Bundestagswahl 2025 Experten: Mehr Windräder in Deutschland aufstellen reicht nicht

Warnschild an einem Batteriespeicher. Im übertragenen Sinn hat die Energiefrage das Potenzial, jede Regierung zu beschädigen.
Warnschild an einem Batteriespeicher. Im übertragenen Sinn hat die Energiefrage das Potenzial, jede Regierung zu beschädigen.

Mit der Wahl im Februar 2025 wird eine neue Bundesregierung an die Macht kommen. Was wird dann aus der Energiewende? Und was kommt auf die Verbraucher und Steuerzahler zu?

Die Farbenzusammensetzung der neuen Bundesregierung ist offen. Meinungsumfragen legen jedoch nahe, dass die Union die Regierung anführen könnte. Schreitet die Abkehr von den fossilen Energieträgern Kohle, Öl und Gas dann weiter voran? Oder wird die Energiewende abgewürgt, wenn die derzeit größte Oppositionspartei ans Ruder kommt? Für Verbraucher sind Antworten auf die damit verbundenen Fragen wichtig, damit sie beispielsweise beim Kauf von Geräten oder Heizungen keine falschen Entscheidungen treffen.

Überhaupt zählt Energie zu den wichtigsten politischen Feldern. Hier entscheidet sich, ob die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt, beziehungsweise ob deren Wettbewerbsfähigkeit wieder steigt. Es entscheidet sich, wie sehr Bürger und Steuerzahler finanziell belastet werden – und ob Deutschland seinen Beitrag zum Klimaschutz erfüllen kann, zu dem sich Vorgängerregierungen sowohl auf europäischer Ebene als auch im internationalen Rahmen verpflichtet haben. Wichtige Fragen sind daher:

Wo steht Deutschland heute, nach drei Jahren Ampel-Regierung?
Der Ausbau der erneuerbaren Energien, sagt Energieprofessor Jochen Linßen vom Forschungszentrum Jülich, habe zwar Fahrt aufgenommen, doch im grünen Bereich liege er nicht. Mit Blick auf das von der Bundesregierung 2021 verkündete Ziel, die Bundesrepublik müsse bis zum Jahr 2045 klimaneutral werden, dränge die Zeit. An diesem Ziel, so heißt es vom Südpfälzer Bundestagsabgeordneten Thomas Gebhart (CDU), werde auch eine von seiner Partei geführte Bundesregierung festhalten.

Als Beispiel, was zu diesem Zweck neben dem Aufstellen von mehr Windrotoren künftig bewerkstelligt werden muss, nennt Energieexperte Linßen die Ertüchtigung des Transport- und Verteilnetzes für Erdgas zugunsten des viel flüchtigeren, aber klimafreundlichen Wasserstoffs.

Zu dieser langen Liste gehört aber auch die flächendeckende Installation von Smartmetern: Dies sind intelligente, mit dem Internet verbundene Stromzähler, die Verbrauchsgeräte je nach Auslastung des Stromnetzes an- und abschalten. Ein agiles Verhalten der Stromnutzer könnte die Netzstabilität enorm verbessern. Bei den Smartmetern ist Deutschland laut Christian Rehtanz, Professor an der Technischen Universität Dortmund, jedoch stark im Verzug.

Lange Zeit war Systemsicherheit, also das Absichern gegen Stromausfallzeiten, nur ein Randthema. Wie sieht es hier aus?
Erneuerbare Energien haben – im Gegensatz zu Kohle, Gas, Öl oder auch Atomkraft – die Eigenart, dass sie in einem ständigen Auf und Ab zur Verfügung stehen. Ein Problem dabei ist die sogenannte Dunkelflaute: Wenn kein Wind weht, aber auch keine Sonne scheint, wird in Deutschland zu wenig Strom eingespeist. Dies war beispielsweise am 6. November der Fall. Dann muss Ersatz einspringen, dies sind derzeit Gas- oder Kohlekraftwerke.

Das Gegenteil der Dunkelflaute ist der Sonnensturm: Dann fällt durch viel Sonne und heftig wehende Winde so viel Strom an, dass bisher Anlagen beziehungsweise Regionen vom deutschen Stromnetz getrennt wurden. Sonst würde dieses überlastet – mit der Folge, dass auch in diesem Fall Blackouts auftreten könnten.

Christian Rehtanz bewertet es als positiv, dass die Frage der Systemsicherheit in der Zeit der Ampel „endlich angegangen wurde“. So liege nun der Entwurf für ein Kraftwerkssicherheitsgesetz vor. Allerdings ist dessen Schicksal nach dem Ampel-Aus offen.

