Beweger
Hält ewig: Gebäude aus Lehm
Beton, der Stoff der Berliner Mauer, kam für die Kapelle der Versöhnung nicht infrage. Stattdessen wurde der Nachfolgebau der Kirche, die die DDR-Regierung 1985 hatte sprengen lassen, um freie Sicht auf den Todesstreifen zu haben, aus Lehm gebaut.
Die sieben Meter hohen Wände des ovalen Altarraums bestehen aus 60 Zentimeter starkem Stampflehm. Dafür waren 390 Tonnen Erdmaterial nötig, die man aus der näheren Umgebung Berlins heranschaffen ließ. Umhüllt wird der Lehmkern der auf den Fundamenten der Vorgängerkirche errichteten Kapelle von einer Holzlamellen-Konstruktion, die einen umlaufenden Wandelgang nach außen abschließt.
Die im Jahr 2000 eingeweihte Kapelle ist der erste öffentlich errichtete Lehmbau in Deutschland seit über 100 Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Lehm, einer der ältesten Baustoffe der Menschheit, in der modernen Hochglanz-Architektur aus Stahl, Glas und Beton mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Mangels Nachfrage wurde der archaische Baustoff 1971 ersatzlos aus dem Baurecht gestrichen. Die Lehmbau-Regeln seien technisch veraltet und ohne wirtschaftliche Bedeutung, hieß es. An einer Überarbeitung bestehe kein Interesse.
1973, Ölkrise: Die Ersten denken um
Doch dann kam 1973 die erste Ölpreiskrise, die den Menschen in den Industriestaaten ihre Abhängigkeit von Rohstoffen aus fernen Weltgegenden vor Augen führte.
Auf deren Endlichkeit hatte kurz zuvor bereits der Club of Rome in seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums“ hingewiesen. Die mit dem Ölpreis-Schock einhergehende Wirtschaftskrise setzte in den Industriestaaten ein Umdenken in Gang.
In Deutschland, das mit über zwei Millionen Fachwerkhäusern auf eine lange Lehmbau-Tradition zurückblicken kann, begannen einige wenige Pioniere, wieder mit Lehm zu experimentieren. Viele der historischen Fachwerkbauten seien damals falsch saniert worden, berichtet Martin Rauch, einer dieser Vorreiter: „Erst in den 1990er Jahren wurde erkannt, dass man dafür die Originalmaterialien nehmen muss.“
1990er Jahre: Im Zeichen der Wohngifte
Daraus habe sich eine bescheidene Lehmbau-Industrie für Sanierungsprodukte entwickelt, erzählt der Vorarlberger Experte und Baumeister der Versöhnungskapelle: „In den 90er Jahren kam dann das Thema Wohngifte auf.“ Das habe Lehm zu einer Renaissance im Kleinen verholfen.
Lehm ist kein genormter Baustoff, sondern eine Mischung aus Ton, Sand und Feinstsand, auch Schluff genannt. Seine Zusammensetzung ist immer unterschiedlich – je nach Region und Boden, aus dem er stammt.
Lehm lässt sich, darin ähnelt er Beton, mit Wasser in jede erdenkliche Form bringen. Doch anders als Beton, der chemisch aushärtet, gewinnt Lehm seine Festigkeit durch Trocknen an der Luft.
Lehm sei fast überall auf der Welt in nahezu unbegrenzter Menge verfügbar, betont Stephan Jörchel. Geschäftsführer des Dachverbands Lehm in Weimar. „Idealerweise verwendet man das Aushubmaterial der Baustelle.“ Hinzu komme eine ganze Handvoll anderer Pluspunkte.
Dämmung gut, Schallschutz gut, Raumklima gut
„Lehmhäuser sind im Winter warm und im Sommer kühl, erläutert der Bauingenieur. „Zudem puffert Lehm Feuchtigkeit.“ Dadurch bewege sich der Feuchtegehalt der Raumluft in Lehmhäusern immer im für Menschen optimalen Bereich von 40 bis 60 Prozent. Mehr noch: Lehm bindet Schadstoffe aus der Luft und dämmt den Schall.
Trotz dieser baubiologisch herausragenden Eigenschaften hat der Lehm ein schlechtes Image. Dem Bauen mit simpler Erde haftet etwas Primitives, etwas Steinzeitliches an. Und tatsächlich blickt die Menschheit auf eine fast 10.000 Jahre alte Lehmbau-Tradition zurück. Bei Lehmhäusern denken nur die wenigsten an moderne Architektur. Eher hat man Bilder von ärmlichen Hütten in Afrika im Kopf.
Dabei zeigt gerade die Baukunst des schwarzen Kontinents, dass Lehm architektonische Meisterwerke von Weltrang hervorbringen kann. So wurde die zum Weltkulturerbe zählende Große Moschee von Djenné, einer Stadt im westafrikanischen Mali, mit luftgetrockneten Lehmsteinen, Lehmmörtel und Lehmputz errichtet. Ihre Ursprünge gehen bis auf das 12. Jahrhundert zurück.
