Kandel RHEINPFALZ Plus Artikel Organspende: Drei Tote retten zehn Leben

In der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Jena wird am bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für
In der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Jena wird am bei einer Operation einem Spender eine Niere entnommen, die für eine Transplantation vorgesehen ist.

Auch kleinere Kliniken wie die Asklepiosklinik in Kandel spielen bei der Organentnahme eine große Rolle. Eine Ärztin und ein Arzt sprechen darüber, wie sie die Gespräche mit Angehörigen erleben und was an der Atmosphäre im Operationssaal im entscheidenden Moment besonders ist.

Die Zahlen sind dramatisch: Etwa 8500 Menschen warten in Deutschland derzeit auf ein Spenderorgan, oft jahrelang. Von den Patienten, die eine Leber benötigen, verstirbt während der Wartezeit ein Drittel. Die Organtransplantation ist großen Universitätskliniken vorbehalten. Doch bei Organentnahmen leisten auch kleinere Häuser wie die Asklepiosklinik Kandel einen wichtigen Beitrag.

In Kandel würden ein bis zwei Mal pro Jahr Organe entnommen, „das ist eine absolute Seltenheit“, lobt Ana Paula Barreiros, Geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Region Mitte. Im Jahr 2022 gab es sogar drei Menschen, denen nach dem Tod Organe entnommen wurden. Insgesamt konnten sechs Menschen durch die Transplantation einer Niere geholfen werden, drei Menschen wurde eine Leber übertragen, ein Patient erhielt eine Lunge und zwei Menschen konnte eine Hornhaut transplantiert werden. Kandel spielt damit in einer Liga wie die BG-Unfallklinik in Ludwigshafen (3) oder die Unikliniken Kaiserslautern und Trier (jeweils 4).

Ana Paula Barreiros, Geschäftsführerin Region-Mitte Deutsche Stiftung Organspende
Ana Paula Barreiros, Geschäftsführerin Region-Mitte Deutsche Stiftung Organspende

Für DSO-Fachfrau Barreiros ein klares Indiz für „eine außergewöhnlich gute Qualität der Intensivmedizin“. Denn diese sei eine Voraussetzung dafür, dass ein Verstorbener, bei dem der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms festgestellt wurde (auch Hirntod genannt) überhaupt viele Organe spenden kann. Denn ohne die Regulation des Gehirns kommt es zu Ausfällen im Körper. Auf der Intensivstation müssen Maßnahmen ergriffen werden, damit die Funktion der Organe erhalten bleibt. Atmung und Kreislauf werden künstlich aufrechterhalten.

Und um eine Sorge gleich auszuräumen, merkt sie an: „Es geht immer zuerst darum, das Leben des Patienten zu retten.“ Doch manchmal kann der Patient trotz aller Bemühungen nicht mehr gerettet werden, Krankheit oder Unfallfolgen sind zu weit fortgeschritten. Mitunter tritt dann der Hirntod ein. Für die Feststellung des Hirntods gibt es strenge Regeln, die von der Bundesärztekammer erlassen wurden.

Die strengsten Regularien weltweit

In Deutschland geht es also um den ’irreversiblen Hirnfunktionsausfall’. „Bei der Diagnose gibt es drei Schritte: zuerst wird geklärt, ob die Voraussetzungen überhaupt gegeben sind, dann werden die klinischen Symptome geprüft und im letzten Schritt muss nachgewiesen werden, dass der Zustand irreversibel ist“, sagt Volker Moog, Intensivmediziner in Kandel. Das kann durch eine erneute Prüfung der klinischen Symptome nach einem festen Zeitraum oder durch zusätzliche apparative Methoden erfolgen. Diese Überprüfung dürfen nur Ärzte übernehmen, die Erfahrung in diesem Fachgebiet haben. Je nach Ausstattung einer Klinik werden alle notwendigen Untersuchungen von den Ärzten dort vorgenommen oder die DSO vermittelt bei Bedarf Konsiliarärzte.

Für den Erfolg der Transplantation der entnommenen Organe ist es wichtig, dass bei dem verstorbenen Spender auf der Intensivstation organprotektive Maßnahmen ergriffen werden. Das bedeutet, dass früh darauf geachtet wird, die potenzielle Spenderorgane gut zu erhalten, dass also der hirnverstorbene Patient zum Beispiel hinsichtlich Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung oder Blutzuckerspiegel engmaschig überwacht wird.

Organspende bedeutet Mehrarbeit für Personal

Denn jedes Organ wird dringend benötigt. Die Zahlen seien deutschlandweit eingebrochen, sagt Barreiros. In der Region Mitte, vor allem in Rheinland-Pfalz, war ein dramatischer Rückgang an Organspenden zu verzeichnen, von insgesamt 57 im Jahr 2021 auf 33 im Jahr 2022. Dabei habe es in den Jahren zuvor stets einen Anstieg bei den Organspenden gegeben, sagt Barreiros, die seit 7 Jahren die Geschäftsführung inne hat. Eine Ursache für den Rückgang sei auch die Arbeitsverdichtung auf den Intensivstationen, der Mangel an Fachkräften sowohl beim Pflegepersonal, als auch bei den Ärzten. „Eine Organspende bedeutet immer Mehrarbeit für die Klinik“, betont Barreiros. So stehen zum Beispiel Blut- und Gewebeuntersuchungen an. „Diese Arbeiten sind wichtig, um die Organempfänger zu ermitteln und um zu verhindern, dass eine unentdeckte Erkrankung weitergegeben wird.“ Auch andere Merkmale müssen passen, so können die Organe eines großen Mannes später nicht einer kleinen, zarten Frau gespendet werden. Die Vermittlung der Organe folgt nach festen Regeln, nach rein medizinischen Kriterien.