Der Jülicher Wissenschaftler Jochen Linßen hat Dunkelflauten im deutschen und europäischen Raum in den zurückliegenden 50 Jahren untersucht. Sein Befund: Im Schnitt mussten 14 bis 15 Tage im Jahr überbrückt werden, da dann Sonne und Wind nicht genügend Strom lieferten oder hätten liefern können. Aussagen für die Zukunft würden durch den Klimawandel erschwert, betont Linßen. Denn dadurch änderten sich langjährige Wettermuster.

Was sind Möglichkeiten, um Dunkelflauten zu überbrücken? Hat sich hier etwas verändert?
Eine Variante, um eine kurzfristige Dunkelflaute zu überstehen, sind Batteriespeicher. Andreas Löschel von der Ruhr-Universität zufolge sind die Preise in diesem Bereich „in den zurückliegenden anderthalb Jahren sehr stark gefallen“. Das liege insbesondere an niedrigeren Rohstoffpreisen für die Bausteine Lithium und Kobalt. Schon aus diesem Grund spielten Batteriespeicher bei Systemsicherheit eine viel wichtigere Rolle als noch vor zwei Jahren, hebt er hervor.

Mit Batteriespeichern, so hat Christian Rehtanz errechnet, ließen sich kurzfristig zehn Gigawatt beim deutschen Strombedarf abdecken. Die Spitzenlast, die in Deutschland abgerufen wird, liegt bei 80 Gigawatt.

Das Setzen auf Batteriespeicher hat auch Auswirkungen auf die Netzausbaupläne. Denn warum teure Stromleitungen bauen, um im Notfall von weit her Wind- oder Sonnenstrom zu liefern, wenn man riesige Batteriespeicher anzapfen kann? Eine Einschränkung gibt es indes: Diese Speicher müssen am richtigen Ort stehen.

Für längere Zeiträume, die man wegen des Ausfalls erneuerbarer Energie überbrücken muss, braucht es andere Technologien. In Frage kommen unter anderem einstige Erdgasspeicher, auch geologische. Sie können zum Speichern von Wasserstoff genutzt werden, heißt es von den Energieexperten. Mit Wasserstoff ließe sich sodann in Kraftwerken – anstelle von Erdgas – Strom erzeugen.

Allerdings: Niemand kann heute den Preis für Wasserstoff beziffern. Dieser muss mutmaßlich zu sehr großen Teilen importiert werden. Der Preis indes entscheidet darüber, ob eine Technologie wirklich in großem Stil eingesetzt wird – oder eben nicht.

Wie geht es mit dem Kohleausstieg weiter? Klimaschädliche Kohlemeiler dienen derzeit in Deutschland noch als Ersatz, wenn es nicht genügend Wind- oder Solarstrom gibt.
Energiewirtschaftsprofessor Rehtanz zufolge ist Deutschland ab dem Jahr 2023 vom Stromexport- zum Stromimportland geworden. Zuvor wurden mehrere Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet, und „eigentlich hätten die durch neue Gaskraftwerke ersetzt werden sollen“. Dies sei aber nicht geschehen. Stichwort: Ukraine-Krieg und entfallene russische Gaslieferungen. In der Folge kam noch viel politisches Hin und Her hinzu, was für unklare Rahmenbedingungen sorgte.

Zudem gibt es neuerdings eben auch die Möglichkeit, im Fall der Fälle auf Strom aus Batteriespeichern zurückzugreifen. Wie viele neue Gaskraftwerke daher überhaupt gebraucht würden, betont Professor Andreas Löschel von der Ruhr-Universität Bochum, sei damit noch unsicherer geworden. Diese Gemengelage bremse Investoren enorm, schließlich müssten sich Gaskraftwerke rechnen.

Dass die „Ersatzkraftwerke“ vom Staat betrieben werden, der dafür Steuergelder aufwenden müsste, halten viele Fachleute für keine gute Idee: Der Staat solle die Rahmenbedingungen für den Energiemarkt formulieren, sich aber ansonsten aus dem Marktgeschehen heraushalten.

Ob vor dem Hintergrund dieser offenen Fragen und Unsicherheiten der Kohleausstieg wie geplant bis spätestens 2038 über die Bühne gehen kann oder verschoben werden muss, ist nach Meinung der zitierten Experten offen. Die Frage des Kohleausstiegs werde in der nächsten Regierungsperiode wohl mit Macht aufbrechen.

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