Ramsen RHEINPFALZ Plus Artikel Die Jagdhütte des NS-Gauleiters: Wo sich der Verbrecher entspannte

Die Exkursionsteilnehmer sind sich einig: An der Hütte „Lassmichinruh“ soll aufgeklärt werden.
Die Exkursionsteilnehmer sind sich einig: An der Hütte »Lassmichinruh« soll aufgeklärt werden.

Hier empfing er andere Nazi-Bonzen und erholte sich mit seiner Familie: Im Wald bei Ramsen steht die Jagdhütte des NS-Gauleiters Josef Bürckel. Fachleute haben mit Interessierten bei einer Exkursion darüber gesprochen, wie man mit so einem Ort umgehen sollte.

Gleich vorweg: Endgültige Antworten auf die Frage, wie mit einem Ort wie der Jagdhütte des Gauleiters Josef Bürckel umgegangen werden sollte, sind bei der Exkursion dorthin nicht gefunden worden. Und sie werden wohl auch nie gefunden. Trotzdem war die gemeinsame Veranstaltung des Instituts für Pfälzische Geschichte und Volkskunde (IPGV) aus Kaiserslautern und der Landeszentrale für politische Bildung/Gedenkstätte KZ Osthofen für die rund 50 Teilnehmer interessant.

Nach der gemeinsamen Wanderung von Rosenthal an die Bürckel’sche Jagdhütte „Lassmichinruh“ referierten Christian Decker vom IPGV und Annika Heinze von der Landeszentrale über die Biografie und die Verbrechen des pfälzischen Gauleiters und deren Einordnung in die heutige Erinnerungskultur. Dabei sollte die irgendwann entfernte Inschrift am Balkon des Waldhauses „Lassmichinruh“ nicht das Motto für das Vergessen sein.

Hütte soll keine Gedenkstätte sein

Und – darauf wurde Wert gelegt – die Hütte sollte keine Gedenkstätte, sondern ein Lernort sein. Dabei sei aber nicht auszuschließen und auch nicht zu verhindern, dass sie als „Wallfahrtsort“ der Neonazi-Szene missbraucht werden könnte. In den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit kam dieser Täterort erst durch das Theaterstück des gebürtigen Göllheimer Autors Peter Roos mit dem Titel „Bürckel – Frau Gauleiter packt aus“. Uraufgeführt wurde das Stück, in dem die Jagdhütte als Bühnenbild dient, vom Pfalztheater. Damit war der Anstoß zu einer weiteren, auch wissenschaftlichen, Beschäftigung mit der Person Bürckels gegeben. Als ihre Aufgabe sehen es die LZ und das IPGV deshalb, Aufklärungsarbeit über den Ort und den Täter zu leisten.

Einig waren sich die Teilnehmer der Veranstaltung, dass an Ort und Stelle künftig über die Verbrechen Bürckels informiert werden sollte. Wie dies geschehen könnte, dafür wurden eine Informationstafel, ein Flyer oder ein QR-Code vorgeschlagen. In seinem Impulsreferat informierte Decker darüber, dass über das Gebäude selbst keinerlei Unterlagen vorhanden seien. Gebaut wurde die Hütte im Auftrag des Gauleiters Mitte der 1930er-Jahre als Refugium, in dem er einen Teil seiner Freizeit mit der Familie und Freunden verbrachte.

Erfinder der Deutschen Weinkönigin

Anhand von Fotografien kann der Besuch damaliger ranghoher NS-Funktionäre nachgewiesen werden, so unter anderem NSDAP-Reichsleiter Robert Ley, hinter vorgehaltener Hand auch „Reichstrunkenbold“ genannt. Ebenso wie Bürckel neige er zu exzessivem Alkoholgenuss. Ob „Reichsjägermeister“ Hermann Göring ebenfalls zu Gast war, könne nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden, so Historiker Decker. Erwähnt wurde auch die von Bürckel inszenierte propagandistische Selbstdarstellung auf Fotografien, die in der Jagdhütte entstanden sind.

Christian Decker
Christian Decker

Zur Biografie Bürckels, der sich gemeinhin volkstümlich gab und Erfinder der Deutschen Weinstraße nebst Deutscher Weinkönigin war, gehören aber auch die Verbrechen, in die er eingebunden war und für die er die Verantwortung trug. Beispielhaft seien genannt das Konzentrationslager in Neustadt, der Umgang mit katholischen Geistlichen und die Aktion T 4. Unter diesem Decknamen wurden geistig behinderte Menschen in Pflegeanstalten ermordet. Nicht zu vergessen die Deportation sämtlicher 6500 jüdischen Bürger aus der Pfalz ins südfranzösische Lager Gurs. Die meisten der Deportierten kamen anschließend ins Vernichtungslager Auschwitz, wo sie ermordet wurden.

Einsätze in Wien und im Saarland

Dass Bürckel, der später auch Gauleiter von Wien war und als „Reichskommissar“ den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich vorbereitete, weitere Ämter innehatte, wurde von Decker ebenso sachlich dargestellt. Mit der für die Nazis erfolgreichen Volksabstimmung im Saargebiet stand Bürckel in der Gunst Hitlers. Weitere Ämter waren „Reichsstatthalter der Westmark“ und „Chef der Zivilverwaltung“ in Lothringen. Und in all diesen Positionen ist ihm eine ganze Reihe von Verbrechen nachweisbar.

Als Resümee am Ende der Exkursion waren die beiden Referenten mit der „gelungenen Veranstaltung zufrieden“. Lob ging an die interessierten Teilnehmer mit zum Teil umfangreichem Vorwissen über die Thematik. Das Ziel, Aufklärung zu leisten, sei erreicht worden, zogen Decker und Heinze Bilanz. Ein besonderer Dank galt dem Jagdpächter, der auf der Veranda Mineralwasser bereitgestellt hatte.

Annika Heinze
Annika Heinze
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