-Touren sind, seinen Reisegruppen das Leben des indigenen Volkes nahebringt – bevor es dann ans tatsächliche Nordkap geht. Über die Jahre hat er seine Touren immer wieder umgeplant, verfeinert, erweitert. Die finnische Hauptstadt Helsinki steuert er mittlerweile direkt mit der Fähre an, auf der nordnorwegischen Inselgruppe der Lofoten bleiben Schwarz’ Gruppen einen Tag länger. Und nur wer die 936 Stufen an der olympischen Ski-Sprungschanze in Lillehammer hochgestiegen ist, weiß, dass sich die Aussicht von oben lohnt und deshalb der Bus auch mal hinter der Anlage parkt, um die Aussicht zu genießen.
Zwei Wochen lang ständig unter Strom
Schwarz ist gut vorbereitet, seinen Mitfahrern gibt er immer detaillierte Reisepläne, in die dann die zurückgelegten Kilometer eingetragen werden können. Das sind bei der Nordkaptour rund 6200 im Bus und noch einmal 1400 auf dem Schiff – in 16 Tagen. Bei allen Strapazen, die eine solche Reise mitbringt, lautet Schwarz’ Maxime: „Die Leute sollen sich wohlfühlen.“ Deswegen achte er auch auf ausreichend Freizeit und Phasen, die weniger eng getaktet sind. Er selbst stehe bei den Touren natürlich ständig unter Strom, trage die Verantwortung. Die falle von ihm ab, wenn es am Ende von Göteborg mit dem Schiff nach Kiel geht. „Da schlafe ich regelmäßig auf Deck ein.“
Über die Jahre zog es den in Großsteinhausen lebenden Schwarz auch mal in den Süden: Die Toskana hat es ihm angetan. „Mein zweites Standbein.“ Seit einigen Jahren bietet er eine Tour über den 3. Oktober hinweg an, mit wechselnden Zielen: 2022 ging es nach Elba, dieses Jahr ist der Spreewald das Ziel, für 2024 ist Südtirol ins Auge gefasst. An Weihnachten habe er die Reise fertig geplant, spätestens Ende Januar sei sie ausgebucht.
Im kommenden Jahr wird es eine weitere Premiere geben. Schwarz geht dieses Jahr in Rente, seine Frau wird im kommenden Jahr folgen. Dann wird sie ihn ans Nordkap begleiten. Zum ersten Mal. Dann wird es auch Fotos von den beiden geben, an den Fjorden, mit den Samen, auf den Lofoten, am Nordkap selbst. „Ich mache jedes Mal Fotos. Immer noch. Es sieht einfach immer anders aus.“
[In der ersten Version des Artikels hatten wir falsch gerechnet: Rudi Schwarz ist seit über 30 Jahren Reiseleiter, nciht seit über 40 Jahren. Der Fehler ist korrigiert.]