Albersweiler RHEINPFALZ Plus Artikel Zugunglück im Tunnel: Nächtliche Großübung der Südpfälzer Rettungskräfte

120 Einsatzkräfte sind Freitagnacht bei der Großübung dabei. Sie wussten davor nicht, was passieren wird.
120 Einsatzkräfte sind Freitagnacht bei der Großübung dabei. Sie wussten davor nicht, was passieren wird.

Freitagnacht herrscht großer Aufruhr am Bahnübergang in Albersweiler. Ein Zug hat einen Motorroller erfasst, den Fahrer in den Tunnel mitgeschleift. 90 Fahrgäste müssen evakuiert werden. Glücklicherweise nur ein Übungsszenario. Die Idee dazu hatte ein 24-Jähriger.

21.20 Uhr. Die Ruhe vor dem Sturm. Der Stellvertretende Brand- und Katastrophenschutzinspekteur des Kreises SÜW und ein Bundespolizist stehen am Bahnübergang in Albersweiler in der Straße Am Kanal und warten darauf, was passieren wird. Genauso wie alle anderen Einsatzkräfte aus der Region wissen sie nur, dass eine Großübung ansteht. Viel mehr hat das Organisationsteam um Philipp Spielberger nicht herausgelassen. Schließlich soll sich alles so real wie möglich abspielen. Dafür werden gleich auch 90 Statisten sorgen, die die Feuerwehr Annweiler über einen Facebook-Aufruf für das Unglücksszenario zusammentrommeln konnte.

Ein beinamputierter Mann mimt das Unfallopfer.
Ein beinamputierter Mann mimt das Unfallopfer.

Nachdem der letzte planmäßige Zug Richtung Landau die Strecke passiert hat, betreten sie in Annweiler eine Regionalbahn und werden bis in den Kirchberg-Tunnel in Albersweiler gefahren. Und dort beginnt auch für sie das gespannte Warten. Denn erst einmal muss die Kulisse so inszeniert werden, dass die Feuerwehrleute, Sanitäter, Polizisten und Co., die bald alarmiert werden, auf eine Katastrophe im Realogewand treffen. Ein Motorroller überquert trotz geschlossener Schranken die Bahngleise. Der Zugfahrer leitet die Notbremsung ein, doch kann nicht mehr rechtzeitig stoppen. Der Koloss auf Schienen erfasst das Zweirad. Der Sozius wird neben die Gleise geschleudert, der Fahrer wird bis in den Tunnel mitgeschleift. Der Roller geht in Flammen auf. Die Fahrgäste sind in Panik und müssen aus dem Bahntunnel evakuiert werden.

Beinamputierter Mann mimt Unfallopfer

So hat sich der gerade erst 24-jährige Spielberger die Inszenierung einfallen lassen. Er ist Gruppenführer bei der Feuerwehr in Annweiler und arbeitet hauptberuflich bei der Integrierten Leitstelle in Landau. Er weiß also, auf was es ankommt. Vor zwei Jahren bereits hatten Einsatzkräfte unter Führung der Wehren aus dem Trifelsland ein großes Unglück im B10-Tunnel durchexerziert, nun kam er auf den Gedanken, auch den Ernstfall für einen Zugunfall zu proben. Vier Wochen Vorbereitung rund um die Uhr waren der Großübung vorausgegangen. Denn rund 120 Einsatzkräfte werden gleich im Stockduster zu koordinieren sein.

Ein Teil des Rollers ist hinter dem Zug in Flammen aufgegangen.
Ein Teil des Rollers ist hinter dem Zug in Flammen aufgegangen.

Am Bahnübergang steht ein einbeiniger Mann auf Krücken und wartet auf seinen Einsatz. Die Jeans ist zerfetzt, Kunstblut trieft heraus. Das Organisationsteam konnte tatsächlich einen beinamputierten Statisten akquirieren, der das Unfallopfer mit abgetrenntem Bein mimen wird. Die Gruppe für realistische Unfalldarstellung des DRK Südpfalz hat ganze Arbeit geleistet. Auch die durch die Vollbremsung verletzten Zug-Fahrgäste haben das Schminkköfferchen gesehen.

Die Sirenen heulen los

22.17 Uhr. Die Schranken schließen sich. Es geht los. 20.20 Uhr setzt der Zugführer den Notruf an die Leitstelle der Deutschen Bahn ab, die die Integrierte Leitstelle in Landau informiert, die wiederum die Rettungskräfte in der Region alarmiert. Aber zuvor muss noch etwas passieren, das bei all der Digitalisierung heutzutage so etwas von aus der Zeit gefallen wirkt. Die Feuerwehr braucht eine schriftliche Bestätigung, dass kein Zug mehr fahren kann. Erst nach dem „Sperr-Fax“ der Deutschen Bahn setzen sich die Hebel in Bewegung. 22.23 Uhr. Überall tönt und piepst es auf den digitalen Meldeempfängern der Feuerwehrleute, die schon vor Ort sind. Eine Minute später heulen die Sirenen im Ort los. Es dauert nur wenige Minuten, bis aus der Ferne ein Martinshorn zu hören ist und das erste Blaulicht-Fahrzeug den Bahnübergang erreicht.

