Konsum Kosten für Tierwohl: „Kein Recht auf Billigstfleisch“

Eine artgerechte Tierhaltung hat ihren Preis: In Umfragen sagen die meisten Menschen, dass sie für Tierwohlprodukte mehr ausgebe
Eine artgerechte Tierhaltung hat ihren Preis: In Umfragen sagen die meisten Menschen, dass sie für Tierwohlprodukte mehr ausgeben würden. Beim Einkauf greifen sie dann aber doch zum billigsten Produkt.

Den Start der Grillsaison bremsen Kontaktbeschränkungen und kühles Wetter. Doch bald wird die Lust auf Fleisch und Wurst vielleicht von höheren Preisen gebremst. Die kämen nicht ohne Grund.

Tierfreund ist jeder gern. Aber wenn es ans eigene Portemonnaie geht, sieht es manchmal anders aus. Den angestrebten Umbau der Nutztierhaltung in Deutschland jedenfalls werden Supermarkt-Kunden auch an der Kasse spüren – darauf laufen die Bemühungen der Bundesregierung hinaus. Denn sie will den Bauern unter die Arme greifen, wenn sie hohe Investitionen in neue Ställe stemmen.

„Wir haben über alle Szenarien hinweg berechnet, dass das ungefähr 3 bis 4 Milliarden Euro pro Jahr kosten wird“, sagt der Leiter des bundeseigenen Thünen-Instituts, Folkhard Isermeyer, bei der Präsentation einer Studie in Berlin. Dieses Geld müsse für eine Investitionsförderung und für eine Tierwohlprämie für die Landwirte aufgebracht werden. „Wenn man es umrechnet auf eine Mahlzeit pro Tag, sind es 5 Cent pro Mahlzeit.“

Höhere Mehrwertsteuer oder Tierwohlabgabe

Bundesagrarministerin Julia Klöckner hält es nach eigenen Worten für machbar, dafür entweder die Mehrwertsteuer für tierische Produkte von 7 auf 19 Prozent zu erhöhen oder eine Tierwohlabgabe einzuführen. „Es gibt kein Recht auf Billigstfleisch“, sagt die CDU-Politikerin. Fleisch werde aber auch kein Luxusprodukt für Reiche werden. Sie glaube, dass die Verbraucher bereit seien, Mehrkosten zu tragen. Eine Kommission unter Leitung des früheren Bundeslandwirtschaftsministers Joachim Borchert hatte im vergangenen Jahr Empfehlungen vorgelegt, wie die Tierhaltung verbessert werden kann. Das Thünen-Institut legte nun im Auftrag des Ministeriums eine Folgenabschätzung vor.

Grundsätzlicher Widerspruch kommt aus Opposition und Landwirtschaft nicht mehr – wohl aber die Forderung, nun endlich in die Gänge zu kommen. Noch vor den Bundestagswahlen müsse den Betrieben ein verlässlicher Weg aufgezeigt werden, verlangt etwa die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Kein Vertrauen auf Marktkräfte

Es gehe nicht auf Knopfdruck, sagt Klöckner. Sonst bestehe die Gefahr, dass die Tierhaltung aus Deutschland verdrängt werde und anschließend Fleisch und Milch aus Ländern eingeführt werde, wo es den Tieren schlechter gehe. Denn die Vorschläge würden nicht nur bedeuten, dass Bauern vielfach neue Ställe bauen müssen. Es würde für sie bis 2040 auch 10 bis 20 Prozent teurer, Fleisch und Milch zu erzeugen, ergab die Thünen-Studie.

Wichtig für die Bauern ist Planungssicherheit. „Wer einen Stall umbaut oder neu baut, der nimmt richtig Geld in die Hand“, sagt Klöckner. Ein Regierungswechsel dürfe die Finanzierung nicht gefährden. „In vier Jahren hat man die Sache nicht gewuppt.“

Keiner hat mehr die Illusion, dass Supermarktkunden an der Kühltheke konsequent zum besseren Produkt greifen und so die Tierhaltung zum Besseren wenden. „Das Ziel lässt sich nicht erreichen, indem man auf die Marktkräfte vertraut“, sagt Isermeyer. Denn über Tierwohl zu reden ist das eine, danach zu Handeln das andere.

In Umfragen sagten die meisten, dass sie für Tierwohlprodukte mehr ausgeben würden. Experimente zeigten aber, dass ein großer Teil der Menschen vorwiegend preisorientiert einkaufe, konstatiert die Studie.

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