Weltwirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Sicherheitsexperte warnt BASF vor China

Der Steamcracker des neuen BASF-Werks in Zhanjiang am Südchinesischen Meer: US-Experte Glenn Tiffert mahnt den Ludwigshafener Ch
Der Steamcracker des neuen BASF-Werks in Zhanjiang am Südchinesischen Meer: US-Experte Glenn Tiffert mahnt den Ludwigshafener Chemiekonzern zur Vorsicht, auch was mögliche Spionage in Sachen Industriegeheimnisse und Forschung angeht.

Im RHEINPFALZ-Gespräch mahnt der amerikanische China-Kenner Glenn Tiffert die BASF und andere, Forschungsgeheimnisse gut zu schützen. Er warnt vor einer Taiwan-Krise.

Als dröhnende Weckrufe für die Welt sieht Glenn Tiffert den Ukraine- und den Iran-Krieg. Für Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, sagt der US-Forscher der renommierten Stanford University in Kalifornien im Gespräch mit der RHEINPFALZ, seien die beiden Konflikte, ebenso wie es die Covid-Pandemie war, wichtige Tests. Solche Tests zeigen, wie Volkswirtschaften und politische Systeme auf Krisen reagieren, die Abhängigkeiten von Lieferketten offenlegen und bestrafen.

Ein Schwerpunkt der Arbeit des jüngst auf Deutschland-Tour weilenden China-Experten Tiffert ist die Sicherheit der Forschung, von Forschungsergebnissen und der Schutz von Unternehmen vor Einflussnahme auf ihre Geschäfte und Mitarbeiter.

Mit China zusammenarbeiten – aber umsichtig

Natürlich müsse man mit China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den USA, zusammenarbeiten und fleißig kommunizieren, sagt Tiffert von der politischen Denkfabrik Hoover Institution der Stanford University.

Tiffert betont, dass er für sich selbst als unabhängiger Wissenschaftler spricht und keinesfalls, das ist ihm sichtlich wichtig, für die US-Regierung. Aber es gelte, die Risiken im Umgang mit China und anderen autoritär geführten Ländern auf dem Radar zu haben und sich für mögliche Krisenfälle zu wappnen.

Was tun, wenn China nach Taiwan greift, in welcher Form auch immer? Durch politischen oder wirtschaftlichen Druck oder gar militärisch – „da gibt es viele Möglichkeiten“, sagt Tiffert. Für Fälle wie diesen müssten Politik und Unternehmen konkrete Pläne in der Tasche haben, um nicht völlig überrumpelt zu werden, wenn so ziemlich alle Lieferketten zusammenbrächen. Tiffert zeigt sich „sehr besorgt, dass China in nicht sehr ferner Zukunft“ ernstmacht in Taiwan, das wiederum einer der wichtigsten Halbleiterproduzenten überhaupt ist. Und diese Chips, die auch aus China oder Südkorea kommen, braucht die ganze Welt für so ziemlich alle ihre Geräte und Maschinen. Ein Konflikt um Taiwan werde für die größte Weltfinanzkrise seit rund 100 Jahren sorgen, befürchtet Tiffert. „Dagegen war die Finanzkrise 2008 gar nichts.“ Die USA, Deutschland, Europa und befreundete Staaten wie Japan oder Südkorea und Australien müssten zusammenarbeiten, um ihre Forschungsarbeit zu schützen, sagt Tiffert. Und gemeinsam dafür sorgen, Chinas Griff nach Taiwan hinauszuzögern. „Wir müssen zusammen alles dafür tun, dass Xi Jinping jeden Morgen aufwacht und sagt: Heute ist nicht der Tag, die Taiwan-Sache anzugehen.“

BASF: Sorgfältig vorbereitet

Der US-Wissenschaftler mahnt Unternehmen wie den Ludwigshafener Chemieriesen BASF, der in Zhanjiang in Südchina gerade einen rund 8,7 Milliarden Euro teuren topmodernen Standort eröffnet hat, entsprechende Strategien und Risikomanagementsysteme parat zu haben. Einerseits für eine mögliche Taiwan-Krise, andererseits zum Schutz gegen Industrie- und Forschungsspionage.

Allerdings, das betont Tiffert auch: Alles im Leben ist risikobehaftet. „Wenn du immer alle Risiken vermeiden willst, dann wirst du nie irgendetwas tun“, sagt der Forscher. „Es geht darum, Risiken systematisch zu betrachten und Vorteile gegen Nachteile, möglichen Nutzen gegen mögliche Kosten abzuwägen.“

BASF-Chef Markus Kamieth betont immer wieder, der Konzern habe gerade mit Blick auf die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte eine sehr sorgfältige Risikoabwägung getroffen. Das schlagende Argument dabei: China mit seinen rund 1,4 Milliarden Einwohnern ist für die Chemie, so die BASF, der „wachstumsstärkste und größte Zukunftsmarkt“, den man zum Großteil von China aus bedienen will. Im Gegensatz dazu stagniert das Geschäft in Deutschland und Mitteleuropa. In China, wo die BASF schon seit mehr als 140 Jahren aktiv ist, hat der Konzern 2025 rund 14 Prozent des globalen Umsatzes erzielt. Die Quote will man erhöhen. Diffizil herzustellende, lukrative Spezialchemikalien indes produziert die BASF oft in Europa, häufig in Ludwigshafen. Noch sorgten 2025 Europa (38,6 Prozent) und Nordamerika (26,3) für mehr Umsatz als die gesamte BASF-Region Asien-Pazifik (25,3 Prozent der 59,7 Milliarden Euro Gesamtumsatz).

