Wirtschaft
Mentoring schafft Arbeitsmarktchancen
US-Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman hat es den Unfall der Geburt genannt: Wenn Kinder und Jugendliche in stark benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, leiden Sozialkompetenz, Bildung und damit die Lebensperspektive. Die Folgen sind auch in Deutschland langwierig. So hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) berechnet, dass es sechs Generationen dauert, bis Nachkommen einkommensschwacher Familien das deutsche Durchschnittseinkommen erreichen.
Umso bemerkenswerter ist, was das Münchner Ifo-Institut in einer Langzeitstudie nachgewiesen hat: Auch bei Jugendlichen im Teenageralter können Defizite gegenüber besser gestellten Altersgenossen demnach noch geschlossen werden. „Das ist sensationell“, findet Elisabeth Hahnke. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin des Mentoring-Programms Rock Your Life, das von Ifo auf seine Wirksamkeit geprüft wurde. Die Kernaussage: Die Arbeitsmarktchancen von Acht- und Neuntklässlern auf Brennpunktschulen verbessern sich deutlich, wenn jedem ein Mentor zur Seite gestellt wird.
Ertrag übersteigt Aufwand um ein Vielfaches
„Für diese Jugendlichen übersteigen die zu erwartenden Einkommenseffekte die Kosten des Mentoring-Programms um ein Vielfaches“, betont Ludger Wößmann. Er leitet das Ifo-Zentrum für Bildungsökonomik und verantwortet die Studie. Für Jugendliche aus stark benachteiligten Verhältnissen hat Ifo ein Kosten-Nutzen-Verhältnis berechnet, dem zufolge jeder eingesetzte Euro bis zu 31 Euro Mehrverdienst erbringt. Die Relation ist einerseits so krass, weil Rock Your Life von ehrenamtlichen Mentoren getragen wird, die wenig kosten und auf der anderen Seite bessere Jobchancen erhebliches Einkommenspotenzial bedeuten. „Die Kosten pro Schüler liegen in der Regel jedes Jahr zwischen 1500 und 2000 Euro“, sagt Hahnke. Der von Ifo attestierte Erfolg sei er vor allem darauf zurückzuführen, dass die Mentoren aus Studenten rekrutiert werden, die vom Alter her nicht sehr weit von den in der Regel 13- bis 15-jährigen Teenagern entfernt sind, die sie zwei Jahre lang bis hinein in die Freizeit betreuen.
Diese Altersgruppe ist das Überraschende an der Ifo-Studie. Denn dass Mentoring bei Sieben- bis Neunjährigen wirkt, haben andere Studien schon bestätigt. „Diese Studie zeigt, dass potenzialorientiertes Mentoring noch recht spät in der Bildungsbiografie eine Lücke schließen kann, die sich unverschuldet aufgetan hat“, unterstreicht Hahnke. Auch Ifo-Experte Wößmann weiß, dass Teenager in der untersuchten Altersgruppe vielfach als hoffnungslose Fälle angesehen würden. Jetzt habe man das Gegenteil bewiesen, was wegen der Pandemie zusätzliche Bedeutung erfahre. „Alles deutet darauf hin, dass sich die Situation vernachlässigter Jugendlicher durch Corona noch verschlimmert hat, weil bei ihnen im Homeschooling besonders wenig passiert“, warnt der Ifo-Forscher. Rock Your Life fange das Gröbste auf. Obwohl es kein ausgesprochenes Nachhilfeprogramm ist, hätten sich die Noten in Mathematik nach einem Jahr bei besonders stark benachteiligten Jugendlichen im Schnitt um fast eine halbe Notenstufe verbessert, berichtet Ifo-Experte Sven Resnjanskij.
Sozialkompetenz entwickelt sich bei den Jugendlichen positiv
Sozialkompetenz und Geduld der Jugendlichen hätten sich ähnlich positiv entwickelt. Gegenüber einer Kontrollgruppe ohne Mentoring sei der Prozentsatz derer, die am Ende wussten, was sie beruflich machen wollen, von deutlich unter der Hälfte auf zwei Drittel gestiegen. „Das sind extrem positive Werte“, sagt Wößmann. „Wir haben eine sehr hohe Aussagekraft erreicht“, betont sein Kollege Resnjanskij. Dafür hat das Wirtschaftsforschungsinstitut 308 Jugendliche in 19 Schulen und zehn Städten ein Jahr lang begleitet. Gut die Hälfte hatten Migrationshintergrund, ein Viertel alleinerziehende Eltern. Über vier Jahre hat sich die gesamte Studie erstreckt.
Mathe und Sozialkompetenz entscheidend für viele Berufe Die Faktoren Mathematiknote, Sozialkompetenz und Arbeitsmarktorientierung sind besonders entscheidend, wenn es um eine erfolgreiche Ausbildung und anschließende Jobchancen geht, belegen Studien. „Insgesamt werden die Defizite zu besseren Schülern komplett geschlossen“, bilanziert Wößmann. Bei weniger benachteiligten Jugendlichen, die ebenfalls in den Mentoring-Gruppen vertreten waren, seien keine signifikanten Fortschritte beobachtet worden.
Gut 8500 Teenager seit 2008 unterstützt
„Die bestätigte Wirksamkeit nimmt uns alle in die Verantwortung“, findet Hahnke. Die Politik müsse Initiativen wie die ihre fördern. Mit überschaubarem Aufwand könne viel erreicht werden. Hahnke war als Studentin selbst Mentorin. Heute leistet ihre Organisation pro Jahr 200.000 ehrenamtliche Mentoring-Stunden. Gut 8500 Teenager aus stark benachteiligten Verhältnissen sei seit der Gründung 2008 geholfen worden.
„Es hat sich gezeigt, dass es hilft, wenn jemand da ist, der an einen glaubt“, sagt Hahnke. Entscheidend sei die Beziehungsqualität. Die Mentoren werden vor dem Einsatz geschult, so in aktivem Zuhören. Auch Unternehmen sind Partner. „Mit Studenten als Mentoren werden extrem gute Ergebnisse erzielt, wohingegen vieles andere nicht funktioniert“, sagt Wößmann hinsichtlich der Zielgruppe.
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