Brücken
25 Jahre Diamantschleifermuseum: Vom Rohdiamant zum Brillant
Bereits 1888 entstand auf der Neumühle zwischen Brücken und Ohmbach die erste pfälzische Diamantschleiferei. Es folgten weitere Schleifereien in Brücken und den Nachbardörfern Dittweiler, Schönenberg, Herschweiler-Pettersheim und Steinbach. Doch warum entstand gerade in der hintersten Westpfalz eine Diamantindustrie? Eine Frage, die Hans-Werner Altherr, Erster Vorsitzender des Förderkreises des Museums, oft zu hören bekommt. „Hier gab es wenig Arbeit und billige Arbeitskräfte“, sagt er. Doch das war nicht die alleinige Ursache. Isidor Triefus, ein jüdischer Geschäftsmann aus Steinbach, wanderte nach London aus und entdeckte dort das Geschäft mit den glänzenden Steinen für sich. Er war es, der die erste Schleiferei in seiner Heimat im Südkreis gründete.
Zwei Weltkriege brachten die Industrie fast vollständig zum Erliegen. Doch jeweils konnte sich das Diamantgeschäft schnell wieder erholen. In den 20er-Jahren gab es sogar einen rasanten Aufschwung, ehe die Weltwirtschaftskrise 1929 den Wirtschaftszweig erneut ausbremste. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es nur zwei Jahre, bis es für die Diamantschleifer wieder aufwärts ging. Zwischen 1950 und 1957 gab es in der Westpfalz 120 Betriebe mit 1200 Schleifern. Doch die ausländische Konkurrenz aus Israel, Russland und Indien läutete den Niedergang ein. In den 70ern hatte die Diamantschleiferei ihre wirtschaftliche Bedeutung in der Westpfalz verloren. „Die hiesige Diamantindustrie war ein Opfer der Globalisierung“, bilanziert Altherr.
Lebendiges Museum
110 Jahre nach der ersten Schleiferei startete 1998 das Diamantschleifermuseum in Brücken, um an die einst erfolgreiche Industrie und das feine Handwerk zu erinnern. Und das nicht nur mit Schautafeln und Videomaterial: Acht ehemalige Schleifer helfen ehrenamtlich im Museum mit, um den Besuchern aus nächster Nähe zu zeigen, wie ein kleiner, unscheinbarer Diamant zu einem strahlenden Brillant wird. „Wir sind ein lebendiges Museum. Das macht die Besonderheit aus“, betont Hans-Werner Altherr.
Einer dieser Helfer ist Hugo Wagner. Im Museum habe er inzwischen mehr Steine geschliffen als zu seiner aktiven Zeit als Diamantschleifer. Kurz nach seiner Lehre kam die große Krise, wodurch er nur sechs, sieben Jahre in seinem Beruf arbeitete, erzählt er beim Besuch der RHEINPFALZ.
Doch bis ein Rohdiamant tatsächlich geschliffen wird, muss er noch den einen oder anderen Prozess durchlaufen. Um das zu veranschaulichen, steht im Obergeschoss des Museums unter anderem eine alte Diamantsäge. Dafür wurde ein dünnes Bronzeblättchen mit über 10.000 Umdrehungen genutzt. Doch das allein reicht nicht, um einen der wertvollen Steine durchzusägen. „Diamant ist das härteste Material der Erde. Das geht nur mit einem anderen Diamanten“, weiß Experte Hugo Wagner. Diamantsplitter wurden mit etwas Öl zu einer Art Paste zerstoßen, die auf das Bronzeblättchen aufgetragen wurde. Einen Diamanten mit einem Karat Gewicht – das entspricht rund 0,2 Gramm – zu zersägen, dauerte laut Wagner ein bis zwei Stunden.
Winzig kleiner Weltrekord
Um aus einem Rohdiamanten einen Brillanten zu fertigen, muss dieser perfekt nach Form geschliffen werden. „Da steckt viel Physik drin“, sagt Altherr. Der Brillantschliff gilt als die optimale Form, da er das meiste „Feuer“ habe. Das bedeutet, dass das Licht von allen Seiten bestmöglich gebrochen wird. Doch um das zu erreichen, ist Millimeterarbeit nötig. Ein Brillant besteht immer aus 57 Flächen – sogenannten Facetten – und das auch beim noch so winzig kleinen Stein. Das veranschaulicht das wohl bekannteste Ausstellungsstück im Brückener Diamantschleifermuseum: der kleinste geschliffene Diamant der Welt, der sogar im Guinness-Buch der Rekorde aufgeführt ist. Bei einem Durchmesser von weniger als 0,5 Millimeter und einem Gewicht von 0,001 Karat muss man schon genau hinschauen, um den kleinen, funkelnden Stein zu entdecken.
