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Kreis Germersheim

Lebenshilfe-Pflegekräfte verlieren die Kontrolle

Von Nicole Tauer

 

Teilweise werden Pfleger von Patienten gekratzt, geschlagen und angespuckt, heißt es seitens der Heimleitung. Damit es nicht immer dieselben Pflegekräfte trifft, werden die Dienste entsprechend verteilt. ( Foto: dpa)

Hatzenbühl/Kandel: Im Wohnheim „Tom Mutters“ hat es 2014 Übergriffe auf einen Bewohner mit Behinderung gegeben.

Irgendwann klappte der Schalter um: Die Pflegerin fasste dem schwerstbehinderten Stefan Müller* an den Hals und schob ihn grob weg. Nicht nur einmal. Ein Übergriff, ein unangemessenes Verhalten, sagen ihre Vorgesetzten. Vor Gericht wird es später heißen, sie habe ihn am Hals gepackt und geschlagen. Der Vorwurf lautet auf Körperverletzung. Das war 2014. Zu diesem Zeitpunkt arbeitet die Pflegerin schon über zehn Jahre im „Tom Mutters“-Wohnheim und wird als Fachkraft geschätzt. Auch der Behinderte lebt seit über zehn Jahren in der Einrichtung in Kandel. Inzwischen hat die Frau gekündigt und stand im Januar 2017 vor dem Amtsgericht. Der Behinderte lebt jetzt in einem Heim für Autisten im Saarland.

Vorwurf: Körperverletzung

Bei der Lebenshilfe im Kreis Germersheim macht man sich deshalb nicht erst seit der RTL-Reportage über das Lebenshilfeheim in Speyer Gedanken, wie solche Übergriffe vermieden werden können. Denn es gibt weitere Vorwürfe, ebenfalls aus dem Jahr 2014: Ein Pfleger soll Müller* gefährdet und sich in seiner Gegenwart abfällig über ihn geäußert haben. Wieder lautet der Vorwurf auf Körperverletzung. „Wichtig ist, es darf nicht nochmal passieren“, betonen Susanne Rößler und Benno Baumgärtner von der Leitung der Lebenshilfe.

Ein extremer Fall

Die Situation des über 40-jährigen Behinderten ist in jeder Hinsicht extrem: Stefan Müller* ist Autist und leidet unter starken Zwängen. Eine sogenannte mobile Fixierung, bei der die Arme am Körper befestigt sind, soll verhindern, dass er sich ständig schlägt. Da er unter anderem an einem Trinkzwang leidet, steht er unter ständiger Beobachtung. Nur so kann verhindert werden, dass er sich zu Tode trinkt. „Es ist körperlich und emotional schwierig, so einem Verhalten zu begegnen“, sagt Rößler. Der Mann wurde zudem von seiner Familie „sehr intensiv begleitet“, formuliert Baumgärtner vorsichtig, weist auf Spannungen hin. Die Familie stellte über die Jahre hohe Ansprüche an das Heim, versuchte zum Beispiel mit eigenen Therapieansätzen seine Situation zu verbessern. Dabei lief es auch vonseiten der Lebenshilfe nicht immer rund. Rößler sagt offen: „Es gab auch Situationen, die waren von uns aus nicht gut.“ Zum Beispiel wenn Müller* am Wochenende nach Hause gefahren wurde und Medikamente erst vergessen, dann nachgeliefert wurden.

