Ausland RHEINPFALZ Plus Artikel Russlands Rohöl-Revanche gegen Deutschland

Die Raffinerie Schwedt versorgt den Raum Berlin-Brandenburg mit Treibstoff.
Die Raffinerie Schwedt versorgt den Raum Berlin-Brandenburg mit Treibstoff.

Moskau will offenbar die neue Ölpreiskrise nutzen, um Deutschland zu treffen. Und sperrt ab Mai die „Druschba“-Pipeline für den Transport kasachischen Öls nach Deutschland.

Kasachstans Energieminister Jerlan Akkenschenow gab am Mittwoch bekannt, Russland werde den Transport kasachischen Rohöls nach Deutschland einstellen. „Für Mai wird unser Transit durch die Gasleitungen Amyraj–Samara und weiter durch die ,Druschba zur Raffinerie Schwedt gleich Null sein.“ Der russische Vizepremier Alexander Nowak und das deutsche Wirtschaftsministerium bestätigten später am Tag: Moskau dreht zum 1. Mai die Ventile der „Druschba“-Rohrleitung für jene 43.000 Barrel kasachischen Rohöls zu, die täglich durch die Pipeline nach Schwedt in Brandenburg fließen. 2025 kamen dort 2,146 Millionen Tonnen an, Tendenz war steigend. Künftig fallen laut Reuters 17 Prozent des Rohöls weg, das die Großraffinerie Schwedt verarbeitet – zu 90 Prozent des im Raum Berlin-Brandenburg verbrauchten Treibstoffs. Laut Freedom Financial Global entstehen nur lokale Risiken, Deutschlands Energieversorgung sei nicht bedroht. Vergangenes Jahr betrug das kasachische „Druschba“-Öl 2,8 Prozent der Gesamtimporte Deutschlands von 75,7 Millionen Tonnen.

Insgesamt führt man in Europa 10 Millionen Tonnen im Jahr aus Kasachstan ein, inzwischen bezieht die EU 12 Prozent ihres Rohöls von dort. Allein Österreich importiert jährlich bis zu 3 Millionen Tonnen kasachischen Rohöls. Es fließt zu 80 Prozent durch Rohre des kaspischen Pipeline-Konsortiums in den russischen Hafen Noworossijsk und wird dort nach Europa verschifft. Allerdings ist auch diese Route durch ukrainische Drohnenangriffe unter Druck geraten. Dazu kamen technische Ausfälle auf kasachischen Ölfeldern; laut Euronews drohen Europas Einfuhren von dort 2026 um 3,8 Millionen Tonnen zu sinken.

Am Dienstag verkündete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, die seit einem russischen Luftangriff im Januar defekte Südroute der „Druschba“-Pipeline sei repariert. Sie transportierte vorher über elf Millionen Tonnen russisches Rohöl jährlich nach Ungarn und in die Slowakei. Die Wiederaufnahme des Transits hängt mit der Freigabe des 90-Milliarden-Euro-Kredits der EU zusammen, den der abgewählte ungarische Premier Viktor Orbán blockiert hatte.

Auch der russische Stopp für das kasachische Öl durch den nördlichen „Druschba“-Zweig wirkt wie ein Manöver an der Sanktionsfront des Ukraine-Konflikts. Moskauer Hardliner fordern schon lange Revanche für den weitgehenden Boykott russischer Rohstoffe durch die EU. „Die Raffinerien auf dem Gebiet Russlands brennen nicht ohne Teilnahme Deutschlands“, schimpft der Telegram-Kanal Dwa Majora. „Öllieferungen beeinflussen die energetische Stabilität und die militärische Stärkung Deutschlands direkt.“

Die Ölpreiskrise infolge des Iran-Kriegs und zusätzlich die ukrainischen Drohnenschläge, die auch Europas Öleinfuhrrouten beeinträchtigten, böten dem Kreml eine Gelegenheit, dem „feindseligen“ Deutschland wehzutun, indem man seine kasachischen Ölimporte dezimiert, sagt ein Moskauer Politologe anonym.

Allerdings dürfte die Blockade der deutschen Kundschaft den Russen kaum neue Sympathien in Kasachstan einbringen. Es transportiert selbst russisches Exportöl durch seine Pipelines; davon fließen jährlich allein zehn Millionen Tonnen in Richtung China. Laut dem kasachischen Wirtschaftsportal LS sollte das auf 12,5 Millionen erhöht werden.

Jetzt sagt Energieminister Akkenschenow, man werde die Ölproduktion wegen der „Druschba“-Blockade nicht drosseln, sondern umleiten – „auch in andere Richtungen wie die Versorgung Chinas.“ Es klingt wie eine Anspielung auf die 2,5 Millionen Tonnen russischen Transitöls für China, die Kasachstan fast komplett durch seine freigewordenen deutschen Liefermengen ersetzen könnte.

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