Bahnverkehr
Volle Züge, aber Löcher in der Kasse
Der Anteil der pünktlichen DB-Fernzüge fiel im Juni mit 57,1 Prozent auf den bisher schlechtesten Wert des Jahres. Als pünktlich im Sinne dieser Statistik wertet die DB Züge mit maximal fünf Minuten Verspätung.
Trotz der schlechten Pünktlichkeit entspricht das teilweise verbreitete Bild, dass der DB die Kunden weglaufen, nicht den Tatsachen. Im ersten Halbjahr stieg die Anzahl der Reisenden in den DB-Fernzügen im Vergleich zum Vorjahr um 3,27 Prozent auf 66,3 Millionen. Im Vorjahr lag dieser Wert allerdings wegen der Streiks der Lokführergewerkschaft GDL ungewöhnlich niedrig.
Rekord bei Verkehrsleistung
Aussagekräftiger als die Entwicklung bei den Reisendenzahlen ist die der Verkehrsleistung, in die auch die zurückgelegte Entfernung eingeht. Sie stieg im ersten Halbjahr auf 21,949 Milliarden Personenkilometer. Das waren 5,18 Prozent mehr als im Vorjahr und – anders als bei den Reisendenzahlen – auch 5,05 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2019 – dem letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, die für einen beispiellosen Einbruch der Fahrgastzahlen sorgte.
Der Rekordwert bei der Verkehrsleistung im ersten Halbjahr verdeutlicht, dass insbesondere schnelle ICE-Verbindungen trotz aller Probleme bei der Pünktlichkeit gefragt sind. Dass die Reiseweite im DB-Fernverkehr wächst, dürfte nicht zuletzt an dem verbesserten Sprinter-Angebot liegen. Die Pfalz hat nun beispielsweise zwei direkte ICE nach Berlin, die in Homburg, Kaiserslautern und Neustadt halten, ab Frankfurt aber mit nur zwei Zwischenhalten (Erfurt und Halle) oder sogar nonstop in die Bundeshauptstadt fahren.
Ältere Fahrzeuge werden beschleunigt abgestellt
Trotz steigender Fahrgastzahlen schrieb der DB-Fernverkehr im ersten Halbjahr weiterhin rote Zahlen. Um Kosten zu senken, werden beschleunigt ältere Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen. Dies betrifft neuerdings auch die fünfteilige Variante des Neigetechnik-ICE (Baureihe 415).
Möglichst schnell trennen will sich die DB vor allem von den älteren lokbespannten Intercity-Garnituren. Gebraucht werden sie aber nach wie vor auf nicht elektrifizierten Strecken, weil sich die Auslieferung von beim spanischen Hersteller Talgo bestellten Fahrzeugen, die die DB ICE-L nennt, verzögert hat.
Dringend benötigt werden lokbespannte Einheiten vor allem für die Züge nach Westerland auf Sylt, weil hier die Nachfrage nach umsteigefreien Fernverbindungen besonders groß ist und wegen fehlender Oberleitung kein elektrischer ICE eingesetzt werden kann.
Im Intercity-Netz droht ein Abbau
2015 stellte die DB ein neues Fernverkehrskonzept vor, das auch das Wiederaufleben früherer Interregio-Linien vorsah. Dazu gehörte die Linie von Saarbrücken über Kaiserslautern, Mannheim und Stuttgart nach Lindau. Dieses Konzept basierte auf dem Einsatz kostengünstiger Doppelstockgarnituren, die die DB nun als IC2 bezeichnet.
In einigen Fällen ist es tatsächlich gelungen, das Fernzugangebot deutlich zu verbessern. Das gilt für die nun durchgehend im Zwei-Stunden-Takt bediente IC-Linie von Emden über Oldenburg, Bremen und Hannover nach Leipzig. Dank einer vertraglichen Sonderregelung mit dem Land Niedersachsen gelten zwischen Emden und Bremen in den Zügen auch Nahverkehrstickets.
Der Versuch, dieses Modell auch auf andere Fälle auszudehnen, ist nur teilweise gelungen. Im Fall der IC-Linie 34 von Frankfurt nach Münster über die Ruhr-Sieg-Strecke ist die DB schon wieder auf Rückzugskurs. Ähnliches gilt für die IC-Linie von Nürnberg über Jena nach Leipzig.
Schlüsselfaktor Schienen-Maut
Ein besonderer Fall ist die IC-Linie von Stuttgart über die Gäubahn nach Zürich. Hier gelten auf dem deutschen Abschnitt bis Singen auch Nahverkehrstickets. Die hier bisher eingesetzten Kiss-Doppelstockzüge, die bei den Reisenden besonders beliebt waren, hat die DB inzwischen verkauft und durch IC2-Garnituren ersetzt, denen zuvor lange Zeit die Zulassung für den Einsatz in der Schweiz gefehlt hatte. Die Züge werden massiv an Attraktivität verlieren, wenn die Gäubahn wegen der Inbetriebnahme von Stuttgart 21 vom Stuttgarter Hauptbahnhof abgehängt wird und die IC-Züge aus Zürich nur bis zum Vorortbahnhof Stuttgart-Vaihingen fahren. Wie viel von dem Offensivkonzept von 2015 noch Wirklichkeit wird oder ob ganz im Gegenteil der DB-Fernverkehr das Angebot reduziert, wird nicht zuletzt von der Entwicklung der Schienen-Maut abhängen. Steigt sie weiter, dürfte es mit dem DB-Fernverkehr verschärft bergab gehen.