„Eine wichtige Aufgabe im Prozess einer Organspende ist es, frühzeitig den Willen eines potenziellen Organspenders zu ermitteln. Dazu suchen wir das Gespräch mit den Angehörigen“, sagt Moog. Die Ablehnungsquote von Seiten der Angehörigen sei dramatisch gestiegen, sagt Barreiros. Nur bei einem Bruchteil der Verstorbenen, bei denen eine Organspende möglich wäre, liegt eine mündliche oder schriftliche Willenserklärung zur Organspende vor. Dann werden die Angehörigen gebeten nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen zu entscheiden. „Wir appellieren an alle, sich über Organspende zu informieren und zu Lebzeiten eine eigene Entscheidung zu treffen. So macht man diese Situation für seine Angehörigen etwas leichter“, so Barreiros.

Erfolgsnachrichten am Schwarzen Brett

„Ich sehe das als meine Aufgabe an“, betont die Kandeler Intensivmedizinerin Verena Memmer. Dabei gehe es sicher nicht darum, die Angehörigen zu etwas zu überreden. Sondern es geht um die Frage: Was wollte der Patient? „Wenn es sein Wille war, dann wäre es ja schade ... “, sagt sie. Memmer erinnert sich daran, auch schon von Angehörigen angesprochen worden zu sein, „sie wollte ja immer Organe spenden“.

In Kandel ist das Thema ein Herzensanliegen, sagt Moog. Er berichtet von Kollegen, die ihr freies Wochenende geopfert haben, um eine Entnahme zu begleiten. „Man muss die Kultur der Organspende leben.“ Danach gebe es stets Nachricht über Alter und Geschlecht der Organempfänger, der Menschen, denen oft auf diese Weise das Leben gerettet wurde. Diese werden dann an das schwarze Brett gehängt. „Da freuen sich alle.“

Asklepiosklinik Kandel, Oberärztin Verena Memmer und Chefarzt Volker Moog, Kandel ist bei Organentnahmen weit vorne.
Asklepiosklinik Kandel, Oberärztin Verena Memmer und Chefarzt Volker Moog, Kandel ist bei Organentnahmen weit vorne.

Ein Organspender rettet im Schnitt drei Leben, sagt Barreiros. Sie wünscht sich einen anderen Fokus. Mit der Feststellung des Hirntodes gilt der Mensch als tot. Wenn es keine Organspende gibt, werden die Maßnahmen zur Aufrechterhaltung von Atmung und Kreislauf beendet. Die Organentnahme selbst laufe dann äußerst pietätvoll ab, sagt Moog. „Das Team lernt den Patienten erst kennen. Wir reden nochmal über ihn, es gibt eine Schweigeminute und eine Minute des Dankes.“ Danach läuft die Zeit: Ein Herz muss innerhalb von vier Stunden nach der Entnahme wieder eingesetzt werden, eine Leber 8 Stunden danach, bei der Niere bleiben 12 Stunden.

Viele Ärzte in einem Raum

Im Operationssaal ist dann viel los, da für die einzelnen Organe einzelne Mediziner zuständig sind. Das Team, das Herz oder Lunge entnimmt, ist sowohl für die Entnahme als auch für die spätere Transplantation zuständig. Für die Entnahme von Leber, Bauchspeicheldrüse und Niere reist ein regionales Team an, das die Organe dann allerdings an andere Mediziner weiter gibt. Ein anderes Team übernimmt die Entnahme der Hornhaut.

Die wertvolle Fracht wird von der Kandeler Klinik je nach Bestimmungsort per Auto, Hubschrauber oder Flugzeug zum Transplantationszentrum gebracht. Die Vergabe der Organe ist komplett von der DSO abgekoppelt und läuft über Eurotransplant. Darin haben sich Belgien, Niederlande, Luxemburg, Deutschland, Österreich, Kroatien, Slowenien und Ungarn zusammengeschlossen.

Sind die Operationen abgeschlossen, kommt eine weitere wichtige Phase: „Die Angehörige haben danach noch Zeit, sich zu verabschieden“, sagt Moog. Dabei müsse man keine Sorge vor einer Entstellung durch die Entnahme haben. Die Patienten kommen danach zurück auf Station, in ein Einzelzimmer, bekommen ihre Kleidung wieder angezogen. „Das erklären wir den Angehörigen in den Gesprächen häufig, das ist vielen sehr wichtig“, sagt Memmer.

Was viele nicht wissen: Auch nach einer Krebserkrankung kann man noch Organe spenden. Es komme bei der Entscheidung auf die Art des Krebses, das Stadium der Krankheit und die Behandlungsform an. „Da geschieht nichts leichtfertig“, versichert Moog. Ein hohes Alter schließt keine Organspende aus. Die letzte Entscheidung liegt bei der DSO. Denn manchmal werden Spenden auch abgelehnt: „Das Empfängerschutz ist das A und O“, sagt Barreiros. Deshalb war eine Coronainfektion bis 2022 ein Ausschlusskriterium, heute ist eine Spende auch in diesen Fällen unter bestimmten Umständen möglich.

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