Bad Bergzabern RHEINPFALZ Plus Artikel Tag der Menschen mit Behinderung: Kochtraum erfüllt

Sabrina Thalmann hat sich ihren Traum erfüllt und schwingt in der Kurstadt den Kochlöffel.
Sabrina Thalmann hat sich ihren Traum erfüllt und schwingt in der Kurstadt den Kochlöffel.

Am Freitag ist Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung. Zu ihnen gehört auch Sabrina Thalmann. Die resolute Halb-Französin musste sich ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt hart erkämpfen. „Nur wenige haben daran geglaubt, dass ich es schaffen kann.“ Aber wer im Bad Bergzaberner Gasthaus „1870“ speist, weiß, was sie drauf hat.

Sabrina Thalmann ist Köchin aus Leidenschaft. Die Zubereitung der Speisen, das Anrichten der Teller, die Hektik in der Küche: All das ist genau ihr Ding. Trotzdem musste die junge Frau nicht nur ein paar Steine, sondern ganze Felsbrocken aus dem Weg räumen, bevor ihr Traum von einer Ausbildung zur Beiköchin Wirklichkeit wurde. Denn die 34-Jährige ist eine von rund zehn Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland. Glücklicherweise ließ sich die Halb-Französin von der Meinung anderer nicht aufhalten. Schließlich hatte sie Pläne und ein großes Ziel: eine Festanstellung in der Gastronomie zu ergattern. Und die hat sie sich geschnappt, im „1870 – Ihr Gasthaus“ in Bad Bergzabern.

Heute schmeißt sie gemeinsam mit Inhaberin Siobán Lennon die Küche des Restaurants im historischen Bahnhofsgebäude. Hier kocht man Crossover mit regionalen Produkten. Bodenständig und dennoch raffiniert. Sabrina Thalmann ist für die Burger, Saucen und Salate zuständig – und packt überall mit an, wo sie gebraucht wird. Sie und Lennon sind ein eingespieltes Doppel. „Sabrina ist eine tolle Person. Zuverlässig, loyal und aufmerksam. So eine Mitarbeiterin kann man sich nur wünschen“, schwärmt Chefin Siobán Lennon. Dass Sabrina Thalmann gut in ihr Team passen könnte, ahnte sie schon, als die junge Frau im Sommer plötzlich mit der Bewerbungsmappe unterm Arm vor ihrer Tür stand.

Alte Bekannte aus inklusivem Kurpfalz-Hotel

Denn die beiden kannten sich bereits aus dem Kurpfalz-Hotel in Landau. Siobán Lennon hatte den Inklusionsbetrieb der Lebenshilfe bis zu dessen Schließung geleitet. Hier keimte bei Sabrina Thalmann auch der Wunsch auf, ihre Zukunftsaussichten auf ein neues Level zu heben: mit einer ordentlichen Ausbildung. Etwas, das für das Gros junger Leute ganz normal, für Menschen mit Behinderung aber oft etwas ganz Besonderes ist. So stieß ihre Idee auch bei vielen ihrer Mitmenschen auf Skepsis. Bestärkt von ihrer Mutter und Siobán Lennon fand Sabrina Thalmann aber schließlich Verbündete bei der Agentur für Arbeit. Die bewilligten die Ausbildung zur Fachpraktikerin Küche im Landauer Jugendwerk St. Joseph Stift. Damit begann Thalmanns Reise in die Welt der Gastronomie und ihr Sprung von den Einrichtungen der Lebenshilfe und den Inklusionsbetrieben in den ersten Arbeitsmarkt. Ein bisschen Bammel hatte sie schon vor der Ausbildung, verrät die selbstbewusste Schweigenerin. „Ich wusste ja nicht, was mich erwartet. Aber ich hab’s durchgezogen“, sagt sie stolz.

Genauso viel Eigeninitiative bewies die ausgebildete Köchin dann auch bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz. Als sie erfuhr, dass ihre ehemalige Chefin ein Lokal in Bad Bergzabern eröffnet hatte, machte sie sich kurzerhand auf den Weg. Und wurde mit offenen Armen in dem Familienbetrieb der Lennons aufgenommen. Ein Glücksfall für beide Seiten: Denn Sabrina Thalmann bringt alles mit, was in der Gastronomie gebraucht wird. Sie ist ehrgeizig, setzt Vorgaben zuverlässig um und hält dem Druck stand. „Gastronomie ist ein á-la-minute-Geschäft“, erklärt Siobán Lennon „das muss man schaffen. Und Sabrina schafft das.“ Lennon, die Erfahrung auf dem Gebiet der Inklusion hat, ist davon überzeugt, dass sich viele mit einer kognitiven Beeinträchtigung auf dem ersten Arbeitsmarkt behaupten könnten. Man müsse sie nur an die Hand nehmen, sie unterstützen und ihnen Sicherheit und Stabilität geben. Diese Sicherheit findet Sabrina Thalmann in der 1870er-Familie.

„Zusammenarbeit mit ihr ist Bereicherung“

Dazu gehören neben Siobán Lennon, ihrem Mann und weiteren Angestellten auch Siobáns Sohn Shawn. Er leitet den Service und sorgt für gute Stimmung in der Bude. Ganz nach dem Credo seiner irischen Vorfahren: There are no strangers here, only friends you haven't yet met. – Es gibt keine Fremden hier, nur Freunde, die du noch nicht getroffen hast. „Jeder hat seine Geschichte, und jeder hat seine Chance verdient“, sagt Shawn Lennon. Die Zusammenarbeit mit Sabrina empfindet er als Bereicherung. Sowohl menschlich als auch beruflich habe er viel von seiner Kollegin gelernt. Und manchmal, erzählt er lachend, weise sie ihn auch zurecht. Vor allem, wenn die Optik auf den Tellern nicht ihren Anforderungen entspreche.

Weil er und seine Mutter so überzeugt von der Zusammenarbeit sind, legen sie auch anderen Betrieben nahe, ihre Vorbehalte beiseitezuschieben und Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben. Das ist auch ganz im Sinne der Agentur für Arbeit. Sie berät Arbeitgeber über die Rechtslage und die vielfältigen Förder- und Praktikumsmöglichkeiten. Außerdem unterstützt sie Unternehmen dabei, Menschen mit Behinderung auszubilden. „Wir sind dankbar für jeden Betrieb, der mitmacht. Leider gibt es noch immer zu wenige“, sagt Svenja Müßigbrod vom Arbeitgeberservice in Landau. Das findet auch Siobán Lennon, die sich vor allem bessere Ausbildungsmöglichkeiten für Menschen mit Beeinträchtigung wünscht.

Bereits neue Pläne geschmiedet

Sabrinas Geschichte sei schließlich das Paradebeispiel dafür, wie gut das funktionieren könne. Und was schwebt der Person, die sich gegen alle Widerstände durchgesetzt hat, für ihre Zukunft vor? Wie könnte es anders sein, Sabrina Thalmann hat bereits neue Pläne. Den Führerschein möchte sie machen und vielleicht eines Tages in Südtirol arbeiten. Hier hat sie bereits vor einigen Jahren ein Praktikum absolviert. Auch dieses Projekt hatte sie seinerzeit ganz allein auf die Beine gestellt. „Du hast es wirklich allen gezeigt“, sagt Siobán Lennon anerkennend. Da kann man nur zustimmen.

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