Mitarbeiter werden gekratzt, geschlagen und angespuckt

Über den vor Gericht geäußerten Vorwurf, das Heim sei Stefan Müllers* Art von Behinderung nicht gerecht geworden und habe mit seiner Aufnahme Geld verdienen wollen, kann Baumgärtner nur den Kopf schütteln. Man habe die Familie mehrfach gebeten, doch woanders einen Platz zu suchen, sagt er. Gleichzeitig weiß er: Für Menschen mit dieser Kombination an Behinderungen sind Plätze kaum zu finden. Natürlich sei für einen Autisten eine Gruppe von neun Bewohnern nicht das ideale Umfeld, sagt Rößler. Aber das war im Heim nicht anders möglich. Denn im Tom-Mutter-Haus leben 38 Bewohner mit schwersten Behinderungen. „Das ist ein anderes Begleiten, als im Betreuten Wohnen“, betont Baumgärtner. Die Frauen und Männer müssen auf der Toilette versorgt werden, Pfleger die Intimhygiene übernehmen, bei der Bekleidung helfen, füttern. Ohne Berührungen geht es nicht. Gleichzeitig müssen sich die Pflegekräfte selbst schützen: Mitarbeiter werden verkratzt, geschlagen und angespuckt, bekommen Haare ausgerissen, zählt Rößler aus Berichten auf. Dann können Situationen eskalieren. „Man muss ehrlich sagen, das gibt es“, sagt Baumgärtner.

Vorfälle werden in den Teamsitzungen angesprochen. Aber wie geht man damit um, wenn ein Bewohner den ganzen Tag laut schreit oder sich immer wieder absichtlich einkotet? „Man muss die Pflegekräfte so einteilen, dass es nicht immer dieselben trifft“, sagt Baumgärtner.

Nächste Gerichtsverhandlung noch im März

Der nächste Vorwurf, den das Gericht Ende März klären soll: Ein Pfleger soll, ebenfalls 2014, Müllers* Fixierung gelöst und ihn so gefährdet haben. Hier hat Rößler eine andere Erklärung: Normalerweise wurde Stefan Müller* von zwei Leuten geduscht – einer hat ihn abgewaschen, einer hielt seine Hände fest. In diesem Fall habe der Pfleger Stefan Müller* allein duschen müssen. Schwer wiegt noch ein anderer Vorwurf: Der Pfleger soll in Stefan Müllers* Anwesenheit abfällige Bemerkungen über ihn gemacht haben. Als Konsequenz ist der Pfleger zwar noch bei der Lebenshilfe angestellt, aber als Haustechniker tätig.

"Keiner hat etwas gesagt"

Das Team rund um Müllers* Wohngruppe hatte sich damals mehr oder weniger aufgelöst, erinnert sich Rößler. Es gab fünf Kündigungen. Das hat sie zum Nachdenken gebracht. Vorher wurde das Thema Gewalt mit internen und externen Fortbildungsprogrammen abgefangen. „Vielleicht war das nicht genug. Keiner hat etwas gesagt, bis wir die Leute angesprochen haben.“ Über den Fall informiert wurden sie vom Betriebsrat, dem sich eine Pflegerin anvertraut hatte. Es gab auch Supervision, „aber dieses Team wollte das nicht“, sagt Rößler.

Verhaltenskodex soll helfen

Diese Vorfälle seien die einzigen, die ihnen in den vergangenen Jahren bekannt geworden seien, betonten Rößler und Baumgärtner. Ein Schutzkonzept soll weitere vermeiden. Zwei Einrichtungsleiter und eine Leitung von ambulanten Diensten absolvieren eine Weiterbildung zum Deeskalationstrainer. Es wird ein Verhaltenskodex aufgestellt. „Was tue ich, wenn mir etwas passiert, ich mich unangemessen verhalte oder etwas beobachte?“, zählt Rößler einen Punkt auf. Eine Selbstverpflichtung zur Meldung und Offenlegung ist in Arbeit. Es soll Schulungen geben, die regelmäßig aufgefrischt werden. „Ich glaube nicht, dass Einrichtungen heute noch wegschauen“, sagt Rößler.

Beide Anzeigen wurden von Stefan Müllers* Familie erstattet. Das Verfahren gegen die Pflegerin hatte das Gericht gegen eine Geldauflage von 2000 Euro an den Club Behinderter und ihrer Freunde Südpfalz (cbf Landau) vorläufig eingestellt. Fünf Zeugen konnten sich an die vier Tatvorwürfe nicht mehr genau erinnern.

*Name von der Redaktion geändert