Um einen Rohdiamanten schleifen zu können, wird – wie beim Sägen – wieder Diamantstaub benötigt, um die Form des harten Materials verändern zu können. Der noch ungeschliffene Stein wird in eine Vorrichtung geklemmt und von Schleifer Hugo Wagner auf eine Scheibe gehalten, die sich mit 3000 Umdrehungen pro Minute bewegt. In die Scheibe werden vorab Riefen eingekerbt, in denen sich der Diamantstaub absetzen kann. Alle paar Sekunden muss Wagner den Stein mit einer Lupe begutachten. Alles muss ganz exakt sein, jede Fläche muss genau abschließen, nichts darf überschliffen werden.
Je größer der Stein, desto höher der Lohn
Altherr und Wagner zeigen eines der wichtigsten Werkzeuge der Diamantschleifer: ein Handbesen und eine Kehrschaufel – oder „Dreckschipp“ wie der Pfälzer sagt. Denn nicht selten kam es vor, dass ein wertvoller Diamant mal den Abflug machte und von der schnell drehenden Scheibe quer durch die Werkstatt geschleudert wurde. Der musste dann natürlich erstmal gesucht werden. Die Schleifer wurden nämlich pro fertig geschliffenem Diamant bezahlt. „Ganz kleine Steine, die man mindestens eine Stunde schleifen musste, brachten etwa zwei Mark“, erinnert sich Wagner. Für größere Diamanten gab es entsprechend mehr Lohn, wie viel das war, könne man aber nicht pauschal sagen. Entscheidender als die Größe ist allerdings die Qualität. Bei der Bewertung eines Diamanten richte sich alles nach den vier C: Clarity (Reinheit), Carat (Gewicht), Colour (Farbe) und Cut (Schnitt).
Im Diamantschleifermuseum können die Besucher auch modernere Werkzeuge betrachten, mit denen Diamanten bearbeitet werden. Beispielsweise werden die Steine heute nicht nur als Schmuck genutzt, sondern auch als Schneidewerkzeug in der Industrie und der Medizin. Zudem können Replikas von weltberühmten Steinen bestaunt werden. Etwa der 45,5 Karat schwere blaue Hope-Diamant, dessen Original im National Museum of Natural History in Washington D.C. ausgestellt ist und dessen Wert auf 200 bis 250 Millionen US-Dollar geschätzt wird. Eine Nachbildung des Tiffany, einem der größten gelben Diamanten der Welt, der durch den Film „Frühstück bei Tiffany“ ein Millionenpublikum erreichte, gibt es ebenfalls in Brücken zu sehen. Doch so schön sie auch anzuschauen sind, so düster ist auch so manche Geschichte, die sich um die berühmten Steine rankt. „Sie haben ihren Besitzern kein Glück gebracht. Da hängt viel Blut dran“, sagt Altherr. So soll Ludwig XV. den Hope-Diamanten getragen haben und kurz darauf an Pocken gestorben sein, während Ludwig XVI. und Marie-Antionette als Besitzer des Diamanten unter dem Fallbeil endeten.
Ungewisse Zukunft
Hans-Werner Altherrs Eltern hatten einst selbst eine Diamantschleiferei. Der heutige Förderkreisvorsitzende brachte damals Diamanten in Bonbon-Dosen zu Händlern und Käufern. „Da hatte man gerne mal einen ganzen Wochenlohn im Sack. Es ist aber nie etwas passiert. Das hat einfach dazugehört“, erzählt er. Heute wundere er sich, dass die Schleifer ihren Beruf nie mit dem nötigen Stolz nach außen gezeigt hätten. Ein großes Fragezeichen stellt im Brückener Museum die Zukunft dar. „Wir haben einen harten Kern von Ehrenamtlichen. Das Problem: Sie werden nicht jünger“, gibt Altherr zu bedenken. Noch ein paar Jahre könne es so funktionieren wie aktuell. „Danach müssen wir schauen, wie es weitergeht“, sagt der Förderkreisvorsitzende. Er hofft, dass sich durch die im Museum stattfindenden Workshops auch jüngere Leute finden lassen, die künftig den Besuchern das Diamantschleiferhandwerk zeigen.
Termin
Die Jubiläumsfeier des Diamantschleifermuseums findet am Sonntag, 29. Oktober, ab 10.30 Uhr im neugestalteten Museumssaal (Hauptstraße 47, Brücken) statt. Neben Livemusik gibt es die Gelegenheit zu einem Rundgang durch das Museum. Der Eintritt ist frei.