Mannheim
Kurzfilm des Theaters Oliv gegen Gentrifizierung
Der Zuschauer übernimmt die Rolle des Kaufinteressenten einer Immobilie in der Mannheimer Neckarstadt. „Schön, dass Sie da sind!“ heißt ihn die Maklerin willkommen und reißt die Tür auf zu einem gewöhnlichen, gleichwohl pittoresken Hinterhof. In ihren Augen ist er jedoch keineswegs gut genug, sondern gehört dringend luxussaniert. „Ein bisschen Phantasie“ fordert sie, damit wir uns überhaupt vorstellen können, wie das hier dereinst aussehen wird.
Ein gläserner Fahrstuhl und eine eigene Einfahrt samt Tiefgarage würden in Zukunft ein gänzlich anderes, viel nobleres Ambiente schaffen, verspricht die geschäftstüchtige Mittlerin, die von Tanja Götemann gespielt wird. Alles, was hier jetzt noch herumstehe und störe, die abgestellten Fahrräder und der ganze Krempel, würden alsbald verschwunden und der Hof unvergleichbar lichtdurchflutet sein: „Spätestens dann, wenn der Kaufvertrag unterschrieben ist“. Und anstelle der in die Jahre gekommenen hölzernen Tür, die jetzt noch in den unscheinbaren Schuppen führt, werde ein Stahltor „aus mattem Gold“ eingesetzt: „Damit Sie Ihre Wohnoase standesgemäß betreten können.“
„Wollen Sie mich verkaufen?!“
Nur: In dem Schuppen liegt in einem Schlafsack und auf Pappkartons noch ein renitenter Mieter. Günther Mahlberg, der mit dem Mietzins im Rückstand ist, aber deswegen noch lange nicht einsieht, warum er hier weg soll. „Wollen Sie mich verkaufen?!“ fragt er entgeistert.
Bereits 2017 hat das Theater Oliv „Mieter Günther will nicht weg“ erst in Stuttgart, dann in Innsbruck gespielt. „Wir spielten dort in Wohnungen, die kurz vor der Sanierung standen“, berichtet Boris Ben Siegel, der Theaterleiter und Darsteller des Günther. Jetziger Anlass sei der um sich greifende „Gentrifizierungswahn“ gewesen, der dafür gesorgt habe, „dass solide Rentnerinnen aus ihren Wohnungen gemobbt wurden“. Mannheim, der Standort seines kleinen Theaters, sei zunächst noch nicht so sehr von diesem Problem betroffen gewesen, „was sich dann aber schlagartig änderte, insbesondere in der Neckarstadt Ost“, rekapituliert Siegel.
Eine Stellungnahme herausfordernd
Im vergangenen Jahr wollte er sein Stück deshalb auch in Mannheim aufführen, „was aber wegen der Corona-Pandemie-Maßnahmen schnell zum Erliegen kam“. Daher nun der gelungene, knapp viertelstündige Film, der immerhin einen vielversprechenden und doch überzeugend in sich geschlossenen Einblick gewährt in das Stück, das live, vor Ort und vor Publikum aufgeführt, stets zu Interaktionen auf- und starke Reaktionen hervorrief. „Es kam immer zu Situationen, in denen das Publikum Position bezog und sich auf die Seite von Günther stellte oder aber der Maklerin half, ihn aus der Wohnung zu transportieren“, weiß Boris Ben Siegel.
Dahinter muss der Kurzfilm, der auf der Startseite des Theaters Oliv abrufbar ist, freilich zurückstehen. Doch er bietet Einsicht nicht nur ins Stück, sondern ebenso in das „Traumhinterhofambiente“ der Neckarstadter Waldhofstraße. Siegel und Götemann unterstützen mit ihrem Film, an dem auch die Ludwigshafener Manfred Dechert (Buch) und Ali Canalp (Kamera) mitgewirkt haben, das Hausprojekt „Viertel 8“, das sich für solidarische und bezahlbare Wohnräume einsetzt und gegen Gentrifizierung, also den forcierten Strukturwandel zugunsten einer zahlungskräftigeren Klientel. „Das Wohnhaus mit Werkstatt, das als Drehort diente, konnte vor der drohenden Gentrifizierung gerettet werden“, freut sich Siegel. „Ein Lichtblick!“