Neue Motorräder
Harley-Davidsons starke Pan America
Pan America 1250 nennt sich die große Reiseenduro, die auf etablierte europäische und japanische Konkurrenz stößt. Am Design scheiden sich die Geister. Das an sich schlanke Motorrad zeichnet sich durch eine recht breite und eckige Verkleidung im Stil der Harley-Davidson-Touringmodelle sowie einen breiten horizontal ausgerichteten Scheinwerfer aus. Das gefällt nicht jedem und nicht jeder, aber das ist auch nicht gewollt. Die „Pan Am“, wie sie schon jetzt gerne genannt wird, soll sich ganz bewusst auch optisch von ihren Mitbewerbern abheben. Und warum soll eine Reiseenduro nicht die Verkleidung einer Tourers haben? Die Designer nehmen ganz bewusst in Kauf, ein wenig zu polarisieren. Zumindest ist die Neue von vorne auf Anhieb zu erkennen.
Viel Fleiß haben die Ingenieure auf den Motor verwendet. Der Revolution Max, wie er heißt, ist eine komplette Neuentwicklung und technisch aufwendiger konstruiert als die bekannten großvolumigen Triebwerke der Marke. Die Zahl in der Typenbezeichnung gibt dabei den Hubraum des V2 exakt an. Mit 152 PS und 128 Newtonmetern maximalem Drehmoment bewegt sich die Pan America von den technischen Daten her auf Augenhöhe mit ihren etablierten Rivalinnen. Der 60-Grad-Twin ist mittragend ausgelegt und darf als gelungener Wurf gelten. Er wird auch noch für weitere neue Modelle die Basis bilden.
Weicher Lauf
Der Twin mit Doppelzündung und seitlich leicht versetzten Zylindern zeichnet sich durch einen weichen Lauf aus, der gerade so viele Vibrationen durchlässt wie für das Motorradgefühl notwendig ist. Das sorgt für Komfort auf der langen Etappe und für eine gewisse Entlastung im Geländeeinsatz. Beides gilt auch für die lineare Kraftentfaltung, wobei die Spitzenleistung bei 8750 Umdrehungen in der Minute kurz vor dem roten Bereich erreicht wird. Das maximale Drehmoment liegt 2000 Touren früher an. Selbst bei Topspeed (226 km/h auf dem Tacho) erweist sich der Revolution Max weiterhin als geschmeidiger Geselle und das Fahrwerk der Pan America als Fels in der Brandung.
Dazu passt der für Menschen bis etwa 1,80 Meter Größe gute Windschutz der vierfach mechanisch verstellbaren Scheibe. In der höchsten Stufe bekommt auch der Helm so gut wie nichts ab, lediglich die Schultern werden leicht vom Fahrtwind gestreichelt.
Der Fahrersitz ist wahlweise in zwei Höhen arretierbar. Wem das nicht reicht, dem kommt Harley-Davidson mit einer Weltneuheit entgegen. Auf Wunsch kann die gegenüber der Standardversion besser ausgestattete Pan America 1250 Special mit einer automatischen Fahrwerksabsenkung im Stand ausgestattet werden. Das „Adaptive Ride Height“ genannte System drückt das Heck um bis zu fünf Zentimeter herunter und hebt es beim Losfahren entsprechend wieder an.
Keine Feststellbremse
Natürlich gibt es bereits serienmäßig eine Reihe von elektronischen Fahrhilfen. ABS und elektronische Bremskraftverteilung sowie Traktionskontrolle und Antriebsschlupfregelung arbeiten schräglagenabhängig. Unverständlich ist da, warum der Hill Holder bereits nach zehn Sekunden die Zügel wieder locker lässt. Lapidare Antwort aus Milwaukee: Es handle sich eben nicht um eine Feststellbremse. Bereits die Standardausführung der Pan Am bringt schon sechs Fahrmodi mit, davon zwei Geländeprogramme und eine individuelle Vorkonfiguration, bei der Special mit dem semi-aktiven Fahrwerk sind es noch einmal zwei Custom-Einstellungen mehr, darunter extra eine fürs Offroad-Fahren.
