Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Homeoffice: Warum das mobile Arbeiten bleiben wird

Homeoffice oder mobiles Arbeiten wird bleiben. Was wird dann aus Büroimmobilien? Werden künftig noch so viele Flächen benötigt,
Homeoffice oder mobiles Arbeiten wird bleiben. Was wird dann aus Büroimmobilien? Werden künftig noch so viele Flächen benötigt, wenn viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zwei oder drei Tage die Woche zu Hause arbeiten?

Eine Auswertung von Online-Stellenofferten zeigt: Auch nach der Pandemie ist das Arbeiten von Zuhause aus nicht mehr wegzudenken. Arbeitsmarktexperte Gunvald Herdin erklärt, warum es (noch) ein Stadt-Land-Gefälle gibt.

Herr Herdin, ich sitze gerade im Homeoffice und ehrlich gesagt bin ich hier meistens produktiver als im Büro. Wie sind denn so Ihre Erfahrungen?
Ich mache manche Arbeiten gerne zu Hause und manche Arbeiten gerne im Office. Wenn es um intensive Arbeitsphasen geht, wo man lange am Rechner sitzt, dann kann ich das zu Hause besser. Bei virtuellen Meetings ist es auch egal, wo ich sitze. Daneben gibt es aber eben Dinge, die man, glaube ich, im Büro besser machen kann. Für konzeptionelle Arbeiten in kleinen Gruppen gibt es zwar mittlerweile tolle Tools. Aber manchmal ist ein Flipchart doch hilfreich. Die Studienlage zur Produktivität ist noch ein bisschen gemischt. Es geht da mal in die eine, mal in die andere Richtung. Es kommt auf die Personen an, es kommt auf die Arbeitsprozesse, auf die Tätigkeiten an.

Warum, denken Sie, wird uns das Homeoffice erhalten bleiben?
Ein Grund ist sicher, dass wir das mittlerweile gelernt haben. Viele haben im ersten Lockdown damit angefangen. Das hat vielleicht ein paar Ängste genommen. Andererseits haben wir jetzt eben die Instrumente dafür. Vor zehn Jahren hat man vielleicht mal geskypt, wenn man im Ausland war. Mittlerweile ist Videotelefonie fast schon Standard. Deshalb gibt es mehr Möglichkeiten, Arbeiten ortsunabhängig zu erledigen. Der dritte Punkt ist, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer das inzwischen einfordern. Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt; wir sprechen immer stärker von einem Arbeitnehmermarkt. In vielen Berufen haben wir mittlerweile einen Fachkräftemangel, teilweise sogar einen Arbeitskräftemangel. Und Homeoffice ist einfach ein Kriterium für die Wahl des Arbeitgebers geworden. Auch die Unternehmen haben gemerkt, dass es Vorteile haben kann, wenn die Leute nicht jeden Tag ins Office kommen – auch wenn sie sich wieder etwas mehr Anteile in Präsenz wünschen.

Die Pandemie war also schon der Katalysator für das mobile Arbeiten, wie es wohl korrekt heißen müsste?
Ja, das glaube ich schon. Ansonsten wären wir beim Homeoffice auf einem ganz anderen Niveau. Wir sehen aber nicht, dass die Steigerung bei den Homeoffice-Anteilen in Stellenanzeigen ausschließlich auf die Coronavirus-Pandemie zurückzuführen wäre. Auch danach gab es einen kontinuierlichen Anstieg der Angebote. Das zeigt mir, dass es eben auch an den jetzt vorhandenen technischen Möglichkeiten liegt. Oder an einer größeren Offenheit, es doch einmal mit Homeoffice auszuprobieren. Ein Vorteil für Arbeitgeber ist ja, dass sie mit der Homeoffice-Option das Netz bei der Suche nach Arbeitskräften etwas weiter auswerfen können. Wir haben in den vergangenen Jahren einen Anstieg bei der Entfernung von Arbeits- und Wohnort gesehen. Das Gleiche gilt auch für die Arbeitnehmer, die einfach ein bisschen weiter gucken können, weil sie nur noch zwei, drei Tage die Woche ins Büro fahren müssen und nicht mehr fünf.

