Fragen und Antworten
Ist Hybrid-Fleisch pure Geschmacksache?
Eine Packung Hackfleisch kaufen und trotzdem nur halb so viel Fleisch essen: Das ist die Idee, die hinter Hybrid-Fleisch-Produkten steht. Denn Hybrid-Fleisch besteht zu 30 bis 60 Prozent aus Gemüse, hat die Verbraucherzentrale (VZ) Nordrhein-Westfalen in einem Marktcheck herausgefunden. „Man isst auf diese Weise also tatsächlich weniger Fleisch“, sagt Christiane Kunzel, Ernährungsexpertin bei der VZ. Allerdings: Die Produkte, die vor allem von Discount-Ketten beworben wurden, sind größtenteils schon wieder aus den Regalen verschwunden. Warum das so ist – und welche Alternativen es gibt.
Waren Hybrid-Fleisch-Produkte eine Marketing-Aktion?
„Das Anfang des Jahres besonders Wert gelegt wird auf eine gesunde Ernährung, ist ja nicht neu“, sagt Verbraucherschützerin Kunzel. Die Discounter bedienten diesen Trend in diesem Jahr mit dem „Veganuary“, also einem veganen Januar. Wem der Komplett-Verzicht auf tierische Produkte zu schwer fällt, der – so die Werbung – kann zumindest zu Hackfleisch, Bratwürsten oder Burger-Patties greifen, die zum Teil aus Gemüse bestehen. Allerdings sind viele dieser Hybrid-Produkte schon wieder aus dem Regalen verschwunden.
Ist der Trend bei Verbrauchern schon wieder passé?
Bei Aldi Süd will man einer Sprecherin zufolge nun erstmal „interessiert die Entwicklungen in diesem Bereich beobachten“ und „das Sortiment anpassen, wo es einen Mehrwert für die Kunden bietet“. Herauslesen lässt sich, dass die Nachfrage nach Hybrid-Fleisch bislang offenbar nicht besonders groß gewesen ist. Vom Discounter Lidl gab es keine Stellungnahme.
Sind Hybrid-Produkte ein sinnvoller Beitrag zu einer fleischärmeren Ernährung?
Die von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen unter die Lupe genommenen Fleisch- und Wurstwaren hatten einen Fleischanteil von 40 bis 70 Prozent. Was die Produkte auch ernährungsphysiologisch besser macht, denn nach wie vor essen die Deutschen mit durchschnittlich 57,3 Kilogramm pro Person zu viel Fleisch – auch wenn dieser Wert, den die Heinrich-Böll-Stiftung in ihrem Fleischatlas für 2021 ausgibt, der niedrigste ist seit Beginn der Verzehrstatistik 1989. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, maximal 600 Gramm Fleisch pro Woche zu essen. Das sind aufs Jahr gerechnet gut 31 Kilogramm – etwas mehr als die Hälfte der aktuellen Durchschnittsmenge. Würden alle Verbraucher ausschließlich Hybrid-Fleisch mit 50-prozentigem Gemüseanteil kaufen, wäre der empfohlene Wert erreicht.
Schmecken Hybrid-Fleisch-Produkte?
„Da sie einen Fleischanteil haben, ist der Fleischgeschmack auch da“, sagt Verbraucherschützerin Kunzel. Das kann ein Vorteil sein gegenüber rein pflanzlichen Fleisch-Imitaten: Hier wird der Fleischgeschmack teilweise nachgeahmt, häufig mit Zusatzstoffen. Weshalb die Verbraucherschützer zu einem genauen Blick auf die Zutatenliste raten. „Allerdings hat sich hier die letzten Jahre auch viel getan, die Listen sind deutlich kürzer und die Produkte durch mehr Forschung wirklich besser geworden“, sagt Christiane Kunzel.
Was spricht gegen Hybrid-Fleisch?
„Zumindest bei den Produkten, die wir uns im Januar angeschaut haben, wurde auf das Tierwohl kaum Rücksicht genommen“, berichtet Kunzel. Abgesehen von einem Bio-Produkt stammte das Fleisch ausschließlich aus konventioneller Haltung – und dabei aus den schlechtesten Haltungsformen 1 und 2, das bedeutet Stallhaltung (1) und Stallhaltung mit 10 Prozent mehr Platz (2).
