Geschichten aus der Geschichte RHEINPFALZ Plus Artikel Die verlorene Ehre des Pfarrers Feldbausch

Das Grab von Pfarrer Feldbausch in Rheinzabern.
Das Grab von Pfarrer Feldbausch in Rheinzabern.

Anfang April 1871 war in der „Rheinpfalz“ zu lesen, „daß der bekannte pfälzische Pfarrer Feldbausch, welcher seiner freisinnigen Anschauung halber vom bischöflichen Ordinariat in Speier abgesetzt, von seinen würdigen Kapitelsgenossen aber förmlich in Verruf erklärt worden war, und nun die geistliche Behörde auch wegen fernerer Maßregelung, insbesondere wegen verhängter Suspension seines Ruhegehaltes, gerichtlich zu belangen sich genöthigt sah, am 4. April plötzlich gestorben ist.“ Was war geschehen?

Peter Anton Feldbausch (1810-1871) war seit 1858 Pfarrer von St. Michael in Rheinzabern Er war nicht nur sehr belesen, seine Privatbibliothek umfasste gemäß Nachlassversteigerung über 800 Bücher, sondern auch Autor geistlicher Werke. Wortgewandt tat er sich jedoch auch in zahlreichen Leserbriefen und als Vertreter des katholischen Klerus im bayerischen Landrat hervor. Er traf dabei nicht immer den guten Ton. Aber scharfzüngig ging es damals auf beiden politisch verfeindeten Seiten zu: Hier die eher liberal Gesinnten, die, wie Feldbausch. in der Fortschrittspartei ihre politische Heimat fanden; dort die fortschrittsfeindlichen, antiliberalen und antipreußischen Katholiken, die nur die Meinung des sich 1870 als unfehlbar erklärten Papstes gelten lassen wollten. Zu diesen „Ultramontanen“ gehörten auch zwei der schärfsten Gegner Feldbauschs: Das war zuletzt sein Leimersheimer Kollege Pfarrer Dr. Krüll.

Stochern in alten Wunden

Der Verleger der „Pfälzer Zeitung“, Dr. Jäger, übte schon seit Jahren immer wieder schärfste Kritik an Pfarrer Feldbausch und stocherte in alten Wunden. Eine davon war Feldbauschs Verhalten im Revolutionsjahr 1848. Damals hatte er in seiner damaligen Pfarrei Dürkheim „in einer Volksversammlung die Armen gegen die Reichen und durch geheime Umtriebe die Bürger gegen den Stadtrath, ja zu Brandstiftung und Zerstörung der Badanlage aufgereizt“. Das im Jahr davor von König Ludwig I. zum „Solbad“ erhobene (Bad) Dürkheim reagierte sehr empfindlich: Der Pfarrer wurde verprügelt und musste „das Weite suchen“. Er tat in den nachfolgenden zehn Jahren am Westrand des bayerischen Rheinkreises, in Bexbach, seinen stillen Dienst als Gemeindehirt.

Dann kehrte er in die Rheinebene und in die Politik zurück. Er übernahm die Pfarrei Rheinzabern und setzte sich als Wahlmann für den bayerischen Landtag dafür ein, dass Dr. Jäger nicht gewählt wurde. Schließlich wurde er selbst Landratsmitglied. Als solches musste er klare Positionen beziehen, was bei dem fortschrittlich gesinnten und differenzierter denkenden katholischen Geistlichen zu Rollenkonflikten führte. Seine uneindeutigen Stellungnahmen boten immer mehr Angriffsfläche für die reaktionär und erzkatholisch orientierte Presse.

Frühgottesdienst verzögert Schulbeginn

1865 beantragte der aus 18 protestantischen und fünf katholischen Mitgliedern bestehende Landrat die Schulverordnungen aufzuheben. Demnach waren die katholischen Schüler verpflichtet, „nicht blos dem Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen, sondern auch in der Woche ... dreimal dem Frühgottesdienste ... beizuwohnen.“ Dadurch verspätete sich oft der Schulbeginn. Und es kam dazu, dass „in den Wintermonaten bei strenger Kälte die Schüler, namentlich die jüngeren Kinder der Volksschulen und unter diesen besonders die ärmeren und unvollkommen gekleideten, bezüglich ihrer Gesundheit ernsten Nachtheilen durch den Besuch des Frühgottesdienstes ausgesetzt“ waren. Zwei Jahre später wurde die Abschaffung des konfessionellen Geschichtsunterrichts beantragt. Beide Male hielt sich Feldbausch unter Verweis auf innerkirchliche Angelegenheiten beziehungsweise seine kirchliche Gebundenheit zurück, zuzustimmen.

