Interview
Finanzexperte: Anlegern droht ein Wirrwarr wegen EU-Taxonomie
Herr Schick, Sie sind Vorstand von „Finanzwende“. Dieser überparteiliche Verein will den milliardenschweren Akteuren auf den Finanzmärkten auf die Finger schauen – zugunsten privater Kunden. Wird die EU-Taxonomie zum Klimaschutz Auswirkungen haben auf die Anbieter von Finanzprodukten sowie auf private Endkunden wie Sie und mich?
Eigentlich ist diese Taxonomie ein sehr sinnvolles und wichtiges Projekt. Es soll Orientierung geben. Ärgerlicherweise hat es Schaden genommen durch politische Einflussnahme von der Energielobby und nationale Interessen.
Wenn Leute derzeit in einen nachhaltigen Fonds investieren oder ihr Geld einer Versicherung anvertrauen wollen sie häufig sicherstellen, dass damit nicht Atomfirmen oder die Gas- und Ölindustrie unterstützt werden.
Richtig. Häufig ist heute aber nicht klar, ob das Geld ökologisch sinnvoll eingesetzt wird oder nicht. Jeder Anbieter kann seine eigene Definition von Nachhaltigkeit haben. Die EU-Taxonomie versucht nun zu trennen zwischen „grünen“ und „grauen“ Finanzmarktprodukten. Kunden sollen nicht groß recherchieren müssen, ob ein Finanzprodukt die Vorstellungen erfüllt.
Eine Liste mit nachhaltigen Geldanlagen (Taxonomie) würde einem „grünen“ EU-Siegel entsprechen – ähnlich wie bei Lebensmitteln. Doch mit der möglichen Aufnahme von Atomkraft und Erdgas wäre ein solches Siegel doch entwertet?
Laut einer Umfrage erwarten in Deutschland 82 Prozent der Menschen, dass ein als „nachhaltig“ klassifiziertes Produkt keine Atomkraft enthält. Die Lobbyarbeit der deutschen Erdgasindustrie und die Einflussnahme der französischen Regierung zugunsten der Kernkraft haben daher für alle am Finanzmarkt Agierenden ein Problem geschaffen.
Könnte die EU-Taxonomie dazu führen, dass das sowieso schon schwierige Label „nachhaltig“ vollends ad absurdum geführt wird?
Ja, im Extremfall könnte es theoretisch passieren, dass alle europäischen Kohlekraftwerke durch Gaskraftwerke ersetzt und so 1,4 Milliarden Tonnen emittiertes Kohlendioxid (CO2) als nachhaltig eingestuft werden. Das entspricht den Emissionen von acht kleineren EU-Ländern. Die Gefahr besteht, dass Gelder in die falsche Richtung geleitet werden und für wirklich nachhaltige Anlagen nicht zur Verfügung stehen.
Dabei soll der Finanzmarkt, so die ursprüngliche Idee der Taxonomie, der Hebel werden, um den klimafreundlichen Umbau der Gesellschaft – die Transformation – hinzubekommen.
Ja, wenn aber die falschen Anreize gesetzt werden, wird dieser Umbau gebremst.
Viele Menschen investieren nicht direkt. Sie vertrauen ihr Geld Banken, Versicherungen oder anderen Finanzdienstleistern an. Da könnte doch – insbesondere wegen der Atomfrage – Streit mit deren Kunden, also den Geldgebern, entstehen?
Ein gewisser Wirrwarr ist absehbar. Denn verschiedene Anbieter am Markt schließen heutzutage Atomkraft aus. Wenn sie nun bald konfrontiert sind mit dem standardisierten neuen System der EU – was eigentlich Übersichtlichkeit und Einheitlichkeit schaffen soll –, wird es ein Nebeneinander geben. Oder es droht gar ein Rückschritt.
Dabei kam die Taxonomie nicht über Nacht ...
Nein, seit 2018 haben Experten daran gearbeitet. Gerade bei der Atomfrage wurden saubere Lösungen zur Einordnung gefunden. Erst auf den letzten Metern sozusagen ist durch Lobbyeinflüsse und nationale Interessen das Problem mit Gas und Atom reingekommen.
Mit Blick auf die Atomkraft hat einer der großen institutionellen Anleger, Werner Hoyer von der Europäischen Investitionsbank (EIB), kürzlich gesagt: Wir haben noch nie die Atomkraft finanziert – und werden das auch in Zukunft nicht tun. Schließt sich die Frage an: Wozu braucht es überhaupt die Taxonomie?
Na ja, ein einheitlicher Standard wäre schon hilfreich für Nichtprofis. Ich habe mir das mal angeschaut: Jeder deutsche Automobilhersteller ist in irgendeinem Nachhaltigkeitsfonds drin. Wenn jeder nach irgendwelchen Kriterien irgendwo der ökologischste ist, ist die finanzielle Lenkungswirkung gleich null. Ein einheitliches System würde dazu führen, dass „grüne“ Anlagen leichter an Geld kommen als „braune“. In der vorliegenden Form ist es aber schlecht gemacht und muss dringend verhindert werden.
Die Taxonomie definiert 2022, also zu einem bestimmten Zeitpunkt, was als „nachhaltig“ zu gelten hat. Doch der technische Fortschritt geht ja weiter. So müsste die EU-Kommission die Taxonomie nach einiger Zeit eigentlich überprüfen und nachschärfen. Ist das überhaupt zu leisten?
Das ist im Alltag ja nicht anders. Auch hier werden beispielsweise DIN-Normen ständig angeglichen. So ist es auch bei der Taxonomie vorgesehen. Das bekommen wir als Normalbürger bloß in der Regel nicht mit, weil das auf Expertenebene stattfindet.
Der Taxonomie der EU-Kommission zum Klimaschutz sollen weitere folgen. Zum Beispiel eine Sozial-Taxonomie. Kürzlich hat sich die deutsche Rüstungsindustrie zu Wort gemeldet und den Stempel „nachhaltig“ im sozialen Bereich auch für sich eingefordert. Begründung: Rüstungsgüter seien Voraussetzung für Sicherheit und Frieden. Werden wir Zeugen einer abstrusen Etikettierungswelle?
Lange Zeit hat die Finanzmarktpolitik in diesem Bereich niemanden interessiert. Je mehr Leute jetzt aber Kunden von Nachhaltigkeitsbanken geworden sind, je mehr Fondsgesellschaften und reiche Familien sich mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigen, desto mehr rückt die Frage ins Zentrum: Wer gilt eigentlich als gut? Das ist eigentlich ein produktiver Prozess. Politik darf dabei aber nicht den Einflüsterungen von Lobbyisten erliegen. Vielmehr muss sie sich die Frage stellen: Was ist es, was unsere Gesellschaft wirklich braucht?
Info
Der Verein „Bürgerbewegung Finanzwende“ wurde 2018 in Berlin gegründet. Hauptinitiator war der damalige Grünen-Bundestagsabgeordnete und promovierte Volkswirt Gerhard Schick (Wahlkreis Mannheim), der dafür sein Parlamentsmandat niederlegte. Zu dem Schritt bewogen ihn unter anderem die Erfahrungen, die er während der Welt-Finanzkrise ab 2008 sammeln konnte. Das Ziel seither: mitzuhelfen, eine intransparente Finanzwelt zu reformieren.