Offroad-Erlebnis Im Mercedes durch die eisige Wildnis der Mongolei
Eine Eiswüste bis zum Horizont, weit und breit kein Zeichen der Zivilisation und die letzte asphaltierte Straße liegt zwei Tage zurück – Autourlauber verirren sich äußerst selten in die nördliche Mongolei. Erst recht nicht im tiefsten Winter. Doch in einem Mercedes Zetros 6x6 bleibt man eher gelassen. Dieser extrem geländegängige Lastwagen wird für sechsstellige Preise mittlerweile eigentlich nur ans Militär oder an Katastrophenschützer verkauft. Und hinten drauf ist dann meist nicht viel mehr als eine Pritsche mit Plane oder irgendwelches Werkzeug. Doch wer in seinem Urlaub gerne abseits ausgetretener Pfade fährt und das auch noch antizyklisch, der ist mit dem ganz großen Bruder der G-Klasse bestens bedient. Erst recht, wenn ihn ein Spezialunternehmen für noch einmal das gleiche Geld zum Luxus-Wohnmobil ausgebaut hat.
Dann nämlich verliert selbst dieses Land seinen Schrecken. Weder die spärliche Infrastruktur noch die Temperaturen zweistellig unter Null können einem die Urlaubsfreude vermiesen – und wo andere noch nach der Straße suchen oder vergebens auf den Winterdienst warten, fährt der Zetros einfach weiter.
Sechs angetriebene Räder
Wozu hat er schließlich nicht nur vier, sondern gleich sechs angetriebene Räder, jedes davon mehr als hüfthoch und mit Stollen groß wie Bauklötze. Zu den acht Standardgängen gibt es noch einmal genauso viele für die Untersetzung sowie drei Differenzialsperren, und sollte das meterdicke Eis auf Seen wie dem Dood Tsagaan den bis zu 27 Tonnen schweren Koloss mal nicht mehr tragen, sichern ihm 1,20 Meter Wattiefe trotzdem oftmals das Weiterkommen.
Dafür müssen sich Pkw-Fahrer allerdings ein wenig umstellen. Das beginnt bereits beim Ein- oder besser: beim Aufsteigen. Weil man wie auf einen Hochsitz klettert, bevor man sich in den luftgefederten Sessel fallen lässt. Dann liegt einem ein Lenkrad vor der Brust. Das ist so groß wie ein Gullydeckel, aber viel zu leichtgängig. Macht nichts, schließlich ist der Zetros von der gemütlichen Sorte. Zwar leistet sein 7,2 Liter großer Diesel 240 kW/326 PS und geht mit imposanten 1300 Nm zu Werke, und dumpfes Röhren hallt wie ein ferner Donner kilometerweit durch die mongolische Steppe. Aber wenn sich mit lauten Zischen die Druckluftbremse löst, braucht es viel Geschick im Spiel mit dem manuellen Getriebe und fein dosiertes Zwischengas, um den Bullen von Benz überhaupt in Bewegung zu bringen. Und wenn er mal Fahrt aufnimmt, läuft der Sekundenzeiger schneller als der Tacho durch die analogen Instrumente.
Wie auf dem Trampolin
Selbst wenn es hier kaum Straßen und deshalb auch keine Verkehrsordnung gibt und niemanden das europäische Laster-Limit von 80 km/h interessiert, sind mehr als 100, bergab vielleicht auch mal 110 km/h nicht drin. Und dann muss man schon sehr vorausschauend fahren und den Finger immer am Hebel für die Motorbremse haben, damit der Koloss nicht außer Kontrolle gerät. Denn lange bevor man den Laster mit der klassischen Bremse per Fuß zügelt, wirkt sie auf Motor und Getriebe und nimmt Fahrt heraus. Außerdem achtet man besser auf Bodenwellen unter dem Schnee, aufgetürmte Eisschollen oder die Stämme der unter weißen Massen umgestürzten Bäume. Nicht, dass sie den Zetros stoppen könnten. Doch der Fahrer hüpft auf seinem luftgefederten Bock dann wie ein Kind auf dem Trampolin.
Durch Mark und Bein
Dafür allerdings fühlt man sich wie der große Khan persönlich, wenn man so erhaben sitzt und scheinbar mühelos seinen eigenen Weg spurt. Bis irgendwann ein Knacken durch den Lärm dringt, einem in Mark und Bein fährt und man plötzlich doch ein Eisbad im Dood Tsagaan-See fürchtet. Rücksicht und Umsicht, die Grundtugenden im europäischen Straßenverkehr und unumgänglich im Umgang mit einem Wagen von mehr als acht Metern Länge, 2,50 Metern Breite und bald vier Metern Höhe, kann man in der Mongolei vorübergehend ablegen. Denn andere Autos bekommt man hier oft stunden-, ja manchmal tagelang nicht zu Gesicht.
Luxus-Oase in der Einöde
Reisen in der winterlichen Mongolei sind auch heute schwer planbar, weil man nie weiß, ob man sich jetzt auf einer offiziellen Piste befindet oder sich gerade selbst seine Strecke planiert. Und weil hinter jeder Kurve oder Kuppe eine eingestürzte Holzbrücke, eine eisige Rutschbahn oder eine haushohe Schneewehe warten kann. Aber das stört echte Abenteurer nicht. Denn erstens ist bei solchen Reisen eigentlich immer der Weg das Ziel, und zweitens wartet am Ende der Fahrt ohnehin nicht viel mehr als die Gästedecke in einer Jurte der Nomaden oder die Pritsche im einzigen Schlafsaal des einzigen örtlichen, nun ja, Hotels, wie sie so manche Bretterbude euphemistisch nennen.
Gut, dass der Zetros sein Appartement deshalb immer dabeihat. Erst recht, weil der Besitzer nicht aufs Geld, dafür aber auf seinen Komfort geschaut und ihn zur Luxus-Oase in der Einöde aufrüsten lassen hat. Es gibt deshalb nicht nur eine Küchenzeile samt Spülmaschine und eine gemütliche Sitzecke, sondern auch ein kleines Marmorbad mit Fußbodenheizung und eine Mastersuite mit mehr Komfort als in den meisten Hotelzimmern. Erst recht in denen, die man in der Mongolei so findet.
Kaffeeduft aus der Küche
Eingehüllt in eine kuschelige Decke mit Kaminfeuer auf dem Flachbildschirm und Kaffeeduft aus der Küchenzeile – schöner kann ein Urlaubstag kaum beginnen. Wenn man nur bei minus 25 Grad nicht zwischendurch mal nach draußen müsste, um vorn in die Kabine zu klettern und den Diesel mit der Standheizung eine Viertelstunde vorzuwärmen, damit der Sechszylinder überhaupt zum Leben erwacht.
500 Liter im Tank
Dann allerdings steht einem ein neuer Tag voller Abenteuer offen. Solange noch Diesel im 500-Liter-Tank ist und frisches Wasser in diversen anderen, so lange fährt man sozusagen bis ans Ende der Welt – und danach einfach immer weiter.
Daten
Mercedes Zetros 6x6 (Umbau: Hartmann Spezialkarosserien), Sechszylinder-Diesel, Hubraum: 7200 ccm, max. Leistung: 240 kW/326 PS, max. Drehmoment: 1300 Nm,
6x6-Allradantrieb, 16-Gang-Schaltgetriebe, Länge: