Eisenberg
Nach 14 Jahren: Warum dieser Mann jetzt abgeschoben werden soll
Im Alter von 25 Jahren kam T. am 12. Juni 2009 nach Deutschland. Er sagt, er habe Schlimmes erlebt: Im Alter von drei Jahren habe er aus nächster Nähe mit ansehen müssen, wie sein Vater, ein wohlhabender Geschäftsmann in Aserbaidschan, der zahlreiche Läden hatte, im Garten seines Hauses erschossen wurde. „Mein Vater war offensichtlich in mafiöse Geschäfte verwickelt, man neidete ihm seinen Erfolg“, erzählt T. stockend.
Im Laufe der folgenden Jahre habe die Familie ihr gesamtes Vermögen verloren, lediglich das Elternhaus sei erhalten geblieben. Eine Tante wohne heute darin. „Ich selbst kam in ein Heim, da ich die Erlebnisse nicht überwinden konnte, und wurde dort im Laufe der Jahre an einen übergroßen Tablettenkonsum gewöhnt, nahm extrem an Gewicht zu, wog fast 100 Kilogramm und war einfach nur krank“, erinnert er sich.
Geburtsdatum ebenfalls falsch
Immer wieder habe er an Suizid gedacht. „Ich dachte damals, entweder bleibe ich in Aserbaidschan, um zu sterben, oder ich gehe nach Deutschland, um gerettet zu werden“, sagt der 39-Jährige. Wie viele seiner Landsleute sei er mit einem Schlepper über die Grenze in die Bundesrepublik gekommen. „Der Schlepper sagte uns damals, wir sollten auf keinen Fall unseren richtigen Namen und unser richtiges Geburtsdatum angeben, sonst würden wir sofort zurückgeschickt. Also gab ich – aus Angst, etwas falsch zu machen – einen falschen Vornamen und ein falsches Geburtsdatum an“, sagt T. bedauernd und kleinlaut.
Ob das typisch für Schlepper ist, dass sie ihren Kunden solchen Anweisungen geben? Anfragen an das Mainzer Integrationsministerium sowie an das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bringen keine weiteren Aufschlüsse über die üblichen Verhaltensweisen und Anweisungen von Schleppern gegenüber Flüchtlingen.
13 Jahre im Container
T jedenfalls berichtet: Nach anfänglichen Integrationsschwierigkeiten habe er sich gut in Eisenberg eingelebt, wo er auch bald eine Arbeitsstelle gefunden habe. Diese habe er jedoch nicht antreten können, da er keine Arbeitserlaubnis bekam und bis dato nicht hat. „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich gerne bei der Bahn arbeiten oder eine Ausbildung machen – mein Traumberuf war immer Lokführer“, sagt er.
13 Jahre lang habe er in einer Containerwohnung in Eisenberg gelebt. „Ich hatte meist ein Zimmer mit einem anderen Flüchtling zusammen und zeitweise auch alleine. Küche, WC und leider auch den Briefkasten mussten alle zwölf Bewohner des Containers zusammen benutzen“, so T. Erst vor einigen Monaten habe er eine eigene Wohnung gefunden. Seit Beginn seines Aufenthaltes in Eisenberg habe er Kontakt zur Moscheegemeinde gesucht und dort Freunde gefunden. Seine Deutschkenntnisse sind gut, aktuell hat er als bester Schüler seines Kurses die B1-Prüfung bestanden. „Durch meine traumatischen Erlebnisse in Aserbaidschan leide ich bis heute unter Angstzuständen und bin deshalb regelmäßig in ärztlicher Behandlung“, sagt er.
Fristverlängerung bis 23. Juni
Doch nun hat ihn seine falsche Identität eingeholt: Sein richtiger Name wurde über die deutsche Botschaft in Baku/Aserbaidschan ermittelt, ihm droht aktuell die Abschiebung. „Im Falle einer freiwilligen Rückführung würde die Abschiebung im Juni oder Juli erfolgen, ohne Zustimmung war der erste Termin bereits am 31. Mai, aber durch das Einschalten der Härtefallkommission in Mainz haben wir eine Fristverlängerung bis 23. Juni erreichen können“, sagt Anneliese Ecker-Henn, Flüchtlingshelferin aus Eisenberg. Es seien weitere Unterlagen eingereicht worden, unter anderen zahlreiche Leumundsschreiben von diversen Stellen in Eisenberg, auch von der Moscheegemeinde und der Volkshochschule Donnersbergkreis, die T. ein tadelloses Zeugnis ausstellen und darum bitten, dass er bleiben darf.
Auch Unterschriften seien schon viele gesammelt worden. Claudia Veit, die Berufsbetreuerin des Amtsgerichtes in Rockenhausen, steht T. neben Ecker-Henn bei zahlreichen Aufgaben zur Seite. „Die nachträgliche Klärung der Täuschung war Herrn T. aufgrund seiner immer noch bestehenden Ängste und Traumata einfach nicht möglich“, sagt sie. T. sieht Eisenberg als seine Heimat an. Er sagt: „Ich fühle mich, als sei ich in Eisenberg geboren, habe vieles von früher vergessen, will mich auch nicht erinnern. Die Erinnerung macht mir Angst und tut einfach zu weh.“ Was für ihn bleibt, ist die Hoffnung, dass der Härtefallantrag Erfolg hat und dass er in Deutschland bleiben darf.