Wirtschaft Serie von Vorfällen bei BASF reißt nicht ab

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Ludwigshafen. Die ungewöhnliche Serie von Produktaustritten und Vorfällen im Ludwigshafener Stammwerk der BASF reißt nicht ab: Nun kam es zum zweiten Mal in diesem Jahr zu einem Vorfall mit der hochgiftigen Chemikalie Phosgen (Bericht auf Seite 1).

In einem Teil der neuen TDI-Großanlage war es nach Angaben der BASF bereits am Wochenende zu einem technischen Defekt in einem Bereich gekommen, in dem die Synthese von Phosgen abläuft. Die 1 Milliarde Euro teure TDI-Anlage sei deshalb bis auf Weiteres außer Betrieb genommen worden, sagte gestern ein Sprecher. Phosgen ist ein hochgiftiges Gas, das eine zentrale Rolle bei der TDI-Produktion spielt. TDI (Toluoldiisocyanat) ist ein wichtiger Ausgangsstoff für den Spezialkunststoff Polyurethan. Es wird nach Angaben der BASF zu einem großen Teil in der Möbelindustrie (elastische Schäume für Matratzen, Polsterung oder Holzbeschichtungen) sowie in der Automobilindustrie (Sitzpolster) eingesetzt. Berüchtigt wurde Phosgen unter dem Namen Grünkreuz als Kampfstoff im Ersten Weltkrieg. Am 17. Oktober dieses Jahres war es zu einer schweren Explosion und einem Großbrand gekommen, die vier Menschenleben forderten. Zudem ist es mit 15 Produktaustritten und nun zwei Phosgen-Ereignissen zu einer ungewöhnlichen Häufung von Betriebsstörungen und Vorfällen im Stammwerk gekommen. Bei dem Phosgen-Vorfall am Wochenende waren laut BASF Spuren von Phosgen in einer Sicherheitskammer aufgefangen und entsorgt worden. Alle Sicherheitsmaßnahmen hätten wie vorgesehen funktioniert, sagte der BASF-Sprecher. Weder sei Phosgen in die Umwelt gelangt, noch seien Mitarbeiter oder die übrige Bevölkerung gefährdet worden. Die betroffenen Anlagenteile in der geschlossenen Sicherheitskammer würden untersucht und gegebenenfalls ausgetauscht. Vor der Wiederinbetriebnahme werde die BASF vorsorglich alle relevanten Anlageteile erneut überprüfen. Obwohl es sich um keinen meldepflichtigen Vorfall gehandelt habe, seien die zuständigen Behörden informiert worden. In Ludwigshafen war am 15. Juni schon einmal in der neuen TDI-Anlage bei den Arbeiten zur Inbetriebnahme eine geringe Menge Phosgen in die Sicherheitskammer ausgetreten. Zwei Mitarbeiter hatten sich damals in der Kammer aufgehalten und diese sofort verlassen. Sie blieben unverletzt. Am 27. Mai 2016 war im südkoreanischen BASF-Werk Yeosu der Mitarbeiter einer externen Firma mit Phosgen in Berührung gekommen und danach gestorben. Immissionsschutzrechtliche Genehmigungsbehörde für die TDI-Anlage der BASF im Stammwerk ist die Stadtverwaltung Ludwigshafen. Die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd (SGD) in Neustadt ist als Fachbehörde einbezogen. Eine Sprecherin der SGD Süd bestätigte gestern, dass die BASF den aktuellen Vorfall gemeldet habe. Die Behörde werde sich von der BASF weiter informieren lassen. Ob es erneut zu einer Inspektion der Anlage komme, sei noch nicht entschieden. Nach dem ersten Phosgen-Vorfall hatte die Behörde die Anlage inspiziert. Die SGD informierte gestern am frühen Abend, dass die Inspektion abgeschlossen sei. Es seien „geringfügige Mängel im Bereich des Arbeitsschutzes festgestellt“ worden, die der BASF mitgeteilt worden seien. So seien beispielsweise eine Betriebsanweisung und eine Betriebsmittelkennzeichnung beanstandet worden. Die Ergebnisse der Inspektion sollen in dieser Woche dem Mainzer Umweltministerium vorgelegt werden. Bei einer Sondersitzung des Ludwigshafener Stadtrats am 7. November zum BASF-Unglück hatte der Leiter der TDI-Anlage die Politiker auch über das Sicherheitskonzept der Anlage informiert. Die Betonhülle der Sicherheitskammer, die in beiden Vorfällen das Phosgen aufgefangen hat, sei 30 Zentimeter dick, gasdicht und erdbebensicher. Die Kammer sei 30 Meter hoch und 300 Quadratmeter groß. Die Luft in der Kammer werde permanent überwacht. Falls es zu einer Leckage komme, werde die Luft in einer Waschkolonne gereinigt. Es gebe 40 Sensoren, die die Kammer überwachten, hieß es damals. Aus der Antwort des Mainzer Umweltministeriums auf eine kleine Anfrage der Grünen geht hervor, dass in der TDI-Anlage im bestimmungsgemäßen Betrieb rund 40 Tonnen Phosgen „gehandhabt“ werden. Der Einsatz von Phosgen in der Ludwigshafener TDI-Anlage neben einem Wohngebiet ist keine Ausnahme. Auch die TDI-Fabrik, die der Leverkusener Bayer-Konzern in Dormagen gebaut hat, steht am Rand der Stadt. Die BASF-Anlage mit einer Jahreskapazität von 300.000 Tonnen TDI hätte bereits Ende 2014 in Betrieb gehen sollen. Doch der Zeitplan für das Ludwigshafener Projekt verzögerte sich um 19 Monate. Ein zu knapp bemessener Zeitplan und technische Probleme waren die Ursachen für die ungewöhnlich starke Verspätung. Seit Mitte August wird die Anlage über mehrere Monate nach und nach hochgefahren, bis sie auf vollen Touren laufen kann. Heute kommen die Mitglieder der rheinland-pfälzischen Landesregierung zum jährlichen Treffen mit dem Vorstand der BASF in Mainz zusammen. Bei dem Gespräch wird es auch um das Unglück am 17. Oktober gehen. Mutmaßlich dürfte die Häufung von Pannen bei der BASF in diesem Jahr ebenfalls Thema sein.|oli/jeu/mix

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