Porträt RHEINPFALZ Plus Artikel Mario Reiß: Wortführer nicht nur bei Lokführern

In Tarifrunden erwies sich die GDL in den vergangenen Jahren immer wieder als konflikt- und streikfreudige Gewerkschaft.
In Tarifrunden erwies sich die GDL in den vergangenen Jahren immer wieder als konflikt- und streikfreudige Gewerkschaft.

Seit gut einem Jahr ist Mario Reiß Vorsitzender der Lokführergewerkschaft GDL. Im Vergleich zu seinem Vorgänger Claus Weselsky schlägt er einen gemäßigten Ton an

Die erste Frage ist noch nicht gestellt, als das Handy von Mario Reiß hartnäckig klingelt. Als Reiß das Gespräch annimmt und zu reden beginnt, wird schnell klar, wer den Vorsitzenden der Lokführergewerkschaft GDL sprechen will: sein Vorgänger Claus Weselsky.

Die Szene ist ebenso zufällig wie bezeichnend – auch ein gutes Jahr nach seinem Ausscheiden als GDL-Vorsitzender ist Weselsky in der Gewerkschaft, die er 16 Jahre lang führte und zu einer von den einen bewunderten, von anderen aufgrund ihrer Streikfreude gefürchteten Organisation formte, noch immer präsent. Mario Reiß kann damit offensichtlich gut leben. Die Zusammenarbeit mit Weselsky sei für ihn sehr vorteilhaft gewesen. Natürlich seien sein Vorgänger und er unterschiedliche Persönlichkeiten, habe sich die „Tonalität“ geändert, aber sie beide verfolgten die gleichen Ziele. Die Tonalität von Reiß ist, verglichen mit dem gerne zu- und überspitzenden, provokante Äußerungen nicht scheuenden Weselsky tatsächlich eine andere, gemäßigtere.

Wie der Dresdner Weselsky stammt auch Mario Reiß aus Sachsen. Der 59-Jährige wurde 1966 in Torgau geboren – in der gleichen Stadt und im gleichen Jahr wie der legendäre FCK-Mittelstürmer Olaf Marschall. Darauf angesprochen, bekennt Reiß, kein Fußballfan zu sein. Er war in jungen Jahren Gewichtheber.

Wunschberuf Autoschlosser

Wer in der damaligen DDR aufwuchs und offene Kritik übte, der riskierte, Probleme zu bekommen. Das bekam auch Mario Reiß zu spüren. Als Schüler habe er eine „große Klappe“ gehabt, hat sich auch mal mit Lehrern angelegt. Als er sich später um eine Lehrstelle in seinem Wunschberuf Autoschlosser bewarb, stand ihm seine schulische Beurteilung im Weg, in der sein „loses Mundwerk“ kritisiert wurde. Eisenbahner sei er deshalb eher „aus der Not heraus“ geworden, erinnert sich Reiß, der Anfang der 1980er-Jahre eine Ausbildung zum Schienenfahrzeugschlosser und Lokomotivführer begann und abschloss. Seine Lehre daraus: „Du kannst in der Jugend alle Wünsche haben, aber das Leben zeichnet den Weg.“

Die Rolle des Wortführers hatte Reiß auch in der Berufsschule und später im Beruf inne. Es sei immer sein Ziel gewesen, für andere etwas zu erreichen, beschreibt er die Motivation für dieses Engagement. Und so beschritt er nach und nach erneut einen Weg, den er, der Arbeit immer mit Handwerk gleichsetzte, eigentlich nicht hatte gehen wollen: raus aus dem Führerstand von Lokomotiven rein ins Büro, hinter den Schreibtisch. Ein Weg, der ihn vom Personalratsmitglied bei der Deutschen Reichsbahn in Falkenberg bis zum Betriebsratsvorsitzenden bei DB Cargo in Halle führte. Parallel dazu vollzog sich sein Aufstieg in der GDL, der ihn im September 2024 an die Spitze der 40.000 Mitglieder starken Organisation führte. Er sei ein Teamplayer, sagen die, die ihn besser kennen – eine Einschätzung, die Reiß selbst teilt.

Derzeit keinen Spaß am Bahnfahren

Als Gewerkschaftschef ist Reiß viel unterwegs, etwa 70.000 Kilometer legt er im Jahr mit der Bahn zurück. Normalerweise sei Bahnfahren eine luxuriöse Art, sich fortzubewegen, beschreibt Reiß einen Zustand, der mit den momentanen Verhältnissen bei der Deutschen Bahn (DB) nicht viel zu tun hat. Derzeit mache Bahnfahren keinen Spaß mehr, „weil wir nicht wissen, ob das, was der Fahrplan verspricht, auch eingehalten werden kann“.