Welche Alternativen gibt es zu Hybrid-Fleisch?
Wer nicht auf Fleisch verzichten, aber weniger essen will, kann einfach seltener Fleisch auf den Speiseplan setzen – und dafür dann beispielsweise auf eine gute Qualität aus artgerechter Haltung zurückgreifen. „Es ist auch kein Problem, Fleisch beispielsweise in einer Bolognese-Soße selbst zu strecken, indem man einfach mehr Karotten und weniger Hackfleisch nimmt, dann hat man sein eigenes Hybrid-Fleisch“, rät Ernährungsexpertin Kunzel. Darüber hinaus ist das Angebot an rein vegetarischen oder veganen Fleischersatzprodukten inzwischen sehr groß. „So mancher konventionelle Fleisch- oder Wurstwarenproduzent verdient damit inzwischen mehr als mit den klassischen Produkten“, sagt Kunzel.
Sind Fleischersatzprodukte ohne Einschränkungen zu empfehlen?
Verbraucherschützer raten dazu, sich die Zutatenlisten von pflanzlichen Burger-Patties oder Fischersatz aus Gemüse genau anzuschauen und auf Zusatzstoffe wie etwa zugesetzte Aromen zu achten, aber auch auf den Zucker- oder Salzgehalt. Letzterer ist Jana Fischer, Ernährungsexpertin von der Verbraucherzentrale Hamburg negativ aufgefallen, als sie Fischersatzprodukte genauer unter die Lupe genommen hat. Viel Salz ist grundsätzlich ein Problem vieler verarbeiteter Fertigprodukte. Wer selbst kocht, bestimmt, wie und womit er würzt. Preislich sind viele Fisch- oder Fleischersatzprodukte sogar teurer als die Originale – und das, obwohl sie mit Wasser, Weizenmehl und Gemüse vergleichsweise billigere Zutaten enthalten.
Woran erkennt man Fleisch aus guter Haltung?
Es gibt in Deutschland kein einheitliches, verpflichtendes Tierwohlkennzeichen. Was bislang auf den Verpackungen von Rind-, Schweine- und Geflügelfleisch steht, ist ein freiwilliges Haltungsform-Logo, das die großen Supermarktketten 2019 eingeführt haben. Daran kann man ablesen, welche Bedingungen Schlachttiere im Stall hatten – in vier Stufen von „Stallhaltung“ (1), was den gesetzlichen Mindeststandards entspricht, bis „Premium“ (4), die tierfreundlichste Haltungsform. Letztere gibt es selten zu kaufen. Bei einer Händlerbefragung der Umweltorganisation Greenpeace im September 2021 machten Haltungsform 3 und 4 zusammen lediglich 10 Prozent des Angebots aus. Dann gibt es noch Fleisch, welches nach den Kriterien des EU-Biosiegels, der Bio-Anbauverbände und dem Produktionsverband Neuland hergestellt wurde sowie sogenanntes Weidefleisch, bei dem die Tiere das ganze Jahr über auf der Weide sind. Auch dieser Marktanteil ist gering: Er trifft auf 5 Prozent des Rinderbestandes, 1 Prozent der Schweine und 3 Prozent der Masthühner zu, so der Naturschutzbund WWF. Auch Fleisch ohne Biosiegel oder Haltungskennzeichnung kann fair produziertes Fleisch sein – bei Direktvermarktern kann man nach den Haltungsbedingungen fragen.
Wie wirkt sich die Fleischproduktion auf die Umwelt aus?
Bei den Auswirkungen aufs Klima gibt es durchaus Unterschiede: Die Rinderhaltung gilt wegen der großen Menge an Methan, welche im Verdauungstrakt der Kühe entsteht, sowie wegen des Lachgases aus der Gülle als sehr klimaschädlich. Besser ist Schweinefleisch, noch besser Geflügel, am besten heimisches Wild (keine Zucht). Für Wild spricht zudem, dass die Tiere ein artgerechtes Leben in der Region hatten und der Transport zum Schlachthof entfällt.