Eisenberg / Leiningerland
Gienanth-Insolvenz gefährdet Ausbildung in anderen Firmen
Zur Einweihung vor fünf Jahren pilgerte, was Rang und Namen hat: Der damalige Eisenberger Stadtbürgermeister Adolf Kauth (FWG) etwa überreichte den traditionsreichen Brotstempel seiner Stadt, der Donnersberg-Landrat Rainer Guth (parteilos) das Wappen seines Kreises in Holz – und als eigentlicher Stargast gab sich auch Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) die Ehre. Denn offiziell in Betrieb zu nehmen war etwas, was nach großer Zukunft klang: eine Lehrwerkstatt, die fürderhin „Gienanth Akademie“ heißen sollte.
Eine Million Euro investiert
Deren funkelnagelneue Heimat: eine moderne Werkstatt hinter historischen Arbeiterwohnungs-Fassaden. Für etwa eine Million Euro hatte das Gießerei-Unternehmen auf 500 Quadratmetern die Infrastruktur inklusive Sanitäranlagen, Heizung, Stromversorgung und Lichtkonzept geschaffen, um seinen angehenden Gießereimechanikern, Industriemechanikern, Elektronikern, Modellbauern und Industriekaufleuten – damals insgesamt 40 junge Menschen – optimale Voraussetzungen für die Ausbildung zu bieten.
Doch die Lehrwerkstatt sollte nicht nur für den eigenen Nachwuchs da sein. Auch andere Betriebe konnten sich in den vergangenen Jahren sozusagen dort einmieten, ihre Lehrlinge so einen Teil der Ausbildung bei Gienanth absolvieren lassen. Genutzt haben das vor allem Firmen aus dem Ausbildungsverbund Leiningerland. Doch mittlerweile hat der Zusammenschluss aus derzeit neun Unternehmen ein Problem. Denn nach der Insolvenz der Eisengießerei ist offen, wie es mit deren Nachwuchsschmiede weitergeht.
„Für Erhalt der Ausbildung“
Im Moment wird ein neuer Investor gesucht. Diesen Prozess begleitet eine Anwaltskanzlei, deren Sprecher beteuert: „Ausbildung ist wichtig, gerade in Zeiten des allgegenwärtigen Fachkräftemangels. Deshalb setzen sich Management und Betriebsrat bei Gienanth besonders für einen angemessenen Erhalt der Ausbildung am Standort in Eisenberg ein.“ Also sei die Ausbildungswerkstatt bislang von Stellenstreichungen verschont geblieben. Außerdem gelte: „Gienanth möchte auch im kommenden Lehrjahr ausbilden.“
Unkommentiert lässt die Anwaltskanzlei allerdings das Gerücht, dass die Ausstattung der Werkstatt bereits verkauft und nur noch gemietet sei: Zu „Finanzierungsmodellen einzelner Gienanth-Bereiche oder der Gesamtgesellschaft äußern wir uns generell nicht“, antwortet ihr Sprecher. Außerdem berichtet er, dass sich in den vergangenen Jahren immer weniger Bewerber für eine Ausbildung in der Gießerei interessiert hätten. Und er räumt ein: Die Insolvenz werde wohl dazu führen, dass sich dieser Trend eher noch verstärkt.
Keine Aussagen zur Zukunft
Also gelte: Aussagen zur Zukunft der Lehrwerkstatt könnten erst gemacht werden, wenn ein Investor gefunden ist. „Dazu laufen die Gespräche mit verschiedenen potenziellen Interessenten auf Hochtouren.“ Im nächsten Schritt müssten mögliche Käufer verbindliche Angebote vorlegen, die mit den Gläubigervertretern abgestimmt werden. Und dann kämen die eigentlichen Vertragsverhandlungen. Wie lange sich das hinzieht, sei offen: Es „hängt von vielen Faktoren ab und kann daher zum heutigen Zeitpunkt nicht seriös prognostiziert werden“.
Doch abwarten können die Werkstatt-Mitnutzer aus dem Ausbildungsverbund nicht. Dessen Gründerin Martina Nighswonger erläutert: Derzeit werden die Lehrverträge fürs nächste Ausbildungsjahr eingefädelt, das im Sommer beginnt. Doch von Gienanth gebe es derzeit weder Zu- noch Absagen – weshalb der händeringend gesuchte Nachwuchs weiterziehe und außerhalb des Leiningerlands fündig werde. Die Chefin des Kleinkarlbacher Chemieunternehmens Gechem befürchtet: Damit ist das Schicksal der Werkstatt schon besiegelt.
Logische Konsequenz
Denn wenn dort kaum mehr Gienanth-Lehrlinge und auch keine Auszubildenden aus anderen Betrieben mehr seien, wäre ihre Schließung mangels Nachfrage die logische – und vielleicht sogar absichtlich herbeigeführte – Konsequenz. Nighswongers letzte Hoffnung: dass sich für den Fortbestand nun alle mit Rang und Namen ins Zeug legen, die vor fünf Jahren zur Einweihung gepilgert waren. Ministerpräsidentin Dreyer sagte damals: „Das ist hier eine tolle, edle, schöne Werkstatt“.