Der Grabstein von Pfarrer Peter Anton Feldbausch.
Der Grabstein von Pfarrer Peter Anton Feldbausch.

„In Anbetracht seiner Stellung“ als katholischer Pfarrer stimmte Landratsmitglied Feldbausch bei der Abstimmung zu einem neuen Schulgesetz Ende 1868 auch nicht gemäß seiner Gesinnung. Er gab ein „Separatvotum“ ab, obwohl er sich „mit allen Artikeln des neuen Schulgesetzentwurfes einverstanden“ zeigte. Der vom liberalen Ministerium eingebrachte Gesetzentwurf scheiterte 1869 an dem Streitpunkt der Einführung konfessionell gemischter Schulen; Pfarrer Feldbausch kostete es die Ehre. Mit seiner Erklärung brachte er die „gesamte pfälzische katholische Geistlichkeit“ gegen sich auf, die aus Furcht vor einer „Entchristlichung“ der Schule eine „entschiedene Gegenerklärung“ in Form eines Misstrauensvotums abgab. Gleichzeitig beschlossen die Pfarrer des Landkapitels Germersheim, mit ihrem Kollegen Feldbausch so lange jeden „amtsbrüderlichen Verkehr“ abzubrechen, bis er in einer öffentlichen Erklärung sein Separatvotum widerrufen hat. Feldbausch legte stattdessen die Angelegenheit dem Staatsministerium des Innern zu Entscheidung vor, wogegen das bischöfliche Ordinariat Speyer Einspruch erhob. Dieser wurde rasch verworfen und das Verfahren des Dekanats und Landkapitels Germersheim gegen Landrat und Pfarrer Feldbausch als „der rechtlichen Grundlage entbehrend“ erklärt.

Presse diffamiert Pfarrer

Die Presse hielt dies nicht zurück, Feldbausch in immer aggressiverem Ton zu diffamieren, ihm „conservative Heuchelei“, „Verpreußungsideen“ und eine „Sucht nach einem Sitze in der Abgeordnetenkammer“ zu unterstellen. Deshalb habe er „fortschrittlich stimmen“ wollen, „wagte es aber nicht, weil er sich anderwärts stets conservativ gerirt hatte, – so schwankte er hin und her, bis endlich das armselige Votum zu Tage kam“. Noch schlimmer waren Beschimpfungen wie „preußischer Kukuk“ und „Apostel des ’reinen Evangeliums’ von der alleinseligmachenden Pickelhaube“ sowie der Vergleich mit dem Verräter Judas.

Feldbusch war durch die konzertierte Aktion seiner „Brüder im Herrn“ über Monate isoliert und reagierte zunehmend überempfindlich. Als man auch seinen Kaplan Hendricks zu beeinflussen versuchte, wehrte er sich. Er schwärzte seinen benachbarten Pfarrerskollegen Dr. Krüll, zuständig für die Gemeinden Leimersheim und Neupotz, in Speyer an. Er warf ihm vor, sich mehrfach in Leimersheim und in Rheinzabern mit dem jungen Kaplan in einem Wirtshaus zu treffen. Es soll dabei nicht nur schon am Vormittag Alkohol geflossen sein. Nein. Die beiden Geistlichen hätten sogar „öffentlich Karten mit ganz gewöhnlichen Leuten“ gespielt. Pfarrer Dr. Krüll wurde deshalb am 30. Dezember 1869 vom Generalvikar zur Stellungnahme aufgefordert.

