Kaputte Mosel-Schleuse
Notschleusung: Blockierte Schiffe sollen bis Silvester wieder frei sein
Das Zeitalter von Stahl und Kohle ist im Saarland noch nicht vorbei. Saarstahl Völklingen und die Dillinger Hütte gehören zu den führenden Stahlproduzenten weltweit. Ob Maschinen, Turbinen, Windräder, Schienen, Schleusentore oder die Sturmflutwehre in den Niederlanden: Überall steckt Stahl aus dem Saarland drin.
Schon in zwei Jahren soll saarländischer Stahl „grün“ werden: Wasserstoff soll den hohen Energiebedarf bei der Stahlherstellung decken. Das Ziel lautet: Bis 2045 wird der gesamte saarländische Stahl emissionsfrei produziert.
Noch aber ist es nicht so weit. Noch liefert Kohle die Energie für die Stahlproduktion. Nur wird diese im Saarland nicht mehr direkt neben den Stahlwerken aus der Erde geholt, sondern sie kommt per Schiff aus Asien, Afrika oder Australien zu den großen Nordseehäfen und dann per Binnenschiff über Rhein, Mosel und Saar nach Dillingen und Völklingen.
Auch Schiffe in Frankreich und Luxemburg blockiert
Bis Sonntag war das jedenfalls so. Am Tag des Herrn rammte ein Binnenschiff das Untertor der Moselschleuse Müden und riss es aus der Verankerung. Da es an der Stelle keine zweite Schleuse gibt, bedeutet dieser Unfall: Kein Schiff kann seither mehr aus Richtung Koblenz flussaufwärts Ware transportieren und kein Schiff mehr von der Saar oder von Trier her flussabwärts. 70 große Binnenschiffe hängen auf der Mosel fest, allein auf deutscher Seite des Flusses. Hinzu kommen über 30 Schiffe, die in Frankreich und Luxemburg auf die Weiterfahrt warten.
Saarstahl Völklingen und die Dillinger Hütte sind die vom Unfall am schwersten betroffenen Unternehmen. Über Mosel und Saar gelangen der Energielieferant Kohle sowie die Rohstoffe Eisenerz und Schrott zu den Stahlwerken. Auf dem umgekehrten Weg werden die Produkte aus Stahl zu den Häfen an der Nordsee und dann zu den Abnehmern weltweit gefahren.
Bis Ende März – „das ist nicht tragbar“
Bis Ende März müsse die Binnenschifffahrt auf der Mosel ruhen, teilte das Schifffahrtsamt am Montag mit. So lange werde es dauern, bis die Schleuse repariert ist. „Ende März, das ist nicht tragbar“, sagt dazu Martin Reinicke, Sprecher der Dillinger Hütte. „Die Sperrung ist für uns eklatant“, so Reinicke, man könne das Stahlwerk nicht ein Vierteljahr lang aushungern. Über Weihnachten und bis in den Januar könne sich die Dillinger Hütte behelfen. Die Rohstoffe treffen dort nicht auf den letzten Drücker ein, sondern es gibt Lager für Kohle und Erz, die reichen noch etwas hin. „Die Produktion läuft weiter“, sagt Reinicke. Aber die produzierten Güter müssen zu den Kunden. „Wir können ab Werk auf Schiene und Lkw ausweichen, aber das geht nur in Grenzen.“
Es gibt nämlich Produkte, wie bestimmte Bleche und Teile für Windräder, die so groß sind, dass sie nur auf dem Wasserweg transportiert werden können. Zwar sei es möglich, Kohle, Erz und Schrott per Bahn oder Lastwagen zum Stahlwerk zu fahren. Aber das ist teuer. Der im Dillinger Hafen festhängende Binnenschiffer Stefan Distel verdeutlicht die Dimension: Er kann auf sein Schiff 2400 Tonnen Kohle oder Stahl laden. Um die gleiche Menge zu bewegen, wären 40 Güterwaggons erforderlich oder 60 Sattelzüge.
Alternativroute Saarkanal nur für kleinere Schiffe geeignet
Es gibt zwar eine alternative Wasserroute: Sie führt saaraufwärts über den Saarkanal durch Lothringen, von dort ist über einen weiteren Kanal sowohl die Marne als auch der Rhein zu erreichen. Allerdings hatte Napoleon den Saarkanal für den Kohletransport anlegen lassen – für die Schiffe der damaligen Zeit, maximal 40 Meter lang und fünf Meter breit. Zu klein für die heutigen Bedürfnisse.
Der Druck wächst
Somit wächst der Druck auf das Schifffahrtsamt, das dem Bundesverkehrsministerium untersteht, die Schleuse Müden schnell zu reparieren. Am Freitag betrachteten Ministerpräsident Alexander Schweitzer, der als Sohn eines Binnenschiffers groß wurde, und der saarländische Wirtschaftsminister Jürgen Barke (beide SPD) in Müden den Schaden.
Notschleusung ab Montag: Schiffe sollen bis Silvester frei sein
Wie die RHEINPFALZ erfuhr, plant das Schifffahrtsamt, die auf Mosel und Saar blockierten Schiffe ab Montag über eine Notschleusung flussabwärts zu bekommen. Notschleusung bedeutet: Die Schleuse Müden wird statt mit dem kaputten Schleusentor mit einer stählernen Trennwand, die per Kran eingesetzt wird, verschlossen. Dann wird die Schleuse mit großen Pumpen leergepumpt. Das dauert. Bis ein einziges Schiff auf diese Weise durch die Notschleuse geschafft wird, dürften vier bis sechs Stunden vergehen. Falls die Methode funktioniert, könnten irgendwann zwischen Weihnachten und Silvester alle 70 bis 100 blockierten Schiffe in Richtung Koblenz befreit werden.
Danach, so war zu erfahren, soll die Schleuse für die Reparatur gesperrt werden. Das beschädigte Tor ist bereits ausgebaut und herausgeschafft worden. Es soll durch ein Ersatztor, das in Trier lagert und erst angepasst werden muss, ersetzt werden.
Dillinger Hütte: „Wir kriegen das hin“
Die Dillinger Hütte hat Unterstützung angeboten. „Wir haben die Bleche, wir haben Erfahrung für den Einsatz von Stahl im Wasser, und so ein Tor schweißen, das kriegen wir auch hin“, sagte Sprecher Reinicke. Der Bund wich gestern der Frage aus, wie er zu dem Angebot steht. Aus der Landespolitik war allerdings zu erfahren, dass das Schifffahrtsamt die Hilfe aus Dillingen gerne annehmen will.