Wissen Wie Piratengold sich als Kulturerbe entpuppt
Das Gold der Volksgruppe der Akan aus dem heutigen Ghana landete während der Kolonialzeit in gewaltigen Mengen in europäischen Schmelzhütten. In historischen Quellen werden die afrikanischen Händler verdächtigt, das Gold systematisch gestreckt zu haben. Hochmoderne Technik und ein versunkenes Piratenschiff ermöglichten nun eine Überprüfung dieser Behauptung.Über Jahrhunderte waren Reiseberichte europäischer Seefahrer die einzige Quelle, um den Handel an der westafrikanischen Küste zu rekonstruieren. Das Problem: Die Berichte sind selten neutral, da sie aus der Perspektive europäischer Händler geschrieben sind. Sie beschreiben die afrikanischen Händler oft als betrügerisch und behaupten, das zum Handel angebotene Gold sei systematisch gestreckt worden. Eine neue Studie, die im Partner-Journal „Heritage Science“ der Zeitschrift „Nature “ erschienen ist , räumt mithilfe hochmoderner Technik und einem spektakulären Fundort – einem versunkenen Piratenschiff – mit diesen kolonialen Narrativen auf.
Kulturgut in der Schmelzhütte
In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbau-Museum in Bochum und US-Wissenschaftlern untersuchte ein Team unter der Leitung des Geochemikers Tobias Skowronek von der Universität Bonn erstmals Goldartefakte der Akan aus dem heutigen Ghana. Bei den Akan handelt es sich um eine große ethnische Gruppe in Westafrika. Solche Funde sind extrem selten. Europäische Händler schätzten nicht die Kunstfertigkeit der Stücke, sondern sahen in ihnen nur einen Rohstoff, den sie direkt einschmolzen. So landete eine gewaltige Menge Kulturgut in europäischen Schmelzhütten. Die Forscher gingen einen ungewöhnlichen Weg und untersuchten die Goldfunde der berühmten „Whydah Gally“. Das einstige Sklavenschiff, das der berüchtigte Pirat Samuel „Black Sam“ Bellamy zu seinem Flaggschiff gemacht hatte, sank 1717 vor der Küste Massachusetts in einem Sturm. Da die Piraten zuvor mindestens 50 Schiffe überfallen und die Beute auf der „Whydah Gally“ angehäuft hatten, ist das Wrack ein riesiges, perfekt datiertes Sammelsurium von Goldmünzen, Nuggets und Schmuck, darunter auch Akan-Gold, das näher untersucht wurde.
Im Forschungslabor des Deutschen Bergbau-Museums wurden die Proben mithilfe von Röntgenstrahlen auf ihre chemische Zusammensetzung geprüft. Die Ergebnisse widersprechen den schriftlichen Quellen deutlich: Das Gold der Akan weist keinerlei Anzeichen von systematischer Streckung auf. Im Gegenteil: Manche Proben bestehen aus fast 100 Prozent reinem Gold.
Natürlicher Silbergehalt im Gold
Einige Stücke enthalten zwar bis zu 25 Prozent Silber, doch genau hier liegt der entscheidende Punkt. Europäische Händler kannten die Geologie des Ashanti-Goldgürtels in Ghana als wahrscheinlichen Herkunftsort nicht. Das Gold dort besitzt einen natürlich schwankenden Silbergehalt. Weil manchmal bis zu einem Viertel des Metalls aus Silber bestand, witterten die Europäer Betrug und gaben den afrikanischen Händlern die Schuld. Diese Mär vom „falschen Gold“ wurde über Jahrhunderte ungeprüft wiederholt und immer weiter ausgeschmückt. Die Studie entlarvt jahrhundertealte koloniale Vorurteile und bewertet die Geschichte des westafrikanischen Handels neu.