500 Lehm-Hochhäuser
Auch die Altstadt von Agadez, einer Stadt im Nachbarstaat Niger, ist aus Lehm erbaut. Häuser, Paläste und Moscheen stammen aus dem 16. Jahrhundert, der 27 Meter hohe Turm der Großen Moschee ist heute Wahrzeichen des Wüstenstaates.
Weitere beeindruckende Beispiele der Lehmbaukunst finden sich auf der Arabischen Halbinsel im Jemen – etwa in Schibam, einer Stadt aus 500 Lehm-Hochhäusern, gebaut auf engstem Raum, deren Skyline an Chicago oder Manhattan erinnert. Nur dass die Wohntürme lediglich bis zu 25 Meter hoch und von wüstenartiger Landschaft umgeben sind.
Auch hierzulande gibt es ein historisches Lehm-Hochhaus: der sechsstöckige Wohnturm im hessischen Weilburg an der Lahn. Mit 20 Metern Höhe ist es das höchste Lehmgebäude Deutschlands, zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde es aus Stampflehm errichtet.
Alnatura baut mit Stampflehm
Für diese Technik, die dem Betonbau ähnelt, wird erdfeuchter Lehm, vermischt mit Kies oder Schotter, lagenweise in eine Schalung geschüttet und dann verdichtet. Mit Zusätzen aus Stroh, Hanf oder Blähton lassen sich die Dämmeigenschaften des von sich aus schon wärmespeichernden Lehms weiter verbessern.
Aus Stampflehm besteht auch die neue Firmenzentrale des Naturkosthändlers Alnatura in Darmstadt. Für das 94 Meter lange und zwölf Meter hohe Gebäude hat Lehmbaumeister Martin Rauch die Stampflehm-Technik allerdings weiterentwickelt. Die Fassade setzt sich aus 350, etwa 70 Zentimeter starken Lehm-Elementen zusammen, die in einer benachbarten Halle vorgefertigt wurden. Das dafür benötigte Material stammt aus der Baugrube für Stuttgart 21.
Doch Lehm ist wasserempfindlich. Was passiert, wenn heftiger Regen die Fassade trifft? „Regen wäscht die äußere feine Lehmschicht aus und macht die Fassade rauer“, erläutert Rauch. Denn mit der Zeit kämen die im Stampflehm enthaltenen Steine zum Vorschein. „Die Lehmfugen dazwischen quellen und verhindern, dass Schlagregen tiefer eindringt“, beruhigt der Lehmbau-Experte. „Kalkulierte Erosion“ nennt er das.
Feste Stiefel, breitkrempiger Hut
Wichtig seien allerdings ein Fundament mit Feuchtigkeitssperre und ein Dach mit weitem Überstand. „Lehmhäuser brauchen feste Stiefel und einen breitkrempigen Hut“, sagt Rauch. „Dann halten sie ewig.“
Allerdings sind Gebäude wie die Alnatura-Zentrale hierzulande noch immer die Ausnahme. „Dafür ist eine baurechtlich aufwendige Einzelfallgenehmigung nötig“, erläutert DVL-Geschäftsführer Stephan Jörchel. Deshalb werde die Technik nur für gestalterisch anspruchsvolle Gebäude angewandt, bei denen der Stampflehm-Fassade eine besondere ästhetische Funktion zukomme.
„Viel öfter wird Lehm im Innenbereich verbaut“, berichtet der Bauingenieur. Etwa in Platten für den Trockenbau, in Steinen zum Ausfachen von Holzständerwerk oder im Putzmörtel zum Verputzen von Decken und Wänden. „Aber das ist architektonisch weniger sexy als eine Lehmfassade.“
Beliebig oft wiederverwendbar
Platten, Putze und Steine aus Lehm bietet der Baustoffhandel regulär als Fertigprodukt und in genormter Qualität. Oft mit hohem Anteil an organischen Zusätzen wie Stroh oder anderen pflanzlichen Fasern, um die Bauphysik zu optimieren.
Dass Lehm, der vor 50 Jahren ersatzlos aus dem Baurecht gestrichen wurde, nun wieder als klassifizierter Baustoff gehandelt wird, ist das Verdienst des Lehm-Verbands. In den 90er Jahren hat er Normen und Regeln für das Bauen mit Lehm erarbeitet. „Das sind die bauaufsichtlichen Grundlagen“, sagt Jörchel. „Damit ist Lehm offiziell wieder als Baustoff eingeführt.“
Der Lehm-Anteil am hiesigen Baustoffmarkt betrage aktuell nur etwa ein Prozent, schätzt der Ingenieur. Für die Zukunft rechnet er jedoch mit stärkerem Wachstum. Sein Optimismus hat mit den ökologischen Qualitäten des Naturstoffs zu tun. Denn anders als Beton, dem derzeit wichtigsten Baumaterial weltweit, dessen Herstellung pro Tonne 100 Kilogramm Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, verursachen Lehm-Werkstoffe so gut wie keinen Treibhausgasausstoß.
Und anders als Beton, der eben nur bedingt recycelbar ist, lässt sich verbauter Lehm beliebig oft wiederverwenden. Etwas Wasser genügt schon, um einen getrockneten Block wieder zur formbaren Masse für den Hausbau zu machen.