Wörth / Hatzenbühl
US-Girl erlebt Lüften als Kulturschock
Seit Beginn des Schuljahres ist Kinsey Becker als Gastschülerin am Europa-Gymnasium Wörth (EGW). Die 16-jährige US-Amerikanerin geht in die elfte Klasse, nimmt am Schwimmtraining des SC Wörth teil und hat Butterbrezeln für sich entdeckt. Aber es gibt auch einige Dinge, die sie vermisst.
„Mein Auto“ – Kinsey Becker muss nicht lange nachdenken, was sie bei ihrem Aufenthalt in der Südpfalz vermisst. In den USA machte sie bereits den Führerschein und konnte schon fahren. Hier in Deutschland kann sie das mit 16 noch nicht. Sie war auch erstaunt darüber, als ihre Klassenkameraden davon berichteten, wie teuer und aufwändig es in Deutschland ist, den Führerschein zu machen. In den USA gehört die Vorbereitung laut Kinsey sogar zum Schulstoff. Jedoch kommt sie auch ohne Auto gut zurecht. Kinsey lobt den öffentlichen Nahverkehr. Im Vergleich mit ihrer Heimatgemeinde Rochester im Bundesstaat Illinois sei sogar Hatzenbühl, wo sie bei ihrer Gastfamilie lebt, gut mit dem Bus angebunden.
Schon einiges gesehen
In Rochester leben gut 3800 Einwohner und Einwohnerinnen und damit etwa 1000 mehr als in Hatzenbühl, wo laut Kinsey alles etwas kompakter und auch zu Fuß oder mit dem Rad zu erreichen ist. Die Möglichkeit, zum Beispiel von Wörth mit dem Zug in Richtung Frankfurt oder zu anderen interessanten Städten starten zu können, findet sie auch super. „Bei uns gibt es den Amtrak“ – dieser fährt jedoch relativ selten. Zusammen mit ihrer Gastfamilie hat sie unter anderem schon Speyer und Heidelberg besucht. Bayern mit Schloss Neuschwanstein steht noch auf dem Programm.
Es war Kinseys Wunsch, ein Auslandsjahr in Deutschland zu machen. Im letzten Jahr hat ihre Familie einem Schüler des EGW drei Wochen Herberge geboten. Bei Gesprächen mit den betreuenden Lehrern sprach sie ihren Wunsch an, der ermöglicht werden konnte. Die Eltern unterstützten sie, schließlich nahmen sie selbst früher an Austauschprogrammen teil. Kinseys Mutter stammt aus den Niederlanden und kam bei einem Austausch in die USA, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte.
Und warum gerade Deutschland und nicht die Niederlande? Die Sprache gab für Kinsey den Ausschlag. „Ich denke Deutsch-Kenntnisse kann man gut nutzen“, spricht sie über Möglichkeiten im Berufsleben. Mit ihrer Familie hält sie regelmäßig Kontakt. Es gibt Video-Telefonate mit Mama, Papa und den beiden Brüdern – einer jünger, einer älter. Auch bestückt sie regelmäßig ihr Online-Fotoalbum, das sie mit Familie und Freunden teilt. Thema ist dabei auch: das Essen in Deutschland und der Pfalz.
Lieber Brezeln als Pretzels
„Bei uns in den USA gibt es auch Pretzels. Aber Butter-Brezeln sind so viel besser“, schwärmt die Gastschülerin. Wo die Deutschen Nachholbedarf haben? Beim Barbecue. Zwar hat sie auch hier schon an Grillfesten teilgenommen, jedoch sei das nicht vergleichbar – das fängt schon bei den Soßen an, sagt Kinsey mit einem Augenzwinkern. Ein Hobby der 16-Jährigen: Sport-Schwimmen. Da trifft es sich gut, dass es in Wörth das Hallenbad und den Schwimmclub gibt. Dort nimmt sie ehrgeizig am Training teil. Das Training sei ähnlich wie hier, jedoch sind in Illinois die Trainingseinheiten kürzer, dafür bis zu sechs Mal in der Woche. Dass die Trainingseinheiten in Wörth länger sind, findet sie gut. Zeit, um mehr auszuprobieren. In den USA sind Sport und sportliche Wettbewerbe eng mit der Highschool verbunden. Das Schwimmbad in ihrer Heimat ist etwas größer als das Wörther Bad, kann Kinsey berichten. Unter anderem gibt es ein eigenes Becken für Sprünge.
Im Schulalltag gibt es auch so einige Unterschiede zwischen den Systemen. So sind Fremdsprachen an der Highschool nicht verpflichtend. Möchte man allerdings nach der Schule auf ein College, sind zwei aufeinanderfolgende Jahre einer Fremdsprache eine der Voraussetzungen. Die meisten Schüler wählen Spanisch. Im Mittleren Westen folgt auf Platz Zwei der Beliebtheitsskala Deutsch. Wohl auch weil hier so einige Familien deutsche Wurzeln haben.
Bei der Frage nach dem größten Kulturschock kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: „Das Lüften und die Fenster!“, sagt Kinsey lachend. Fenster zum Kippen kannte sie so nicht – und auch dass man immer mal wieder frische Luft in die Wohnung oder ins Klassenzimmer lässt, ist eine Sache, von denen sie ihren Freunden daheim nach ihrer Rückkehr nach dem abgeschlossenen Schuljahr sicherlich berichten wird.