Interview
Kreislaufwirtschaft und Reparaturkultur: Was wir vom Mittelalter lernen könnten
Frau Kehnel, wir halten uns für die fortschrittlichste Gesellschaft der Geschichte. Sie sagen: In manchen Fragen – etwa beim Umgang mit Ressourcen – war das Mittelalter weiter als wir. Haben wir also etwas verlernt?
Verlernt? Ich würde sagen: verdrängt. Unser wirtschaftliches Denken — über Konsum, Kapital, Profit — stammt aus dem 19. Jahrhundert. Damals war die Zauberformel: Fortschritt, Wachstum, Wohlstand. Das hat uns weit gebracht. Aber wir kleben noch immer daran, obwohl die Rechnung längst auf dem Tisch liegt: Mikroplastik im Meer, CO
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in der Atmosphäre, Pfas, sogenannte Ewigkeitschemikalien, im Boden, wachsende Ungleichheit, Konflikte, Kriege. Wir wissen, dass etwas nicht stimmt — aber wir wollen einfach weitermachen wie bisher. Mich erstaunt dieses Festhalten am Status quo.
Das Mittelalter gilt vielen als Epoche von Rückständigkeit, Aberglauben und Unterdrückung. Sie sagen dagegen: In manchen Fragen waren die Menschen damals erstaunlich modern. Welche falschen Vorstellungen versperren uns den Blick darauf?
Dass die Menschen alle bitterarm, verlaust und unterdrückt waren. „Früher waren alle arm, dann kam der Kapitalismus, und jetzt sind wir alle reich.“ So fasste die US-Ökonomin Deirdre McCloskey das Geschichtswissen der Ökonomen mal zusammen. Dabei verdrängen wir, dass vormoderne Gesellschaften über Jahrhunderte funktionierende Wirtschaftsmodelle entwickelt haben. Und sie haben es geschafft, ihren Nachkommen einen einigermaßen intakten Planeten zu hinterlassen.
Menschen im Mittelalter gingen oft erstaunlich sorgsam mit Ressourcen um. Was war das Grundprinzip dieser Wirtschaftsweise, das wir wiederentdecken könnten?
Kreislaufwirtschaft war der Goldstandard. Man könnte auch sagen, die Kompetenz zur intelligenten Nutzung und Weiternutzung von Ressourcen war viel größer als heute. Der Begriff „Abfall“ im Sinne von „nicht weiterverwertbaren Resten“ taucht erst im 20. Jahrhundert auf. Die Vormoderne kannte ihn nicht.
Viele Ressourcen wurden früher gemeinschaftlich genutzt und durch Regeln geschützt. Warum funktionierte diese Form der gemeinsamen Verantwortung oft über Jahrhunderte – und was könnte unsere Wirtschaft lernen?
Die Bodenseefischerei ist ein schönes Beispiel. Fischer haben über Jahrhunderte geregelt, wie viel gefangen werden darf — nicht weil ihnen jemand es vorschrieb, sondern weil alle wussten: Überfischen wir heute, verhungern unsere Kinder morgen. Wenn es zu wenig Bodensee-Felchen gab, hat die Nutzungsgemeinschaft die Maschengröße der Netze erweitert. Sie verzichteten auf kurzfristige Gewinne zugunsten langfristigen Nutzens. Diese unmittelbare Rückkopplung zwischen Handlung und Konsequenz fehlt heute fast völlig.
Die Pfälzer Haingeraiden sind auch ein Paradebeispiel. Der Begriff bezeichnet zugleich den Wald als Ressource als auch die Nutzungsgemeinschaft, nämlich Dörfer, die den Wald nicht als Privateigentum nutzten, sondern kooperativ als Allmende, also Gemeingut. Diese Waldgenossenschaften waren im Elsass und der Südpfalz verbreitet: ein gewählter Geraideschultheiß, zwölf Vertreter aus den zugehörigen Orten, ein Waldmeister, ein Schreiber. Die Geraideversammlung trat einmal jährlich zusammen, um Regeln zur nachhaltigen, gemeinschaftlichen Nutzung des Waldes zu besprechen: Wo darf in diesem Jahr welche Gemeinde wie viel fällen, wo weiden die Kühe und Schweine, wo halten wir Brache. Diese kooperative Nutzung funktionierte über Jahrhunderte. Und als im 18. Jahrhundert der französische König Soldaten schickte, um den Wald für den Bau der Festung in Landau abzuholzen, haben die Dorfbewohner den Waldarbeitern einfach das Werkzeug versteckt. Die Rodung konnte gestoppt werden. Langfristig konnten sie sich aber nicht gegen die Logik der Effizienzsteigerung behaupten — und wurden schließlich als Hindernis auf dem Weg in die Moderne abgeschafft.