Für wen kommt Homeoffice vor allem in Frage?
Die Arbeiten zu Hause werden ja vor allem am Computer verrichtet. Deshalb ist es natürlich erst einmal wichtig, dass die Tätigkeiten auch im Büro am Rechner beziehungsweise auf digitalem Wege durchgeführt werden. In der IT-Branche sehen wir das sehr deutlich. Da werden bis zu 60 Prozent der Stellenanzeigen mit einer Homeoffice-Möglichkeit ausgeschrieben werden. Ich weiß nicht, ob man noch Leute findet, wenn man das in dem Bereich nicht aktiv anbietet.

Dass das im Handwerk oder in der Pflege nicht funktioniert, ist nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz ist ein gewisses Stadt-Land-Gefälle bei den Homeoffice-Möglichkeiten schon auffällig. Wie kann man das erklären?
Das liegt vor allem an der Verteilung der Berufe, die in den jeweiligen Regionen gesucht werden. Wir haben in den Großstädten viel häufiger Bürojobs und im ländlichen Bereich viele produzierende und mittelständische Betriebe. Da ist das einfach schwieriger. Aber es gibt auch Berufe, bei denen man nicht auf den ersten Blick vermutet, dass Homeoffice möglich ist. Ich habe zum Beispiel Stellen für Tierärzte gesehen, die Ferndiagnosen per Video machen können.

Andererseits erscheint der ländliche Raum ja wie gemacht für mobiles Arbeiten. Wohnen ist vergleichsweise günstig, das Pendeln fällt inzwischen weitgehend weg. Warum profitiert das Land noch nicht so sehr?
Ich sehe hier eine Chance für den ländlichen Raum. Wir müssen nicht mehr zwangsläufig in den Städten wohnen, in denen wir arbeiten, sondern können ein bisschen weiter aufs Land ziehen – mit allen Vorteilen. Ich sehe einen kleinen Trend, dass die Leute in die Speckgürtel der Städte ziehen, um zwei-, dreimal in der Woche in die Stadt zu pendeln. Die Chance besteht also darin, Menschen zu binden oder für den ländlichen Raum zu gewinnen.

Aber die Infrastruktur muss dort schon stimmen?
Auf jeden Fall. Schnelles Internet und eine gute Verkehrsanbindung sind wichtig. Dass man nie ins Büro muss, haben wir nur sehr selten gefunden – in etwa sechs von 1000 Anzeigen.

Sehen sie mittelfristig eine Verschiebung zwischen Stadt und Land?
Das wäre schon wünschenswert, passiert aber nicht von alleine und sollte begleitet werden. Es gibt einzelne Regionen, in denen sich die Gemeinden dafür stark machen, dass genau das geschieht. Und das werden wir in Zukunft vermutlich auch stärker sehen. Für viele Dörfer stellt sich etwa die Frage, ob die Grundschule erhalten bleibt. Und das hängt vor allem an den Einwohnern, die da sind oder eben nicht da sind.

Was bedeutet das andererseits für die Städte? Dort wird ja teilweise weiterhin der Neubau von Büroflächen geplant, als hätte es all diese Entwicklungen nie gegeben.
Hier sehe ich durchaus die umgekehrte Entwicklung, dass Unternehmen kleinere Büroflächen bauen, anmieten, viel stärker mit Desk Sharing arbeiten, also fest zugewiesene durch flexible Arbeitsplätze ersetzen, die allen Mitarbeitenden zur Verfügung stehen. Wenn man eine Präsenzquote von 60 Prozent hat und das verteilt bekommt über die Woche, braucht man keine 100 Prozent Kapazität mehr. Ich selbst arbeite teilweise auch im Homeoffice; im Büro haben wir keine fest zugeordneten Schreibtische mehr. Aber es gab noch nie den Fall, dass ich keinen Platz gefunden habe. Die Unternehmen werden natürlich versuchen, diese Einsparpotenziale zu nutzen. Ich hatte deshalb auch schon sorgenvolle Anrufe von Maklern für Büroimmobilien, die gesagt haben, dass es schwieriger wird, Büros zu vermieten. Der Markt wird sich also verändern – auch wenn man noch nicht so genau weiß, wohin das führen wird.

Zur Person

Gunvald Herdin ist Arbeitsmarktexperte bei der Bertelsmann Stiftung. Er befasst sich mit den Themen Fachkräftesicherung und Wandel am Arbeitsmarkt. Er verantwortet den Jobmonitor, mit dem mehr als 60 Millionen Online-Stellenanzeigen mit Blick auf Veränderungen am Arbeitsmarkt untersucht werden.

Gunvald Herdin
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