Artgerechte Haltung
Tücken beim Tierwohl: Warum ein Stallumbau für Landwirte zum Risiko wird
René Bonn steht auf seiner gelb blühenden Wiese und zeigt auf das, was man noch gar nicht sehen kann: Wo heute Löwenzahn wächst, sollen in ein paar Monaten 50 Schweine einziehen. „Bis dorthin ist der Stall überdacht. An dieser Stelle sind zwei Suhlwannen vorgesehen, hier die Liegekisten“, erklärt der Landwirt, während er die mit Pfeilern abgesteckte Fläche abschreitet. „Der Stall hat grob eine Fläche von 20 auf 20 Meter“, sagt Bonn. „Dann haben die Tiere genug Platz und fühlen sich wohl.“
Der Biobauer aus Kasdorf im Rhein-Lahn-Kreis hat den Familienbetrieb, der schon vor fast 40 Jahren auf biologische Landwirtschaft umgestellt wurde, 2018 übernommen. Spezialisiert ist er auf Mutterkuhhaltung – eine Form der Rinderhaltung zur Fleischerzeugung, bei der das Kalb die ersten Monate bei der Mutter bleibt. Seit mehreren Jahren will er auch Schweinefleisch aus eigener biologischer Haltung in seinem Hofladen anbieten. „Einfach, weil die Nachfrage bei den Verbrauchern da ist“, sagt er.
Bundesprogramm läuft im August aus
Dafür braucht es jedoch einen Stall, in dem die Schweine tiergerecht untergebracht werden können. Nach einer jahrelangen Odyssee wird Bonns Plan nun Wirklichkeit: Im Mai noch startet der Bau des Stalls.
Die Kosten im sechsstelligen Bereich kann er nur stemmen, weil der Staat 60 Prozent bezuschusst – mit dem sogenannten Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung (BUT). Anfang Februar war Bonn der erste Landwirt in Rheinland-Pfalz, der dafür eine Förderzusage erhielt. Und er dürfte auch einer der letzten sein: Denn das Programm läuft bereits im August wieder aus.
Aber worum geht es konkret? Das BUT war 2023 unter dem damaligen Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) eingeführt worden. Ziel war es, Stallneu- und -umbauten für mehr Tierwohl zu fördern – etwa mit Zugang zu Außenklima oder Auslauf. Der Fokus lag auf der Schweinehaltung; gefördert wurden sowohl Investitionen als auch laufende Mehrkosten.
Landwirten fehlt die Planungssicherheit
Der neue Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) kündigte vergangenen Herbst aber an, das Programm auslaufen zu lassen, weil die erhoffte Impulswirkung ausgeblieben sei. „Placebo-Programme helfen unseren Landwirten nicht weiter“, sagte Rainer damals. Dahinter steht offenbar der Vorwurf, die Nachfrage sei hinter den Erwartungen zurückgeblieben.
René Bonn hat das Problem woanders identifiziert. „Es liegt nicht an den Landwirten, die kein Interesse an tiergerechterer Haltung haben, sondern an fehlender Planungssicherheit.“
Er verweist auf seinen eigenen Fall: Fast drei Jahre habe er auf die Baugenehmigung für seinen Stall warten müssen. „Ohne Baugenehmigung darf ich aber keinen Förderantrag stellen“, betont der Landwirt. „Und die Mühlen auf den Ämtern mahlen langsam.“ Ursprünglich hatte er die Baugenehmigung für ein ehemaliges Förderprogramm des Landes eingeholt, das inzwischen aber ebenfalls ausgelaufen ist. „Es war also nur Glück, dass ich in das aktuelle bundesweite Programm reingerutscht bin, weil ich mit meiner Planung für den Stall schon sehr weit war und für das neue Programm nur wenige Dinge abändern musste“, erklärt Bonn.
Finanzielles Risiko für Betriebe
Weil die meisten Landwirte, die sich für das BUT-Programm interessieren, vermutlich noch auf ihre Baugenehmigung warten, habe es bislang so wenige Förderanträge gegeben, sagt Bonn.
