Lkw-Bauer RHEINPFALZ Plus Artikel Was bei Daimler Truck schiefläuft

Daimler Truck in der Krise: Neue Zahlen setzen die Konzernführung weiter unter Druck.
Daimler Truck in der Krise: Neue Zahlen setzen die Konzernführung weiter unter Druck.

Die neuen Geschäftszahlen von Daimler Truck dürften nicht nur die Konflikte in den Werken in Wörth und Mannheim verstärken – auch die Kritik am Management wird lauter.

Die Schieflage bei Daimler Truck ist nicht allein das Ergebnis schwächelnder Geschäftszahlen, die der Konzern am Donnerstag erneut vorlegte: Der Gewinn beim Nutzfahrzeughersteller brach im vergangenen Jahr um 34 Prozent ein. Das Konzernergebnis ist 2025 im Vergleich zum Vorjahr von rund 3,1 Milliarden Euro auf zwei Milliarden Euro gesunken.

Die Stimmung in den Werken scheint die Härte eines Wandels widerzuspiegeln, der die Belegschaft extrem nervös macht. Dass die Konflikte zuletzt eskaliert sind, zeugt von einer Unternehmensführung, deren Linie von Mitarbeitern und Betriebsräten zunehmend infrage gestellt wird. Und nicht wenige glauben: Der Fisch stinkt vom Kopf.

Berichte über Beleidigungen und Attacken

In den vergangenen Wochen und Monaten gab es Berichte über Drohungen, Beleidigungen und Angriffe. Nach einer hitzigen Versammlung fand der Betriebsratschef des Mannheimer Werks, Bruno Buschbacher, sein Auto offenbar mit aufgeschlitzten Reifen vor. Im Wörther Werk schockieren Berichte über rassistische Attacken gegen einen Mitarbeiter die Belegschaft. Der Mann wollte bei den Betriebsratswahlen antreten. Die möglichen Täter sind unbekannt.

Seit Karin Radström im Oktober 2024 das Steuer bei Daimler Truck übernommen hat, habe sich das Arbeitsklima spürbar verändert, berichten Beschäftigte: eine Managerin mit wenig Gespür für das Geschehen auf Werksebene. Radström gilt als kühl und distanziert – ein starker Kontrast zu ihrem bodenständigen, manchmal hemdsärmeligen Vorgänger Martin Daum. Hinzu kommt, dass die Schwedin nach RHEINPFALZ-Informationen intern überwiegend englisch spricht, was viele Mitarbeiter als zusätzliche Barriere empfinden.

Daimler-Truck-Chefin Karin Radström
Daimler-Truck-Chefin Karin Radström

Auch Finanzchefin Eva Scherer wird von den Beschäftigten zunehmend kritisch gesehen. Im Juli 2025 löste Scherer mit der Verkündung konkreter Stellenabbauzahlen ein Kommunikationsdesaster aus. Die Zahl von 5000 abzubauenden Stellen in Deutschland wurde ohne Rücksprache mit internen Gremien öffentlich gemacht – ein schwerer Affront gegen den Betriebsrat, der sich übergangen fühlte. Nach Informationen der RHEINPFALZ ignorierte sie eine Warnung von Personalvorstand Jürgen Hartwig, der von diesem Vorgehen abriet. Scherer handelte offenbar auf Druck des mächtigen Aufsichtsratschefs Joe Kaeser.

Finanzchefin Eva Scherer
Finanzchefin Eva Scherer

Der ehemalige Siemens-Chef Kaeser ist seit 2021 bei Daimler Truck und spielt seither im Machtgefüge des Lkw-Riesen eine Schlüsselrolle. Er soll es gewesen sein, der Martin Daum zu einem früheren Rückzug drängte und Radström an die Spitze holte. Finanzchefin Scherer gilt als langjährige Vertraute Kaesers aus alten Siemens-Tagen. Mit seinem kompromisslosen Kurs verfolgt er ein klares Ziel, das er Radström gleich zu deren Amtsantritt diktierte: eine Verdoppelung des Börsenwerts. Daimler Truck solle mittel- bis langfristig nicht mehr nur der größte westliche Hersteller von Lastwagen und Bussen sein, sondern auch der ertragreichste und wertvollste.

 Aufsichtsratschef Joe Kaeser
Aufsichtsratschef Joe Kaeser

Um diese Vorgaben zu erfüllen, steht das Management unter massivem Druck. Mit „Cost Down Europe“ hat es im vergangenen Jahr ein milliardenschweres Sparprogramm aufgelegt, das tiefe Gräben innerhalb des Konzerns hinterlässt – nicht nur in den Werken in Wörth und Mannheim. Der Sparplan soll die jährlichen Kosten in Europa bis spätestens 2030 dauerhaft um mehr als eine Milliarde Euro senken. Dazu passt Scherers Zielvorgabe: 5000 Stellen sollen in Deutschland entfallen, außerdem soll Produktionsvolumen in Niedriglohnländer verlagert werden. Zwar sind betriebsbedingte Kündigungen laut Tarifvertrag bis 2034 ausgeschlossen, doch der Abbau durch Fluktuation und Abfindungen sorgt für massive Unsicherheiten – selbst in den traditionell starken Standorten wie Wörth mit rund 10.000 und Mannheim mit gut 8000 Mitarbeitern.

Lichtblick für Wörth

Für das schwer gebeutelte Lkw-Werk in Wörth gab es am Donnerstag immerhin eine gute Nachricht: Im vergangenen Jahr rollten dort rund 66.000 Fahrzeuge vom Band – 5000 mehr als im Vorjahr. In Nordamerika brach der Absatz dagegen um 26 Prozent ein. Dort verkaufte der Konzern 2025 nur noch knapp 142.000 Fahrzeuge. Der Markt schwächelt, weil sich Speditionen beim Bestellen neuer Fahrzeuge zurückhalten.

Insgesamt verkaufte Daimler Truck weltweit rund 423.000 Lkw und Busse, 8 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Absatz batterieelektrischer Lkw und Busse stieg deutlich – aber auf nach wie vor niedrigem Niveau – um 67 Prozent auf 6726 Einheiten. Das sei auch für Wörth ein wichtiges Signal, ließ sich der dortige Standortleiter Andreas Bachhofer in einer Mitteilung zitieren.

Gute Zahlen für Daimler Buses

Ausnehmend gut lief das vergangene Jahr für die Bussparte des Unternehmens. Daimler Buses konnte sowohl Absatz als auch Umsatz und Gewinn steigern. Ein großer Teil der Stadtbusse von Daimler Truck wird im Mannheimer Werk gebaut.

Für die aufgeheizte Stimmung in den Werken machte Radström am Donnerstag bei der Bilanzpräsentation gesellschaftliche Entwicklungen und eine Zunahme extremistischer Tendenzen verantwortlich. Dass die Sparpläne oder das eigene Führungsverhalten eine Rolle spielen könnten, erwähnte sie hingegen nicht.

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