Wissen Tierforschung: Überzeugung statt nur Instinkt

Bordercollies gelten als intelligent. Sie gehören laut Forschern zu den Tieren, die aus Überzeugung handeln.
Bordercollies gelten als intelligent. Sie gehören laut Forschern zu den Tieren, die aus Überzeugung handeln.

Wer ein Haustier hat, der ist sich wahrscheinlich schon lange sicher: Auch Dackeldame Susi hat ihre Prinzipien. Wissenschaftler springen Herrchen und Frauchen jetzt zur Seite. Ihrer Ansicht nach haben Tiere Überzeugungen. Allerdings sind sie schwieriger nachzuweisen als bei Menschen. Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum haben deshalb vier Kriterien vorgeschlagen, die einen Beleg für vorhandene Überzeugungen liefern sollen.

Das erste Kriterium für das Vorhandensein von Überzeugungen, das die Philosophen Tobias Starzak und Albert Newen ausgearbeitet haben, besagt, dass ein Tier Informationen über die Welt besitzen muss. Diese dürfen aber nicht einfach nur zu einer automatischen Reaktion führen, wie bei einem Frosch, der instinktiv nach einem vorbeifliegenden Insekt schnappt.

Stattdessen muss das Tier zweitens in der Lage sein, die Informationen für ein flexibles Verhalten zu nutzen. „Das ist dann der Fall, wenn eine Information mit unterschiedlichen Motivationen verknüpft werden kann“, erklärt Albert Newen. „Zum Beispiel, wenn das Tier die Information, dass es hier in diesem Moment Futter gibt, sowohl zum Essen als auch zum Verstecken des Futters verwenden kann.“

Informationen können neu verknüpft werden

Das dritte Kriterium besagt, dass die Information in einer Überzeugung intern strukturiert ist, man also einzelne Aspekte einer Information getrennt verarbeiten kann. Das zeigt sich zum Beispiel in Experimenten mit Ratten, die lernen können, dass sie eine bestimmte Sorte Futter zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort finden. Ihr Wissen hat demzufolge eine Was-wann-wo-Struktur.

Als viertes Indiz für eine vorhandene Überzeugung nennen die Forscher die Fähigkeit, die Informationskomponenten neu zu verknüpfen. Diese neu zusammengebaute Überzeugung sollte dann flexibles Verhalten ermöglichen. Auch das können Ratten, wie der US-amerikanische Forscher Jonathan Crystal in Versuchen in einem achtarmigen Labyrinth demonstrierte. Die Tiere lernten, dass, wenn sie morgens normales Futter in Gang drei des Labyrinths erhielten, mittags Schokolade in Gang sieben zu finden war.

Als Beispiel für Tiere mit Überzeugungen führen die Bochumer Autoren außerdem Krähen und Buschhäher an. Die britische Forscherin Nicola Clayton führte entscheidende Experimente mit Buschhähern durch. Wenn die Vögel hungrig sind, haben sie zunächst die Tendenz, Futter zu essen. Sind sie satt, verstecken sie die Reste systematisch. Sie erfassen dabei, welches Futter – Wurm oder Erdnuss – sie wann wo versteckt haben. Sind sie in den folgenden Stunden hungrig, suchen sie zunächst die Würmer, die sie lieber mögen. Nach Ablauf der Zeit, mit der Würmer verderben, steuern sie dann nur noch die Erdnuss-Verstecke an.

Flexibilität Zeichen für Überzeugung

„Wenn die Vögel annehmen, dass die Würmer verdorben sind, ändern sie ihr Verhalten – ein gutes Beispiel für eine Überzeugung“, sagt Tobias Starzak. Die Tiere reagieren auch in anderen Situationen flexibel, beispielsweise, wenn sie merken, dass sie beim Verstecken von Konkurrenten beobachtet werden – dann verstecken sie das Futter später neu, um es zu sichern.

Flexible Verhaltensweisen, die als Überzeugungen zu deuten sind, wurden auch bei Ratten, Schimpansen und Bordercollies gezeigt. „Vermutlich haben aber noch viel mehr Tierarten Überzeugungen“, schätzt Albert Newen. Wahrscheinlich also auch Dackel Susi.