Rüstungsindustrie
Ministerpräsidentin auf Panzerfahrt
Anke Rehlinger klettert vorsichtig in die enge Fahrerkabine des Radpanzers und nimmt auf dem Kommandantensitz Platz. Dann schließen sich die schweren Stahltüren. Die Ministerpräsidentin des Saarlandes blickt durch die schmale gepanzerte Frontscheibe nach vorn. Der 400-PS-Dieselmotor schnurrt kraftvoll auf und rollt das bullige Fahrzeug in einer kleinen Probefahrt über das Werksgelände.
Rehlinger war am Donnerstag nach Freisen im Landkreis St. Wendel gekommen, direkt an die Grenze zur Pfalz, um den Radpanzer Patria 6x6 CAVS zu sehen. Der geländegängige Mannschaftstransporter ist wichtig für die saarländische und pfälzischen Wirtschaft. Und er ist wichtig für die Bundeswehr. Die Serienproduktion und spätere Instandsetzung des Patria 6x6 trägt wesentlich dazu bei, das Rüstungsunternehmen KNDS Maintenance Deutschland in Freisen über viele Jahren hinaus auszulasten. Die Belegschaft dort soll massiv wachsen. Davon profitieren auch Arbeitnehmer aus der benachbarten Westpfalz. Sie stellen einen erheblichen Anteil der aktuell rund 700 Mitarbeiter bei KNDS in Freisen. Die Belegschaft hier könnte in den kommenden Jahren auf bis zu 1600 Mitarbeiter anwachsen, sagte Christoph Cords, der Geschäftsführer von KNDS Maintenance Deutschland.
Für Anke Rehlinger war deshalb die erste öffentliche Präsentation eines Patria 6X6 CAVS in Deutschland auch „ein guter Tag für das Saarland“, wie die Ministerpräsidentin sagte. Das Fahrzeug des finnischen Herstellers Patria befindet sich derzeit in der Erprobung bei der Bundeswehr und wurde nun in Freisen für weitere Tests instandgesetzt und ertüchtigt.
Der neue Radpanzer soll den in die Jahre gekommenen Transportpanzer Fuchs bei den deutschen Streitkräften ersetzen. Die Bundeswehr hat Ende 2025 bereits 876 Patria 6x6 bestellt in zunächst vier Varianten: für Pioniere, für Panzeraufklärer, mit schwerem Mörser und als Feuerleitfahrzeug. Die Beschaffungsverträge haben ein Volumen von rund 2 Milliarden Euro. Der Panzer soll bei KNDS in Freisen in Serienfertigung und später in die Instandsetzung gehen. Nach Angaben aus der Rüstungsindustrie plant das Verteidigungsministerium mit einer Beschaffung von insgesamt 3000 bis 4000 der Radpanzer. Die Auslieferungen beginnen nach Angaben von KNDS bereits in diesem Jahr. Die ersten vollständig in Freisen gefertigten Fahrzeuge erwartet das Unternehmen 2027. Allein dieser Auftrag bedeutet nach Angaben von Geschäftsführer Cords die Sicherung von Arbeitsplätzen bis mindestens 2040.
Nach Angaben des finnischen Rüstungskonzerns handelt es sich bei dem Patria CAVS 6x6 um einen gepanzerten Truppentransporter, in dem bis zu zehn Soldaten, ihre Ausrüstung, Fahrer und Fahrzeugkommandant Platz finden. Der Radpanzer ist 7,50 Meter lang, kann 8,5 Tonnen zuladen, erreicht mehr als 100 km/h und verfügt über eine Reichweite von mehr als 700 Kilometern.
Instandsetzung vieler Fahrzeuge
Für KNDS Deutschland Maintenance in Freisen, das größte deutsche Tochterunternehmen des deutsch-französischen Rüstungskonzerns KNDS, ist der Patria längst nicht das einzige Standbein. Hier werden 112 Fahrzeugsysteme und 384 Baugruppen für die Bundeswehr und Streitkräfte weiterer Nato-Staaten instandgesetzt. Zu den Bundeswehr-Fahrzeugen, die in Freisen vorfahren, gehören die Transportfahrzeuge Dingo und Boxer, der Spähwagen Fennek, Leopard-Bergepanzer, Transportpanzer Fuchs, Schützenpanzer Puma und Marder, das Einsatzfahrzeug Mungo, der Brückenlegepanzer Leguan, der Raketenwerfer Mars, die Panzerhaubitze 2000 und der Kampfpanzer Leopard 2.
Auch das Gepanzerte Transport-Kraftfahrzeug (GTK) Boxer, das als Mannschaftstransporter bei der Bundeswehr auch „Mutterschiff“ der Infanterie genannt wird, markierte am Donnerstag für KNDS in Freisen einen besonderen Tag. Es wurde der letzte von 189 Boxer übergeben, die für die Bundeswehr auf ein höheres Niveau ausgerüstet wurden. Geschäftsführer Cords kündigte weitere Projekte mit dem GTK Boxer in Freisen an. Er erwartet daraus mittelfristig einen Anstieg der Auslieferung um- und hochgerüsteter Boxer von derzeit 50 bis 60 der Radpanzer pro Jahr auf mehr als 250 pro Jahr.
Ministerpräsidentin Rehlinger sagte am Donnerstag, sie sei froh, dass mit KNDS in Freisen das Saarland einen Beitrag zur Verteidigung Deutschlands leiste und damit auch noch die Saarwirtschaft gestärkt werde. Ihre Landesregierung setzt auf die Rüstungsindustrie an der Saar und deren Vernetzung mit Zulieferern und dem Mittelstand. Damit hat Rehlinger gerade einen Lauf. Vor wenigen Tagen erst hat die Ministerpräsidentin eine neue Produktionsstätte für Lenkflugkörpern beim Rüstungskonzerns Diehl Defence im nahegelegenen Nonnweiler eröffnet. Auch dieser Standort expandiert. Diehl Defence plant dort weitere 20 Bauvorhaben.