Von der Einreichung des Bauantrags bis zur Förderzusage im Februar dieses Jahres sind bei ihm fast sechs Jahre vergangen. „Das ist zu lange, der Fehler liegt also im System“, meint er. Schon für seinen vergleichsweise kleinen Schweinestall sei das Vorhaben zudem ein finanzielles Risiko gewesen. „Aber größere Betriebe, die haben eine immense Investitionssumme. Ohne eine verlässliche, längerfristige Aussicht auf Förderung beschäftigen die sich gar nicht mit tiergerechten Umbaumaßnahmen“, so Bonn.
Zustimmung bekommt er vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd, der die Streichung des Programms enttäuschend nennt. Der bürokratische Aufwand für die Landwirte sei enorm, „dadurch wird die Antragsstellung verzögert“, so eine Sprecherin. „Landwirte wollen investieren, um das Tierwohl noch weiter zu erhöhen. Der politische Wille, diesen Weg mitzugehen, scheint allerdings zu fehlen“, betont sie.
Kaum Anträge aus Rheinland-Pfalz
Das Bundeslandwirtschaftsministerium erklärt auf RHEINPFALZ-Anfrage, dass „die Zahl der Anträge aus Rheinland-Pfalz im einstelligen Bereich liegt“. Das Bundesland hat allerdings auch nur einen sehr geringen Anteil an der deutschen Schweinehaltung – laut Ministerium rund 0,4 Prozent. Bundesweit wurden bis Mitte April 493 Anträge auf Investitionsförderung im Rahmen des BUT gestellt, 347 davon bewilligt. „Künftig wollen wir den Fokus auf wirklich wirksame Investitionen in der Landwirtschaft richten“, erklärt ein Ministeriumssprecher.
Dafür sei die sogenannte Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes (GAK) das richtige Instrument. Bei diesem Förderprogramm prüfen und bewilligen die Länder wiederum die Anträge, der Bund übernimmt dann 60 Prozent der Kosten.
Auch die Förderung für den Um- und Neubau zu tiergerechteren Schweineställen soll ab September wieder in die GAK aufgenommen werden, erklärt das Ministerium. „Die Länder können über die GAK bedarfsgerecht fördern, denn sie kennen die Situation vor Ort sehr viel besser“, so das Ministerium.
Scharfe Kritik kommt von den Grünen. Statt das bisherige BUT-Programm einzustampfen, „hätte der Minister den guten Anlauf nutzen, bürokratische Hürden reduzieren und ein tragfähiges Konzept für die künftige Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung vorlegen sollen“, sagt Ophelia Nick, Sprecherin für Landwirtschaftspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion. „Was die Branche braucht, ist Verlässlichkeit und Planungssicherheit. Was der Minister liefert, ist das Gegenteil“, betont Nick.
Verbraucher in der Pflicht
„Schnellere Genehmigungsverfahren, längerfristige Förderprogramme“, fasst René Bonn nüchtern zusammen, was sich für mehr Tierwohl in deutschen Ställen verbessern muss. Nötig sei das aus seiner Sicht allemal. „Schweine sind super intelligente Tiere“, sagt er. „Sie haben aber gerade in Mastbetrieben viel zu wenig Platz.“
Der Landwirt nimmt aber auch die Verbraucher in die Pflicht. Es sei besser, seltener Fleisch zu essen, dafür aber hochwertigeres. „Viele Deutsche kaufen sich lieber den teuren Super-Grill und legen ein billiges Steak drauf als umgekehrt“, betont er.
Es dürfte allerdings noch bis nächstes Jahr dauern, ehe Kunden in Bonns Hofladen dann Bio-Fleisch von Schweinen kaufen können, die tiergerecht im Stall in Kasdorf gehalten worden sind. „Dafür ist es zum Beispiel essenziell, dass sich Schweine suhlen, weil die Tiere kaum Schweißdrüsen besitzen und sich so abkühlen können“, erklärt Bonn, der immer noch auf seiner Wiese den neuen Stall vor seinem inneren Auge abläuft. „Und genau hier sollen die Suhlwannen dann hin“, sagt er – und zeigt auf eine Stelle, an der gerade noch der Löwenzahn gelb blüht.