Im Mittelalter war Reparieren ein eigener Wirtschaftszweig. Heute dominieren Wegwerfprodukte. Was sagt dieser Wandel über unsere Wirtschaftsweise?
Ich nehme mal Frankfurt als Beispiel. Der Nationalökonom Karl Bücher hat Anfang des 20. Jahrhunderts die Verwaltungsakten der Stadt durchforstet — Steuerlisten, Gerichtsbücher, Ratsbeschlüsse — und dabei mehr als 1500 verschiedene Berufe gezählt. Eine der überraschendsten Entdeckungen: die schiere Prominenz des Reparaturgewerbes. Ruzsen, Lepper, Plecker — das waren die Oberbegriffe für Handwerksberufe, die sich auf Reparatur von Altwaren spezialisierten. Schuhe, Messer, Taschen, Töpfe. Secondhand-Kleidung wurde überwiegend von Frauen vertrieben, auch als Maklerinnen bei Haushalts- oder Betriebsauflösungen waren sie sehr präsent. Sie zahlten Steuern, waren in Zünften organisiert. Die Reparaturbranche war so lebendig, dass eigene Zunftordnungen regelten, wann zum Beispiel Flickschuster zusätzlich auch Neuware anbieten durften – die Neuschuhmacher wehrten sich gegen die günstigere Konkurrenz. Wichtig scheint mir: Reparaturberufe waren lukrativ, man konnte davon gut leben!
In vormodernen Gesellschaften war wirtschaftliches Handeln häufig stärker in soziale Beziehungen eingebettet – etwa in Zünften, Dorfgemeinschaften oder religiösen Einrichtungen. Hat diese stärkere Einbindung Entscheidungen in Gemeinschaften etwas ermöglicht, das uns heute fehlt?
Die Klöster sind mein Lieblingsbeispiel: anderthalb Jahrtausende Erfahrung in Sharing Economy, einer Wirtschaft des Teilens. Wirtschaft war eingebettet in Gemeinschaft, in Verantwortung, in Regeln. Karl Polanyi hat in seinem Buch „The Great Transformation“ den Begriff „embedded economy“ geprägt. Seine These: In vormodernen Gesellschaften war wirtschaftliches Handeln stets eingebettet in soziale Beziehungen, in Gegenseitigkeit, Umverteilung und Haushaltsführung. Der Markt war nicht der dominierende Mechanismus, sondern einer von mehreren. Heute suchen wir verzweifelt nach Ersatz dafür – und nennen es „Corporate Social Responsibility“ – soziale Verantwortung von Unternehmen. Große Worte für etwas, das früher eine Selbstverständlichkeit war
Wenn viele dieser Praktiken funktionierten: Warum sind sie mit der Industrialisierung und der modernen Wirtschaft verschwunden?
Ich denke, wir verwechseln oft Wachstum mit Fortschritt. Das sind aber zwei sehr verschiedene Dinge. Derzeit messen wir Wachstum als den Marktwert aller Güter und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft in einem Jahr produziert – das sogenannte Bruttoinlandsprodukt. Das heißt aber, dass ein Unfall ebenso zum Wirtschaftswachstum beiträgt wie Krieg. Rüstungsindustrie, Tech-Branche, Bauindustrie. Alles wächst. Aber ist das Fortschritt?
Was verschwunden ist – die Allmende, die Reparaturkultur, die eingebettete Wirtschaft im Sinne Polanyis – das ist nicht einfach überholt worden. Es ist dem Diktat der Effizienzsteigerung, dem gnadenlosen Wettbewerb und einem einseitigen Verständnis von Wachstum zum Opfer gefallen. Die Pfälzer Waldgenossenschaften wurden nicht abgeschafft, weil sie nicht funktionierten. Sie wurden abgeschafft, weil sie der Logik maximaler Ausbeutung im Weg standen. Das ist kein unvermeidlicher Fortschritt. Das ist eine Entscheidung, die getroffen wurde. Und Entscheidungen können revidiert werden.
Wenn unsere Gesellschaft tatsächlich etwas vom Mittelalter lernen könnte: Welche eine Idee oder Praxis aus dieser Zeit würden Sie am liebsten morgen wieder einführen?
Es geht mir nicht um Lektionen aus der Geschichte, sondern um Training in Langfristdenken. Was ist, war einmal anders und es wird wieder anders werden. Anders, aber nicht unbedingt schlechter. Geschichte schult den Möglichkeitssinn.
Zur Person
Annette Kehnel (62) ist Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Mannheim. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit der Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Mittelalters – und mit der Frage, was sich aus früheren Gesellschaften über nachhaltiges Wirtschaften lernen lässt. Ein breites Publikum erreichte sie mit ihrem Buch „Wir konnten auch anders. Eine kurze Geschichte der Nachhaltigkeit“, in dem sie zeigt, dass viele Ideen eines schonenden Umgangs mit Ressourcen historische Vorläufer haben.