Offenbach
Stockholmer Modell soll Bedingungen für urbanes Grün verbessern
Die Straßenschäden im Offenbacher Mühlweg sind nicht zu übersehen. Insbesondere am Bordstein, genauer an den Pflanzgruben, machen sie sich bemerkbar. In diesen Bereichen gibt es Risse auf der Asphaltdecke. Auf dem Gehweg ist das Pflaster angehoben, verursacht durch die angrenzenden Bäume. Besser gesagt durch deren Wurzeln. Weil sie nicht tief genug wachsen konnten, suchten sie sich mit der Zeit ihren Weg an der Oberfläche, was für Druck und am Ende für solche Schadensbilder wie in dem rund 300 Meter langen Abschnitt nördlich der Gemeinde sorgt. Im Zuge des Straßenausbaus, der für nächstes Jahr vorgesehen ist, soll dieses Problem beseitigt werden und auch nicht wieder aufkommen.
Wie Verbands- und Ortschef Axel Wassyl sowie Bauamtsleiter Frank Laux informieren, soll sich bei den neuen Pflanzgruben an das Stockholmer Modell orientiert werden. Dieses System wird bereits europaweit in einigen Kommunen angewendet und ist auch weiterentwickelt worden. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Wachstumsbedingungen für die Bäume in den Städten und Dörfern zu verbessern. Das heißt wiederum: Schäden an der Infrastruktur – also an Straßen, Gehwegen und angrenzenden Gebäuden – würden der Vergangenheit angehören. Bäume innerhalb der Ortschaften würden langfristig erhalten bleiben und besser auf Klimaextreme wie lange Trockenperioden reagieren.
„Pflanzmethode einst ein vernachlässigtes Thema“
Das urbane Grün übernimmt schließlich besondere Funktionen. Angesichts der zunehmenden Hitzeperioden im Sommer sorgt es für ein angenehmeres Klima, zudem dienen Bäume als Schattenspender. Und bei Starkregen können sie zusätzlich dem Hochwasserschutz dienen. Diese Bedeutung wurde ihnen früher nicht beigemessen, berichten Wassyl und Laux.
Bei früheren Erschließungen von Baugebieten, etwa in den 60er- oder 70er-Jahren, seien Bäume gepflanzt worden, ohne sich darüber Gedanken zu machen, was sie benötigen, um langfristig erhalten zu bleiben. „Es wurde ihnen wenig Platz eingeräumt“, sagt Laux.
Bau von Schächten vorgesehen
So kommt es, dass das urbane Grün gerade in älteren Wohngebieten unter der zunehmenden Trockenheit leidet. Es wächst meist unter widrigen Bedingungen, die wiederum die Vitalität der Bäume beeinträchtigt: Durch zu kleine Baumscheiben und einen eingeschränkten Wurzelraum ist die Sauerstoffversorgung der Wurzeln und der für die Bäume notwendige Gasaustausch von Stickstoff und Kohlenmonoxid zwischen Boden und Atmosphäre eingeschränkt. Sind die Flächen ringsum versiegelt, reicht die Wasserzufuhr kaum aus.
Das Stockholmer System sieht den Bau von Schächten vor, die bis zur Pflanzgrube reichen, um dadurch für optimale Be- und Entlüftung zu sorgen. Darüber hinaus soll, so Wassyl, durch eine bautechnische Planung das Oberflächenwasser unten an die Wurzeln gelangen, statt es direkt in die Kanalisation abzuführen. Ohnehin werde bei Erschließung von Neubaugebieten den Themen Regenwasserabfluss, Regenwasserversickerung und die Verdunstung mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als früher, merkt der Verbandsbürgermeister an.
Richtiger Umgang mit Niederschlagswasser
Beim Umgang mit Niederschlagswasser gilt der wasserwirtschaftliche Grundsatz: Versickerung vor Rückhalt vor Ableitung. Das teilt die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd auf Anfrage der RHEINPFALZ mit. Damit ist gemeint, dass Niederschlagswasser möglichst versickern soll. Wenn das beispielsweise aufgrund ungünstiger Untergrundverhältnisse nicht möglich ist, soll das Regenwasser gesammelt und dann in verträglichen Mengen in ein Gewässer eingeleitet werden.
Relativ neu sei die Vorgabe, dass durch Neubaugebiete die Wasserhaushaltsbilanz möglichst wenig beeinträchtigt werden soll. „Um dies zu gewährleisten, muss eine Wasserhaushaltsbilanz aufgestellt werden, aus der hervorgeht, dass Versickerung, Verdunstung und oberirdischer Abfluss im Bereich des Baugebietes weitgehend den Verhältnissen ohne Baugebiet entsprechen“, teilt die Pressestelle der Behörde mit. Die Verdunstung wird somit stärker in den Fokus gerückt. Das hat zur Folge, dass in Bebauungsplänen mehr Grünflächen sowie Dach- und Fassadenbegrünungen vorzusehen sind, damit die Verdunstungsfähigkeit erhalten bleibt.
Strengere Auswahl der Bäume
Beim Stockholmer Modell werden die als Rigolen bezeichneten Pflanzgruben mit Gestein und Substrat verfüllt. Laux zufolge haben Baumwurzeln dadurch mehr Platz, auch das eindringende Wasser wird durch die Schichten verlangsamt. Was nicht von der Pflanze benötigt wird und auch nicht in den Boden versickert oder verdunstet, werde in die Kanalisation geleitet. Im Sommer, wenn über Wochen der Regen ausbleibt, soll bei der Bewässerung das Wasser in einen speziellen Schlauch eingeleitet werden, damit es in der Tiefe, an den Wurzelenden des Baumes gelangt.
Neben der Umsetzung neuer Methoden bei der Pflanzung von Bäumen soll auch die Auswahl der Bäume für einen nachhaltigen Pflanzerfolg sorgen. Wie Laux recherchieren konnte, gibt es hierzu bereits Forschungsprojekte, die zeigen sollen, welche Bäume sich bei welchen Bedingungen beziehungsweise in welchen Lagen eignen.
Der Ausbau des Mühlweges soll 2023 in Angriff genommen werden. Wenn die Pflanzgruben nach dem Stockholmer Modell hergerichtet werden sollten, koste das vermutlich mehr Geld. Doch diese Mehrausgaben werden sich langfristig rentieren, ist Axel Wassyl überzeugt.