Lebensmittelhandel RHEINPFALZ Plus Artikel Oxfam: „Moderne Sklaverei“ in globalen Lieferketten

 Eine Filiale der Hilfsorganisation Oxfam in London.
Eine Filiale der Hilfsorganisation Oxfam in London.

Oxfam hat in der Pandemie deutsche Supermärkte und Discounter sowie deren Lieferketten unter die Lupe genommen. Das Urteil: Supermärkte erzielten in der Pandemie einen Umsatzboom, auf Plantagen schufteten Arbeiter zu Hungerlöhnen.

Wenn es nach der Nothilfeorganisation Oxfam geht, steht das neue deutsche Lieferkettengesetz vor einer ersten Bewährungsprobe. Denn während sich die Lage auf Kaffeeplantagen in Brasilien, Teeplantagen in Indien oder dem Weinanbau Südafrikas für dortige Pflücker in der Pandemie weiter verschlechtert hat, seien Supermärkte und Discounter in Deutschland zu ausgesprochenen Corona-Gewinnern geworden. Dieser Vorwurf wird in einer Oxfam-Studie namens „Pandemie-Profiteure und Virus-Verlierer“ gemacht. Oxfam lägen Belege für eine Verbindung deutscher Supermarktketten zu brasilianischen Plantagen vor, die auf einer „schmutzigen Liste“ der dortigen Regierung stünden, sagt Oxfam-Menschenrechtsexperte Tim Zahn.

Edeka verweigert Stellungnahme

Gegenüber Oxfam habe die Branche von Discountern wie Lidl und Aldi bis zu Supermärkten wie Rewe das zwar bestritten, räumt der Aktivist ein. Nur Edeka habe sich einer Stellungnahme verweigert. Vor einem Gericht in Brasilien habe der Vertreter einer Kooperative, die viele deutsche Supermärkte und Discounter beliefert, aber gestanden Kaffee von Plantagen zu beziehen, wo Menschenrechte verletzt würden. Es gebe auch brasilianische Regierungsgutachten, die das bestätigen.

Unumstritten ist, dass Lidl, Rewe & Co in der Pandemie gut verdient haben. Konsumforscher der Nürnberger GfK-Gruppe haben errechnet, dass Discounter ihre Umsätze im Corona-Jahr 2020 um 8 Prozent und Supermärkte um 17 Prozent steigern konnten. Das ist manch reichem Besitzer der Ketten zugutegekommen. So seien die Vermögen von Beate Heister und Karl Albrecht Junior als Haupteigner von Aldi Süd voriges Jahr von 18 auf 25 Milliarden Euro geklettert sowie die von Dieter Schwarz, zu dessen Gruppe Lidl zählt, um rund ein Drittel. Bei diesen Berechnungen beruft sich Oxfam auf den Milliardärsindex der Nachrichtengruppe Bloomberg.

1,91 Euro Tageslohn für indischen Teepflücker

Selbst ermittelt hat Oxfam, dass ein indischer Teepflücker 2020 gerade 1,91 Euro Tageslohn erhalten hat. Zur dortigen Existenzsicherung seien 10 Euro täglich nötig. Im Kaffeesektor Brasiliens betrage die Lücke zwischen gezahlten und existenzsichernden Löhnen 40 Prozent. Während der Pandemie haben vor allem Frauen den Job verloren. Wer noch arbeitet, werde weder vor Corona geschützt noch vor Pestiziden im Anbau. Schutzkleidung müssten sich Pflücker oft selbst kaufen und sich dafür bei Plantagenbesitzern verschulden, was es unmöglich mache, den Arbeitsplatz zu wechseln. Oxfam nennt die Zustände „moderne Sklaverei“.

„Während die Supermarktketten Kasse machen, kämpfen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die unser Essen herstellen, um ihre Existenz“, kritisiert Zahn. Die Ungleichgewichte hätten sich verstärkt. Der Aktivist räumt aber ein, dass es für Oxfam schwierig sei, die Lieferketten im Detail von menschenrechtsverachtender Arbeit auf Plantagen bis in deutsche Handelsfilialen nachzuvollziehen.

Verstöße gegen Menschenrechte

Nur im Fall brasilianischen Kaffees glaubt Oxfam diesen Beweis lückenlos antreten zu können. Der Report müsse für deutsche Discounter und Supermarktketten aber nun Anlass sein, ihre Lieferketten gezielt zu prüfen, wie es das neue Lieferkettengesetz bei „substanziierter Kenntnis“ von Verstößen gegen Menschenrechte vorsehe, fordert Zahn.

Lidl hat zumindest allgemein auf den Oxfam-Report geantwortet: Man achte in allen Bereichen der Geschäftstätigkeit weltweit auf Einhaltung von Menschenrechten. Es gebe einen Verhaltenskodex hinsichtlich sozialer und ökologischer Standards für alle Vertragspartner. „Sollten uns konkrete Sachverhalte bezüglich Verstößen gegen diese Bestimmungen vorliegen, stoßen wir gemeinsam mit unseren Lieferanten notwendige Verbesserungen an“, sagt Lidl vage. Rewe war die Oxfam-Studie dagegen gar keine Antwort wert.

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