Zeitung lesen und spielen

Der zehn Jahre jüngere Dr. Friedrich Honorat Krüll (1820-1876) kam erst 1859 von Regensburg in die Diözese Speyer. Er war seit 1864 Pfarrer in Leimersheim, wo er engagiert, aber auch sehr konservativ auftrat. Seine streng papsttreue, antiliberale und anitsemitische Haltung verbreitete er seit 1865 in einer „geschlossenen Gesellschaft ehrenwerter katholischer Männer“, „einer Art zwanglosen Casinos“. Neben der Lektüre von durch den Pfarrer bereitgestellter „zehn politischen, religiösen und unterhaltenden Zeitschriften“ pflegte man auch Geselligkeit bei Spielen von Schach, Domino und einem Kartenspiel. Gegenüber seinem Dienstherrn in Speyer rechtfertige sich Krüll Anfang 1870 mit folgenden Worten: „Seit dem in unserem Vaterlande die politisch kirchliche Agitation den katholischen Klerus benötigte, sich ... an die Spitze der patriotisch und gut katholisch Gesinnten zu stellen, ... war die erwähnte Leimersheimer Gesellschaft der Sammelplatz derjenigen Männer, die treu zu mir ... standen und vermöge ihres Einflusses in der Gemeinde den fortschrittlichen, kirchenfeindlichen Bestrebungen wirksam entgegen“ traten. Letztere hätten sich auch in Leimersheim „geltend machen wollen“ und seien „durch das hiesige Judentum, sowie durch ein bekanntes skandalöses Beispiel klericaler Natur von Rheinzabern her genährt“ worden.

„Heiß war der Kampf ... vorigen Jahres, welchen die Mitglieder und Freunde des hiesigen katholischen Geselligkeitsvereins gegen die beschnittenen und unbeschnittenen Gesinnungsgenossen des Herrn Feldbausch zu bestehen hatten, aber Gottlob! Es ist mir und meinen Casinofreunden gelungen, die fortschrittlichen Hoffnungen der Partei, welcher Feldbausch angehört, zu vernichten, und Leimersheim die Ehre, ein patriotischer und gut katholischer Ort zu seyn, zu retten.“

Geistliche meiden Kollegen

„Da die Geistlichen des Kapitels Germersheim sich ... das Wort gegenseitig gegeben hatten, daß sie, um ihre katholisch-priesterliche Ehre nicht zu beflecken, das Haus des Feldbausch bis zu seiner Besserung nicht mehr betreten würden“, hätten erforderliche Gespräche mit Kaplan Hendricks (1841-1877) in Rheinzabern außerhalb des Pfarrhauses stattfinden müssen. Den Kaplan habe Pfarrer Krüll in die Casino-Gesellschaft eingeführt, damit er die ihm gemäße Unterhaltung bekomme. Dies sei „begreiflich, wenn man weiß, in welch abstoßender Weise Feldbausch seinem Kaplan, dem allein zu verdanken ist, was noch kirchlich Gutes in Rheinzabern besteht, entgegenkommt.“

Die Denunziationen und soziale Isolierung hatten ihre Wirkung. Die von Feldbausch selbst veranlassten sittlichen Überprüfungen von Pfarrer Krüll wurden rasch eingestellt und stattdessen „gegen den fortschrittlichen katholischen Pfarrer Feldbausch in Rheinzabern ... eine Untersuchung eingeleitet.“ Es wurde ihm bald darauf nicht nur Amt und Würden, sondern auch seiner Pension entzogen. Nachdem er sich entschieden hatte, gerichtlich gegen die geistliche Behörde vorzugehen, ereilte ihn am 4. April 1871 ein „plötzlicher Tod“ (morte improvvisa).

Es kommt zum Kulturkampf

Der seit Jahren schwelende Konflikt zwischen fortschrittlichen Kräften und katholischer Kirche, der als „Kulturkampf“ in die Geschichte einging, erreichte mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 seinen Höhepunkt. Dazu gehörte auch das 1872 erlassene Gesetz, das den Jesuitenorden verbot, der als „Speerspitze des Papstes“ galt; Ordensmitglieder wurden ausgewiesen und flohen unter anderem ins benachbarte Holland. Heute kaum noch vorstellbar, zehn Jahre nach der Wahl des ersten Jesuiten zum Papst und fünf Jahre nachdem erstmalig ein gebürtiger Leimersheimer in den Jesuitenorden eingetreten ist. Vor 150 Jahren wäre er infolge dieser Entscheidung des Landes verwiesen worden.

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