Drei Programme
Erfreulicherweise sind die Abstufungen zwischen den drei vorab hinterlegten Straßenfahrprogrammen „Rain“, „Road“ und „Sport“ am Gasgriff auf Anhieb spürbar, was ja keinesfalls selbstverständlich ist. Das Gold liegt hier eindeutig in der Mitte. Der forsche Dynamikmodus ist etwas für Speedfans und die zahme Regenstufe wirkt beinahe schon ein wenig zu zurückhaltend. Zwecks einfacheren Durchscrollens während der Fahrt können aktuell nicht erforderliche Modi vorübergehend aus dem Display genommen werden. Navigiert wird über die kostenlose H-D-App und das Multimediasystem der Pan Am.
Das Sechs-Gang-Getriebe schaltet auch bei erst wenig gefahrenen Neumaschinen exakt, der Kupplungshebel erfordert nicht unnötig Kraft. Die Bremsen sprechen früh an, packen vorne fest zu, lassen aber ein wenig einen klaren Druckpunkt vermissen und verlangen bei Bedarf einen etwas beherzteren Zug. Bei der Bedienung fällt außerdem der sich etwas versteckende Blinkerschalter negativ auf, aber immerhin schalten sich die Fahrtrichtungsanzeiger von selbst wieder ab. Der Auspuffsound ist für eine Harley eher etwas zurückhaltend, und darf als dezentes Brüllen umschrieben werden. Der Klang ist angenehm vernehmbar, ohne aufdringlich zu sein. Ärger mit Anwohnern ist mit der Gelände-Harley jedenfalls nicht vorprogrammiert. Und das ist auch gut so.
Mit Kurvenlicht
Dem ersten Anschein nach hat Harley-Davidson auf Anhieb vieles richtig gemacht. Und mit einem Einstiegspreis von knapp unter 16.000 Euro (plus Nebenkosten) darf die Pan America durchaus als verlockendes Angebot in ihrem Segment gelten. Ausstattungsbereinigt, so rechnet der Harley-Davidson Deutschland vor, ist die große Reiseenduro rund drei Tausender günstiger als der Platzhirsch von BMW. Die 13 Kilogramm schwerere Special ist 2000 Euro teurer. Sie bietet neben dem semi-aktiven Fahrwerk unter anderem auch einen Lenkungsdämpfer, Griffheizung und Hauptständer sowie schräglagenabhängiges Kurvenlicht (ein Lichtlein brennt: erst eins, dann zwei, dann drei).
Keine Frage: Der Einstand im bislang fremden Revier ist Harley gelungen. Erbsenzähler mögen beim Eindringling Dinge wie einen Quickshifter oder eine Sitzheizung vermissen. Ausbaufähig ist auch noch der Service-Intervall von 8000 Kilometern.
PLUS UND MINUS
Motor, Preis, Grundausstattung. – Image bei jüngeren Kunden, gewöhnungsbedürftige Optik, Teile der Bedienung, Service-Intervall.
DATEN
Preis: 16.555 Euro (inkl. Nk), Länge: 2,27 Meter; Sitzhöhe: 869 mm / 894 mm; Gewicht: 245 kg (fahrfertig); Motor: 60-Grad-V2, 1250 ccm, wassergekühlt; Leistung: 152 PS bei 8750 U/min; max. Drehmoment: 128 Nm ; Kraftübertragung: Kette; Getriebe: sechs Gänge; Höchstgeschwindigkeit: 220 km/h; Normverbrauch: 5,5 l/100 km; CO2: 129 g/km; Tankinhalt: 21,2 l; Reifen: 120/70 ZR19 (v.)/170/60 R17 (h.).