Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Was sich Kulturschaffende und Veranstalter 2021 wünschen

Die Unsicherheit, wie es weitergeht, belastet auch Kulturschaffende in Frankenthal. Hier die Werbetafel eines Kölner Kinos.
Die Unsicherheit, wie es weitergeht, belastet auch Kulturschaffende in Frankenthal. Hier die Werbetafel eines Kölner Kinos.

Normalität und mehr Planbarkeit: Das wünschen sich wahrscheinlich nicht nur alle, die in der Kulturbranche arbeiten, nach einem anstrengenden Corona-Jahr. Doch der Blick zurück zeigt auch: Nicht alles war schlecht.

Nicoleta Steffan unterscheidet zwischen Wünschen für das neue Jahr, die realistisch sind – und solchen, die im Moment utopisch erscheinen. Und so wünscht sie sich, statt ihres alten Lebens zumindest mehr Raum für Kunst zu bekommen. „Raum für Kunst“, so heißt auch die Aktion, mit der die umtriebige Organisatorin seit Oktober gegen den Stillstand im Ausstellungsbetrieb kämpft. Ihre Idee: Leerstehende Ladenflächen durch Gemälde und Skulpturen aufzuwerten und damit Künstlerkollegen eine Plattform zu geben. Doch während das Projekt in Frankenthal bei Passanten und Künstlern gut ankommt und auch einige Einzelhändler der Kunst auf ihren Verkaufsflächen Asyl bieten, beißt Steffan bei Immobilienbesitzern auf Granit. „Es ist schwierig, überhaupt persönlich mit den Eigentümern von leerstehenden Läden in Kontakt zu kommen“, sagt die 50-Jährige. Auf E-Mails, Anrufe, selbst auf handgeschriebene Briefe erhalte sie oft keine Antwort. Steffan kennt die Bedenken der Ladenbesitzer, die die Zusatzarbeit scheuen und Angst haben, sich Vermietungschancen zu verbauen. Dass es anders geht, zeige die Kooperation mit Toni Geiger in der Speyerer Straße. Das ehemalige Juweliergeschäft ist durch die ausgestellte Kunst zum Blickfang geworden. Zugleich weisen Plakate darauf hin, dass die Flächen angemietet werden können. Diese und andere Begegnungen zählt Nicoleta Steffan zu den positiven Erfahrungen aus dem zurückliegenden Jahr. „Ohne Corona hätte ich nie erlebt, wie viele Leute man für eine Sache begeistern kann.“

Lux: Privatvorstellung nach dem Kino-Putz

Spielen mit der Familie, lange Telefonate mit Freunden: Christian Kaltenegger kann sich nicht erinnern, wann er in den zurückliegenden Jahren mal Zeit dafür hatte. Im Lockdown, der ihn und sein Team gleich zweimal traf, habe er „entschleunigt“, sagt der Betreiber des Lux-Kinos Frankenthal. Mit seiner Frau habe er Büroarbeiten erledigt und das Kino komplett geputzt. Zur Belohnung hätten sich die beiden auch mal einen Film zu zweit auf der großen Leinwand angeschaut. 2020 sei wirtschaftlich „ein schwieriges Jahr“ gewesen. Das Kino war länger geschlossen als geöffnet. Einnahmen brachen völlig weg, das Team ist seit Monaten in Kurzarbeit. Drei Monate Autokino hätten das nicht ausgleichen können. Neben Gesundheit für alle Menschen wünscht sich Kaltenegger deshalb für 2021 vor allem, „dass die Pandemie bald ein Ende findet“. Allerdings rechnet Kaltenegger damit, dass auch 2021 für sein Kino „kein leichtes Jahr“ wird. Er hofft, im Frühjahr wieder Filme zeigen zu können. Allerdings ist er unsicher, ob das Publikum dann auch wieder zurückkommt.

Musikhaus: Im Wochenrhythmus umgeplant

„Planbarkeit“: Das ist Christian Schatkas Wunsch für das neue Jahr. Im Moment weiß er nicht, ob er sein privates Musikhaus am Strandbad am 10. Januar wieder öffnen kann. Sollte es keine Lockerung geben, hofft er auf eine Sondergenehmigung. „Ich habe ein funktionierendes Konzept und kann meine Schüler komplett ohne Kontakt unterrichten.“ Selbst Bandproben hat Schatka in seiner Musikschule in getrennten Räumen organisiert. In die entsprechende Technik habe er einiges investiert. Zugleich sei ihm 2020 ein fünfstelliger Betrag an Einnahmen weggebrochen. Dass er zumachen soll, während seine Schüler morgens in überfüllten Bussen zur Schule fahren, leuchtet ihm nicht ein. Das zurückliegende Jahr sei sehr anstrengend gewesen. Manchmal habe er im Wochenrhythmus Termine umstellen und auf neue Verordnungen reagieren müssen. Weil lange geplante Konzerte nicht stattfanden, sei viel Arbeit umsonst gewesen. „Da ist es schwer, die Motivation hochzuhalten.“ Er habe das Jahr unter anderem für sich genutzt, viel Gitarre zu spielen und auch selbst Unterricht zu nehmen. „Das hatte ich sonst nicht gemacht.“ Seit Jahrzehnten habe er mal die Wochenenden frei und Zeit für die Familie gehabt, sagt der vierfache Vater. Als Musiker und Konzertveranstalter hofft Schatka, dass die Kultur 2021 „wieder an den Start kommt“. Die Planung für die Jazztage im März läuft jedenfalls schon. Und persönlich wünscht er sich im neuen Jahr mehr Nähe zwischen Menschen. „Zusammen feiern, Freunde treffen, das alles fehlt.“

