Wirtschaft Kontroversen um Dieselmotor

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Heilbronn/Berlin/Brüssel. Die Feststellung des Umweltbundesamtes, dass Diesel-Pkw, wie gestern berichtet, weit mehr gesundheitsschädliche Stickoxide ausstoßen als bisher angenommen, sorgt für Diskussionen. Branchen-Experte Willi Diez sieht dennoch eine Zukunft für die Diesel-Technik. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat bei Messungen deutlich zu hohe Stickoxid-Werte in der Luft vor vielen Schulen und Kitas in deutschen Großstädten gemessen.

Der Autobranchen-Experte Willi Diez sieht trotz der Abgasproblematik weiter eine Zukunft für den Dieselantrieb. „Ich würde nicht so weit gehen, den Diesel jetzt für tot zu erklären“, sagte Diez der „Heilbronner Stimme“. „Bei der CO2-Thematik hat der Diesel nach wie vor Verbrauchsvorteile“, betonte Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) an der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Da sie weniger Sprit verbrauchten, stoßen Diesel auch weniger CO2 aus. Das Umweltbundesamt habe zudem keine grundsätzlich neuen Erkenntnisse geliefert. „Von der Problematik wussten ja alle in der Branche“, betonte der Experte mit Blick auf Abweichungen beim gemessenen Abgasausstoß auf dem Prüfstand und unter realen Fahrbedingungen im Straßenverkehr. Messdaten des Umweltbundesamtes zeigen, dass die Diesel in Deutschland rund ein Drittel mehr gesundheitsschädliche Stickoxide ausstoßen als bisher von den Behörden angenommen. Auch bei modernen Euro-6-Pkw sind die Emissionen demnach im Alltag sechs Mal so hoch wie der Grenzwert, den Modelle bisher nur in Labortests einhalten müssen. In der Diskussion um strengere Abgasregeln für Autos dringt EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska weiter auf eine europäische Lösung. „Derzeit sind allein die Mitgliedstaaten zuständig, Rechtsverstöße zu ahnden. Dieses System hat versagt“, sagte Bienkowska den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Mitgliedstaaten hätten es nicht geschafft, Volkswagen wirksam zu beaufsichtigen und zu bestrafen, als Rechtsbrüche offenkundig geworden seien. Deutschland und andere EU-Mitgliedsländer sollten eine strengere EU-Aufsicht unterstützen. Bienkowska betonte, umstrittenen Praktiken, mit denen etwa Fiat die EU-Vorschriften umgehe, könne nur auf europäischer Ebene wirksam begegnet werden. „Der Streit zwischen Deutschland und Italien über Fiat zeigt erneut die Schwächen des gegenwärtigen Systems und sollte Deutschland ermutigen, unsere Vorschläge zu unterstützen.“ Deutschland und Italien streiten seit Monaten wegen der Vorwürfe gegen Fiat, illegale Abschalteinrichtungen bei der Abgasreinigung einzusetzen. Die Luft vor vielen Schulen und Kitas in deutschen Großstädten ist nach Angaben von Greenpeace zu stark mit gesundheitsschädlichem Stickoxid belastet. An mehr als zwei Drittel der knapp 150 Messstellen in sechs Städten seien die EU-Grenzwerte überschritten worden, teilte die Umweltschutzorganisation gestern mit. Greenpeace hat nach eigenen Angaben zwei Wochen lang vor Schulen und Kitas in Düsseldorf, München, Frankfurt, Hamburg, Hannover und Berlin die Stickoxid-Werte gemessen, die vor allem durch Diesel-Autos in die Höhe getrieben werden. Stickoxide können unter anderem die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System belasten, Kinder gelten als besonders gefährdet. Bürgermeister müssten sofort regelmäßige Messungen an Schulen anordnen und bei zu hohen Werten Kinderschutzzonen durchsetzen – notfalls auch mit Fahrverboten, sagte Greenpeace-Verkehrsexperte Daniel Moser. Greenpeace zufolge waren die Werte an 72 Prozent der 143 Messstellen zu hoch – teilweise doppelt so hoch wie der EU-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, der allerdings für das Jahresmittel gilt. Laut Umweltbundesamt wurde 2016 an mehr als jeder zweiten Messstation an stark befahrenen Straßen der Stickoxid-Grenzwert überschritten. Die EU hat mehrere Verfahren gegen Deutschland laufen. |dpa

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