Als Richard Lutz noch an der Spitze der DB stand, hat Mario Reiß kein Hehl daraus gemacht, dass er den gebürtigen Pfälzer nicht für den geeigneten Mann hielt, um die Bahn wieder aufs richtige Gleis zu setzen. Inzwischen ist Lutz seinen Posten los, ihm folgte Evelyn Palla. Die 52-Jährige bringe „alle Voraussetzungen“ mit, „wir dürfen hoffen, dass sie es in die richtige Richtung lenkt“, zeigt Reiß sich mit der Personalentscheidung zufrieden. Allerdings sei es Aufgabe der Politik, für Bedingungen zu sorgen, damit Palla Erfolg haben kann. Rasche Besserung sei ohnehin nicht in Sicht: „Wir sind bei der Bahn so tief unten, dass es lange dauern wird, bis es sich bessert.“ Und damit sich etwas bessert, seien „wirkliche Veränderungen“ notwendig, bekräftigt Reiß die Forderung seiner Gewerkschaft, das Schienennetz vom Betrieb abzutrennen.

Der Streit um das Tarifeinheitsgesetz

Mario Reiß, Evelyn Palla, dazu Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) – die drei verbindet, dass sie ihre Ämter noch nicht lange innehaben. Vielleicht eine günstige Konstellation, gemeinsam nach einer Lösung für ein Problem zu suchen, das seit Jahren die Atmosphäre zwischen DB und GDL sowie zwischen GDL und der größeren Bahngewerkschaft EVG vergiftet und dazu führt, dass die Tarifverhandlungen zwischen GDL und Deutscher Bahn mit geradezu gnadenloser Härte geführt werden: das Tarifeinheitsgesetz. Dieses Gesetz, das einst unter dem Motto „Ein Betrieb, ein Tarifvertrag“ verabschiedet wurde, sollte in Betrieben tarifpolitisch klare Verhältnisse schaffen dadurch, dass nur der Tarifvertrag jener Gewerkschaft zur Anwendung kommt, die die meisten Beschäftigten organisiert hat.

Warnung vor Altersarmut

Aus Sicht der GDL nutzt die DB das umstrittene Gesetz, um die kämpferische und oft unbequeme Gewerkschaft tarifpolitisch zu entmachten und ihr so faktisch ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Um das zu verhindern, erklärt Mario Reiß, habe die GDL keine andere Möglichkeit, als mit hohen Forderungen in Tarifrunden zu gehen und dort mit großer Härte für diese zu kämpfen. „Ich muss die besten Forderungen stellen, um die Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass sie in der besten Gewerkschaft sind“, bringt Reiß die dahinterstehende Logik auf den Punkt. Ohne dieses Gesetz wäre es seiner Gewerkschaft hingegen möglich, in Tarifrunden „andere Wege zu gehen“.

Auch in der laufenden Tarifrunde hat sich die GDL ambitionierte Ziele gesetzt. So soll das Entgeltvolumen um insgesamt 8 Prozent steigen. Dazu soll unter anderem eine neue, achte Entgeltstufe geschaffen werden. Die Gehälter der Beschäftigten sollen um 3,8 Prozent anwachsen. Man sei sich bewusst, dass diese Forderung für die Bahn-Arbeitgeber „nicht leicht zu bewältigen“ sei, sagt Reiß. Aber die Eisenbahner bräuchten höhere Einkommen. Denn die hohen Inflationsraten der vergangenen Jahre hätten dazu geführt, dass die Beschäftigten real heute weniger Geld zur Verfügung hätten als noch vor zehn Jahren. Und viele Eisenbahner seien trotz jahrzehntelanger Berufstätigkeit von Altersarmut bedroht. Hier müsse die GDL als Gewerkschaft gegensteuern.

Im Frühjahr Verhandlungsbeginn mit der DB

Die bereits begonnenen Tarifverhandlungen mit den sogenannten Wettbewerbsbahnen verlaufen laut Reiß bisher in einer sachlichen, vernünftigen Atmosphäre. Das könnte sich im kommenden Frühjahr ändern, wenn die Verhandlungen mit der DB beginnen. „Wir werden mit der Bahn unnachgiebiger verhandeln“, kündigt Reiß schon einmal an. In welcher Stimmung diese Gespräche verlaufen werden, hänge auch davon ab, „welche Leute uns am Tisch gegenübersitzen“, spielt Reiß nicht zuletzt auf Martin Seiler an. Der DB-Personalvorstand war in den vergangenen Tarifrunden Verhandlungsführer des Konzerns und wurde von Reiß’ Vorgänger Weselsky wiederholt massiv verbal angegangen.

Tarifrunden zwischen Deutscher Bahn und GDL führten in den vergangenen Jahren immer wieder zu teils tagelangen Streiks. Die will Mario Reiß auch dieses Mal nicht ausschließen, betont aber zugleich, dass man mit diesem Mittel des Arbeitskampfs „sehr, sehr verantwortungsvoll umgehen“ wolle.

Mario Reiß
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