Bad Dürkheim
Ein prominenter Kurgast wird im Stadtmuseum geehrt
Die Sonderschau – die erste übrigens seit Ausbruch der Corona-Pandemie – basiert auf einer Wanderausstellung, die das Haus des Deutschen Ostens (HDO) in München auf den Weg gebracht hat, eine Kultur-, Bildungs- und Begegnungseinrichtung des Freistaates Bayern zu Themen der früheren deutschen Staats- und Siedlungsgebiete im östlichen Europa. Rudolf Virchow – das V spricht sich übrigens wie F – erblickte nämlich im heute polnischen Hinterpommern das Licht der Welt. Als Mediziner und Wissenschaftler war dann – Zuschauer der Fernsehserie „Charité“ wissen es – vor allem Berlin sein Tummelplatz. Seine nach eigener Einschätzung produktivste Zeit, seine „sieben fetten Jahre“, verbrachte er aber von 1849 an als junger Professor in Würzburg. Dort war der gebürtige Neuleininger Veit Kaufmann (1828-1912) einer seiner Studenten. Der – inzwischen niedergelassener Arzt in Dürkheim – lockte Virchow 1861 erstmals an die Haardt. Bis 1894 sollte er regelmäßig wiederkommen. Mit Kaufmann, der später die Kinderheilstätten für asthmatische Großstadtkinder gründete, verband ihn bis zu seinem Lebensende eine tiefe Freundschaft.
Ein wichtiger Promotor der aufstrebenden Kurstadt
„Für den aufstrebenden Kurort war das ein Glücksgriff“, erklärt Britta Hallmann-Preuß, die Leiterin des Museums, die die Schautafeln aus München um etliche lokale Bezüge ergänzt hat – und auch bei passenden Exponaten aus dem eigenen Bestand gut fündig wurde. Denn Virchow war nicht irgendwer, sondern die wissenschaftliche Instanz schlechthin im Deutschland dieser Zeit. Sein Wort hatte Gewicht. Als Mediziner beschäftigte er sich mit Zellularpathologie, Bluterkrankungen und Sozialhygiene, er prägte heute jedem bekannte Begriffe wie Leukämie, Thrombose, Embolie oder auch „Kunstfehler“ in Bezug auf ärztliches Fehlverhalten, war im Grunde aber ein Universalgelehrter, der sich gleichermaßen als Historiker, Archäologe, Anthropologe und Ethnologe verstand. Und auch vor der Politik scheute er nicht zurück, war Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung, des preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstags, wo er als Kopf der liberalen Fortschrittspartei zu den erbittertsten Gegnern Bismarcks gehörte – was ihm nach einem besonders heftigen Schlagabtausch 1865 eine Duellforderung des „Eisernen Kanzlers“ einbrachte. Die lehnte Virchow aber mit dem Hinweis ab, dies sei keine zeitgemäße Art der Diskussion.
Virchow war ein Rastloser, der Pfalz blieb er aber treu
In Dürkheim – den Bad-Titel erreichte die Stadt erst 1904 – widmete sich Virchow regelmäßig der Traubenkur, einer von Veit Kaufmann sehr propagierten Form der Entschlackung, bei der die Patienten zur Anregung der Verdauung über den Tag verteilt große Mengen von Trauben in Kombination mit Gemüsebrühe verabreicht wurde, wie Britta Hallmann-Preuß zu berichten weiß. Der prominente Gast aus Berlin kam regelmäßig zur Traubensaison im Herbst und brachte auch oft seine Familie mit. Die lokalen Zeitungen berichteten darüber. Dabei scheint erholsames Nichtstun aber nicht zu dem gehört zu haben, was Virchow suchte. „Er absolvierte immer ein sehr straffes Programm“, sagt Hallmann-Preuß. Auf einer der Tafeln, die die Bad Dürkheimer als lokalen Beitrag zur Schau beigesteuert haben, ist diese Rastlosigkeit am Beispiel des Aufenthalts von 1878 dokumentiert. Insbesondere die vielen Treffen mit Gelehrten der Region wie etwa Jonathan Gernsheim, einem der Gründerväter des Alterthumsvereins, oder Christian Mehlis, dem Pionier der pfälzischen Archäologie, fallen auf. Letzterem griff Virchow 1879 auch finanziell bei seinen Ausgrabungen auf der Limburg unter die Arme. Und mit Heinrich Schliemann, dessen Troja-Projekt er ebenfalls unterstützte, korrespondierte er sogar über den Pfälzer Kollegen. Auch das kann man in der Ausstellung nachlesen.
Ansonsten folgt die Schau weitgehend chronologisch der Biografie des Wissenschaftlers, der sich während der Revolution 1848/49 übrigens in Berlin auch ganz aktiv am Barrikadenbau beteiligte, was nun durch schöne Exponate aus dem in dieser Hinsicht sehr reichen Bestand des Stadtmuseums versinnbildlicht wird. Natürlich gibt es auch etliche Objekte zur Kurgeschichte, zur Medizin der Zeit, wobei hier auch das nahe Naturkundemuseum der Pollichia ein bisschen aushalf, sowie zum Deutsch-Französischen Krieg, bei dem Virchow in gewohnt pragmatischer Tatkraft einen Lazarettzug auf die Beine stellte, um die Not der Soldaten zu lindern. Nicht groß thematisiert werden in der Schau die Irrtümer, die es bei einem so exponierten Wissenschaftler natürlich auch gegeben hat – die Einschätzung des ersten Neandertaler-Funds als krankhaft veränderter Homo sapiens sei als Beispiel genannt. Trotzdem bleibt beim Betrachter die Bewunderung für ein großes Wissenschaftler-Leben. Ein Foto in der Schau zeigt Virchow gegen Ende seines Lebens in seinem Arbeitszimmer – umgeben von Bergen von Papieren. So hat man sich diesen rastlosen Intellektuellen wohl vorzustellen. Dass er trotzdem immer wieder Zeit für einen Besuch in der Pfalz fand und augenscheinlich auch viel Werbung für „sein Dürkheim“ machte, kann man vor dem Hintergrund gar nicht hoch genug einschätzen.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Rudolf Virchow. Begründer der modernen Medizin. Sein Leben, sein Wirken und seine Liebe zu Bad Dürkheim“ wird am Sonntag, 27. März, um 14 Uhr im Stadtmuseum Bad Dürkheim im Kulturzentrum Haus Catoir eröffnet. Martina Kerl, die Kuratorin der HDO-Schau aus München, ist anwesend. Die Ausstellung läuft bis mindestens 31. Mai (mit Verlängerungsoption) und ist dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.