TAW: Sorge um freiberufliche Kollegen

Mehr echte Begegnungen – mit Zuschauern und mit seinen Kollegen – wünscht sich auch Jürgen Hellmann vom Theater Alte Werkstatt. Er hofft, dass Kultureinrichtungen im kommenden Jahr nicht weiter kurzfristig geschlossen, geöffnet und wieder geschlossen werden. „Das verunsichert Besucher.“ Je länger der Lockdown andauere, umso schwieriger sei es, freiberufliche Kollegen in Projekte einzubinden. „Ich mache mir große Sorgen und hoffe, dass sie alle gut durch die Krise kommen“, sagt der TAW-Chef. 2020 sei herausfordernd und oft frustrierend gewesen. Andererseits habe er oft das Gefühl gehabt: Hier entsteht gerade etwas tolles Neues. Als Beispiele nennt er die verschiedenen digitalen Formate, die das Theaterteam in den beiden Lockdowns entwickelte. Vielleicht sei die Onlineübertragung von Aufführungen auch künftig denkbar. Besonders stolz und froh ist Hellmann, dass das TAW im Sommer drei Monate lang Open Air spielen konnte. „Das war etwas ganz Besonderes.“

Gleis 4: Enttäuscht über Aus für Umzugspläne

Auch Gleis-4-Geschäftsführer Tiemo Feldmann denkt besonders an die vielen Freiberufler in der Musik- und Veranstaltungsbranche, denen von heute auf morgen alle Einnahmen komplett wegbrachen. Sein Kulturzentrum konnte sich dank staatlicher Unterstützung 2020 recht gut über Wasser halten. Trotzdem sei die Unsicherheit, wann man öffnen darf und wann wieder geschlossen wird, sehr belastend gewesen. Das Programm, das noch bis Ende Februar geplant sei, könne er wahrscheinlich nicht realisieren. Enttäuscht habe ihn Ende des Jahres die Nachricht, dass aus den Plänen, mit Kulturzentrum und Music Academy in die alte KBA-Modellschreinerei umzuziehen, nichts wird. „Da hatten wir viel Hoffnung reingesetzt.“ Im August 2024 endet der Mietvertrag des Gleis 4 in der Johann-Klein-Straße. Feldmann hofft, dass Ende diesen Jahres klar ist, an welchem Standort es für seine beiden Betriebe weitergehen kann. Privat war 2020 für den Gleis-4-Chef ein gutes Jahr. Im Mai kam sein drittes Kind zur Welt, im Dezember ist er mit der Familie umgezogen.

CFF: Viel Neues entwickelt

„Das Ende der Pandemie wird wohl leider nicht so schnell kommen“, vermutet Beate Scholl. Die Prokuristin des Congress-Forums Frankenthal hofft trotzdem, dass es mit der Kultur weitergeht und Menschen vielleicht im Frühjahr wieder ins CFF kommen dürfen. Dass die Planung für das 30-jährige Jubiläum aktuell auf Eis liegt, „tut weh“. Das Team schaue, ob es andere Formate gebe, die sich vielleicht im Herbst 2021 realisieren lassen. Scholls Erkenntnis aus dem zurückliegenden Jahr: „Kultur ist ein Grundbedürfnis für viele Menschen.“ Stolz ist die CFF-Chefin, dass es im Lockdown schnell gelungen sei, neue, kreative Konzepte zu entwickeln. „Das hat uns weitergebracht“, ist sie sicher. Gerade im Bereich Streaming werde der Tagungsbereich auch künftig von diesen Erfahrungen profitieren. Für die Kultur sei die Übertragung im Internet nur die zweitbeste Lösung. „Das Live-Erlebnis ist nicht zu ersetzen.“

Will bis Ende 2021 einen neuen Standort für sein Kulturzentrum Gleis 4 gefunden haben: Tiemo Feldmann.
Will bis Ende 2021 einen neuen Standort für sein Kulturzentrum Gleis 4 gefunden haben: Tiemo Feldmann.
Kämpft für die Kunst und gegen Leerstand in der Innenstadt: Nicoleta Steffan.
Kämpft für die Kunst und gegen Leerstand in der Innenstadt: Nicoleta Steffan.
Hat in der Corona-Zeit selbst mal wieder Unterricht genommen: Musikpädagoge und Konzertveranstalter Christian Schatka.
Hat in der Corona-Zeit selbst mal wieder Unterricht genommen: Musikpädagoge und Konzertveranstalter Christian Schatka.
Da war Corona noch weit weg: Lux-Kinochef Christian Kaltenegger (links) mit Sohn Sebastian und Betriebsleiterin Katja Stunz im J
Da war Corona noch weit weg: Lux-Kinochef Christian Kaltenegger (links) mit Sohn Sebastian und Betriebsleiterin Katja Stunz im Januar 2020 auf der Filmwoche in München.
Stolz auf Online-Formate und Open-Air-Festival: Jürgen Hellmann vom Theater Alte Werkstatt, hier mit dem Auszubildenden Ammar Al
Stolz auf Online-Formate und Open-Air-Festival: Jürgen Hellmann vom Theater Alte Werkstatt, hier mit dem Auszubildenden Ammar Alsaied (links).
Dass im Lockdown viel Kreativität gefragt war, habe das Team weitergebracht, denkt Beate Scholl vom Congress-Forum Frankenthal.
Dass im Lockdown viel Kreativität gefragt war, habe das Team weitergebracht, denkt Beate Scholl vom Congress-Forum Frankenthal.
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