Flammengenerator und Nebelmaschine verwandeln den Tunneleingang in einen infernalischen Schlund.
Flammengenerator und Nebelmaschine verwandeln den Tunneleingang in einen infernalischen Schlund.

Kurz nach 22.30 Uhr sind die ersten Rettungsdienst- und Feuerwehreinheiten zu Stelle und es heißt: Wasser marsch! Denn dank Flammengenerator und Nebelmaschine hat sich der Tunneleingang in einen infernalischen Schlund verwandelt. Die Brandschützer legen Wasserschläuche über die Schienen, Einsatzkräfte mit Atemschutzmasken bahnen sich den Weg zum Zug vor. Derweil hat das Notarztteam den Sozius am Schienenrand gefunden, der nach dem Aufprall seinem Kollegen zu Hilfe eilen wollte, aber auf dem Weg in Ohnmacht fiel. 22.45 Uhr bringen die Wehrleute die ersten Evakuierten in Sicherheit.

90 Zug-Fahrgäste in Panik

Beim Blick ins Innere des Tunnels offenbart sich ein grausiger Anblick. Der Rollerfahrer liegt bewusstlos auf den Schienen unter dem Zug, das Bein ist abgetrennt, alles ist blutüberströmt. Der Notarzt und Sanitäter – auch sieben Azubis sind in jener Nacht dabei – eilen heran, um ihn erstzuversorgen und auf einer Trage herauszubefördern. Drumherum herrscht Tumult. Die Fahrgäste sind aufgewühlt, wollen wissen, was los ist, rufen um Hilfe. Manche haben ihre Haustiere dabei, ein Rollstuhlfahrer muss herausgetragen werden. Bei dieser Großübung wird wirklich nichts ausgespart. 23.14 Uhr bekommt Spielberger die Meldung, dass der Zug vollständig geräumt ist. Die schwerverletzten Unfallopfer sind auf die Weg ins Krankenhaus.

Die DRK-Gruppe für realistische Unfalldarstellung hat die Statisten mit Kunstblut geschminkt.
Die DRK-Gruppe für realistische Unfalldarstellung hat die Statisten mit Kunstblut geschminkt.

Und um die evakuierten Fahrgäste wird sich am Bahnhof am anderen Tunnelende gekümmert. Ganz real. Mit Suppe, Kaffee und – ganz wichtig – Zitronentee. Dass die drei heißen Aufmunterer am Ende des Abends auf alle Statisten und Einsatzkräfte warten, diese Ankündigung fällt des Öfteren im Laufe des Abends. Denn es ist bitterkalt. Da ist der Aufwärmstand der Verpflegungseinheit der Schnelleinsatzgruppe des Landkreises eine Wohltat.

Aus Fehlern lernen

Gegen Mitternacht sind die Gleise freigeräumt, nichts zeugt mehr von dem Großeinsatz, der sich hier gerade abspielte. Um 1 Uhr fahren die letzten Teilnehmer nach Hause. Spielberger wird mit einigen Kollegen noch bis 2.30 Uhr im Annweilerer Feuerwehrhaus beschäftigt sein, um klar Schiff zu machen. Und am nächsten Tag wartet gleich wieder ein Dienst in seinem Hauptberuf auf ihn. „Ich bin erschöpft“, gibt der 24-Jährige am Nachmittag danach im Bilanzgespräch mit der RHEINPFALZ zu. Aber er sei zufrieden, dass alles so geklappt hat, wie es sollte.

Die Feuerwehr rollt die Wasserschläuche aus.
Die Feuerwehr rollt die Wasserschläuche aus.

Ein paar kleine organisatorische Fehler seien aufgefallen, etwa wie man die Evakuierten herausführt oder wie man die Menschen besser betreuen könnte, resümiert Spielberger. Aber das große Ganze habe gestimmt. Obwohl das Organisationsteam dafür gesorgt hatte, dass das Stresslevel der Beteiligten ordentlich angefeuert wurde. Der IT-Experte bei der Integrierten Leitstelle wird nun noch eine Online-Umfrage für die Einsatzkräfte und Statisten anfertigen und in den nächsten zwei Wochen mit den Führungskräften von Feuerwehr, Rettungsdienst, Schnelleinsatzgruppe, Bundes- und Landespolizei einzeln zusammenkommen, um die Nacht auszuwerten. „Denn das Ziel solcher Übungen ist ja, aus Fehlern zu lernen.“

Am Bahnübergang von Albersweiler treffen die Einsatzfahrzeuge ein.
Am Bahnübergang von Albersweiler treffen die Einsatzfahrzeuge ein.
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