Bahnverkehr RHEINPFALZ Plus Artikel Palmer: Intercity nach Zürich soll über Tübingen fahren

Ab Ende 2022 sollen Doppelstocktriebzüge von Stadler stündlich als Intercity zwischen Stuttgart und Zürich fahren.
Ab Ende 2022 sollen Doppelstocktriebzüge von Stadler stündlich als Intercity zwischen Stuttgart und Zürich fahren.

Wenn, wie derzeit geplant, Ende 2025 der Stuttgarter Tiefbahnhof in Betrieb geht, werden die Intercity-Züge aus Zürich wahrscheinlich am Vorortbahnhof Stuttgart-Vaihingen enden, weil die Gäubahn (Horb–Stuttgart) nicht an den neuen Tiefbahnhof angebunden ist. Um diese Peinlichkeit zu vermeiden, schlägt der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer vor, die Züge über Tübingen zu führen.

Dass die Gäubahn von Singen über Horb nach Stuttgart zum Hauptleidtragenden des Milliardenprojekts „Stuttgart 21“ zu werden droht, zeichnet sich schon seit Jahren ab, wurde von den Befürwortern des umstrittenen Tiefbahnhofs aber lange Zeit ignoriert oder in Abrede gestellt. Die heutige Einführung der Gäubahn in den Stuttgarter Hauptbahnhof wird mit „Stuttgart 21“ gekappt. Vorgesehen ist stattdessen eine Anbindung an den Bahnhof des Stuttgarter Flughafens über die sogenannte „Rohrer Kurve“ . Bei diesem Projekt gibt es jedoch diverse Komplikationen, eine schnelle Lösung ist deshalb nicht in Sicht.

Besonders peinlich ist das Abhängen vom Stuttgarter Hauptbahnhof bei den Intercity-Zügen von Zürich nach Stuttgart, die ab Ende 2022 stündlich fahren sollen. Nach drei Jahren wird dann aber Schluss sein mit der schönen Direktverbindung zwischen den beiden Hauptbahnhöfen und die Züge aus der Schweizer Metropole sollen dann in Stuttgart-Vaihingen enden. Zusätzlich gesteigert wird die Peinlichkeit dieses Vorgangs nun auch noch dadurch, dass der neue Schienenverkehrsbeauftragte der Bundesregierung Michael Theurer (FDP) lange Jahre Oberbürgermeister der Stadt Horb war und sich in dieser Zeit besonders für den Ausbau der Gäubahn engagiert hat.

Horb–Tübingen müsste elektrifiziert werden

In diesem Kontext ist es deshalb von mehr als lokalem Interesse, dass sich der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (derzeit noch Mitglied der Grünen, aber von einem Parteiausschluss bedroht) gemeinsam mit Joachim Walter (CDU), Landrat des Kreises Tübingen, mit einem bemerkenswerten Vorschlag an Theurer (der in Tübingen geboren ist) gewandt hat. Palmer schlägt vor, die IC-Züge von Zürich nach Stuttgart künftig über Tübingen zu führen. Auf diesem Weg könnten sie den Stuttgarter Hauptbahnhof erreichen. Dafür müsste allerdings der 31 Kilometer lange Abschnitt von Horb nach Tübingen elektrifiziert werden. Dies ist im Kontext eines regionalen Nahverkehrsprojekts sowieso vorgesehen.

Oettinger stiehlt Palmer die Schau

Palmer gehörte schon als Abgeordneter im baden-württembergischen Landtag zu den schärfsten und kompetentesten Kritikern des Projekts „Stuttgart 21“. Viel Aufmerksamkeit fanden auch seine Auftritte in dem von Heiner Geißler geleiteten „Stuttgart 21“-Schlichtungsverfahren. Den größten Kultwert auf Youtube bekam allerdings eine Veranstaltung, bei der ihm ein CDU-Politiker die Schau stahl, nämlich der damalige EU-Kommissar Günter Oettinger. Oettinger hatte sich als baden-württembergischer Ministerpräsident besonders für „Stuttgart 21“ engagiert. Bei einer von der „Badischen Zeitung“ in Freiburg organisierten Podiumsdiskussion am 22. November 2011 geriet Oettinger gegen den deutlich sachkundigeren Palmer so in Verlegenheit, dass er Zuflucht bei einem – vorsichtig ausgedrückt – sehr originellen Argument suchte. Kopfbahnhöfe wie der in Stuttgart seien veraltet, so Oettinger, und in Paris endeten die Züge aus Stuttgart nur deswegen in einem Kopfbahnhof, weil es westlich von Paris keine Menschen mehr gebe, sondern „nur Kühe und Atlantik“.

Michael Theurer ist Wissings Bahn-Mann

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