„Ende der Globalisierung“

„Der Iran- und der Ukraine-Krieg haben die Welt zu einer anderen gemacht“, betont Tiffert, „sie haben eine neue Ära der Absicherung eingeläutet. Die grenzenlose Globalisierung hat ein Ende gefunden.“ Deutschland als „größte Forschungslandschaft Europas“ brauche mehr Schutz als früher, und Tiffert ruft zur Zusammenarbeit seines Landes mit Deutschland und Europa auf.

„Deutschland und die USA sind großartigerweise auf vielen Feldern enge Partner. Und wir sollten keine Mauern zwischen uns aufbauen“, sagt Tiffert. Er fordert gerade auf dem Gebiet der Forschungssicherheit Kooperationen, ohne dass man dem anderen Geheimnisse bis ins Detail offenbaren müsse. Aber der US-Wissenschaftler mahnt einen Plan an gegen etwa durch Chinas Wirtschafts- und Taiwan-Politik ausgelöste Probleme. Und der müsse praxistauglich sein.

China wichtig für Schmerz- und Krebsmedikamente

„Der Ukraine-Krieg wird irgendwann enden“, sagt Tiffert. Schon vorher aber müsse man China mit all seinen Chancen, aber eben auch Risiken stets auf dem Schirm haben. „China ist wirklich wichtig für die Sicherheit in Europa“, sagt der Sinologe, der unter anderem die Geschichte des modernen China lehrt. Das gelte für die wirtschaftliche Sicherheit, aber eigentlich für fast alle Bereiche, etwa für den Gesundheitssektor. „China produziert für uns nicht nur Technologie, sondern etwa auch wichtige Medikamente wie Schmerzmittel und Krebsmedikamente“, führt Tiffert aus. Eine Strategie dagegen, wenn die Lieferketten etwa wegen unterbrochener Seeschifffahrt bei einer Taiwan-Krise gekappt seien, müsse man dringend erarbeiten, am besten gemeinsam.

Perfekt kopiert

Viele Dinge haben chinesische Firmen perfekt kopiert – und fügen damit denen, die diese Produkte erfunden haben, zum Teil ganz erheblichen wirtschaftlichen Schaden zu. Es geht immer darum: Wer hört mit, wer filmt oder fotografiert, wenn es um heikle Unternehmens- und Forschungsinformationen geht?

Wer interessiert sich für das Publikum, um sich dann womöglich später indirekten Zugang zu Informationen zu sichern, indem er beispielsweise Zuhörer interviewt? So seien etwa seine chinesischen Studenten in den USA und auch seine Universität, Stanford, sehr vorsichtig bei besonderen Veranstaltungen, erzählt Tiffert. Wichtige Erkenntnisse und politisch vielleicht heikle Debatten erforderten Umsicht, etwa den Verzicht darauf, Bilder vom Publikum auf Youtube zu stellen. Er habe viele Studenten aus China, und die seien im Plenum oft zurückhaltend, aus Angst, ein Kommilitone könne etwas mitschreiben und Informationen etwa an den chinesischen Staat weitergeben. Manche Fragen bei Veranstaltungen stellten Zuhörer auch anonym via Karteikarte, statt offen zu sprechen.

Von China lernen

Der Journalist Patrick McGee schreibt in seinem Bestseller „Apple in China“, der i-Phone-Anbieter aus Amerika habe China durch Investitionen in dreistelliger Milliardenhöhe in Produktionsstätten und in die Ausbildung chinesischer Mitarbeiter stark gemacht und auf Wettbewerbsfähigkeit um nahezu jeden Preis getrimmt. Auch darauf weist Tiffert hin.

„China hat 20 Jahre von uns gelernt, jetzt sollten wir genau hinschauen, was wir von China lernen können“, sagt Tiffert. Ein aktuelles Beispiel hat Oliver Blume gerade geliefert. Der Volkswagen-Chef hat auf der Mega-Messe Auto China in Peking seinem Kollegen vom chinesischen Autobauer Xpeng auffällig genau zugeschaut, als der ein neues, selbstfahrendes Auto präsentiert hat.

Strategie das A und O – auch für die BASF

Auf dem E-Automarkt fährt China gerade allen davon. Europa und die USA sind in der Autobranche längst vom Lehrer zum Schüler geworden. Um nicht ganz unter die Räder zu kommen, brauchen sie gute Strategien und Pläne. Vorausschauendes Handeln, was tue ich, wenn das und das passiert?

Strategie, das ist das, was Glenn Tiffert vor allem einfordert. „Alles“, sagt der US-Wissenschaftler im RHEINPFALZ-Gespräch, „dreht sich am Ende um möglichst gute strategische Überlegungen.“ Auch und gerade für den Umgang mit schlauen, gewieften, mit allen Wassern gewaschenen Weltmächten wie China.

Fachmann für China bei der renommierten Stanford University in Kalifornien und der Hoover Institution: Glenn Tiffert.
Fachmann für China bei der renommierten Stanford University in Kalifornien und der Hoover Institution: Glenn Tiffert.
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