Energiekrise
Emotional aufgeladen: Wie der Preis für Benzin zum „Brotpreis der Moderne“ wurde
Nach Einschätzung von Verkehrsforschern reagieren Autofahrer auf steigende Kosten oft anders als erwartet. Eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) aus der Energiekrise nach Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 zeigt ein klares Muster: Autofahrer verzichten kaum auf Fahrten – sie passen vor allem ihr Verhalten an. Trotz deutlich gestiegener Kosten blieb das Verkehrsaufkommen weitgehend stabil, während sich das Fahrverhalten veränderte.
Auf Autobahnen in Nordrhein-Westfalen wurden damals sogar leicht mehr Fahrzeuge gezählt als im Jahr zuvor – wobei die Zahlen durch die Coronapandemie teilweise verzerrt sein könnten. Entscheidend war weniger die Gesamtmenge als die Verschiebung im Detail: Der Anteil der Autos, die unterhalb der Richtgeschwindigkeit unterwegs waren, stieg deutlich, während schnelle Fahrten seltener wurden. Viele Fahrer verzichteten also nicht auf Wege, sondern gingen etwas vom Gas.
Gefahren wird weiter
Auch im Tagesverlauf zeigten sich Veränderungen. Frühmorgens waren mehr Fahrzeuge unterwegs, am späten Nachmittag und abends deutlich weniger. Das spricht für mehr Pendelverkehr und weniger Freizeitfahrten. Gerade in verkehrsärmeren Zeiten wurde freiwillig langsamer gefahren.
Für Thomas Puls, Verkehrs- und Infrastrukturexperte des arbeitgebernahen IW, ist dieses Muster plausibel. „Das ist die einfachste Reaktion, die man haben kann, um seine eigenen Kosten zu senken“, sagt er jetzt im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Wer unterwegs sei, fahre meist nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil er müsse. „Der Verzicht auf eine Fahrt hat meistens eine höhere Hürde.“
Statt Wege zu streichen, werde daher eher das Tempo reduziert. „Durch Reduktion der Geschwindigkeit auf 120 kann man schon Kraftstoff sparen“, sagt Puls. Der Effekt sei erheblich, weil der Verbrauch am Luftwiderstand hänge. „Und der steigt mit dem Quadrat der Geschwindigkeit.“
Kaum Sparanreize bei Dienstwagen
Aktuelle Daten fehlen zwar, doch Puls erwartet in der Energiekrise 2026 kein gänzlich anderes Muster. „Die einfachste Konsequenz ist, langsamer zu fahren“, sagt er. Ein spürbarer Rückgang der Fahrten sei dagegen unwahrscheinlich. Mobilität lasse sich kurzfristig nur schwer ersetzen.
Das deckt sich auch mit grundlegenden Erkenntnissen der Verkehrsforschung, wonach die Nachfrage im Straßenverkehr kurzfristig nur begrenzt auf Preisänderungen reagiert.
Auch Unterschiede zwischen den Autofahrern spielen eine große Rolle. Puls weist darauf hin, dass nicht alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen auf steigende Preise reagieren. Wer etwa mit Dienstwagen und Tankkarte unterwegs ist, trägt die Kosten oft nicht selbst – und hat daher weniger Anreiz, sein Verhalten anzupassen. Andere trifft es umso stärker, vor allem bei langen Pendelstrecken und niedrigen Einkommen.
Gezielte Hilfe statt Gießkanne
Kraftstoffpreise seien immer ein besonders sensibles Thema. Sprit sei „der Brotpreis der Moderne“, sagt Puls. Kaum ein anderer Preis sei so sichtbar und emotional aufgeladen. „Fast jeder verbraucht Sprit irgendwie, und der Preis steht überall groß angeschrieben.“
Die Politik reagiert dennoch mit bekannten Instrumenten. Wie 2022 setzt die Regierung im Mai und Juni auf einen Tankrabatt, wenn auch in abgeschwächter Form. Puls sieht das kritisch. Das Instrument habe schon vor vier Jahren „relativ wenig gebracht und relativ viel gekostet“.
Das Problem liegt aus seiner Sicht im Prinzip: „Der Tankrabatt geht mit der Gießkanne über alle.“ Auch wer wenig fährt oder ein hohes Einkommen hat, profitiert. Puls nennt sich selbst als Beispiel: „Wenn ich alle sechs Wochen einmal an die Tankstelle fahre, muss mir der Staat nicht unter die Arme greifen.“
Stattdessen plädiert er für gezieltere Hilfen – und sieht dafür durchaus Ansatzpunkte. Eigentlich ließen sich besonders belastete Haushalte identifizieren, sagt Puls: etwa Menschen mit niedrigem Einkommen und gleichzeitig langen Pendelstrecken. Entsprechende Informationen seien in Steuerdaten vorhanden, etwa über Einkommen und Pendlerpauschale. Darauf aufbauend könne ein gezieltes Energiegeld gewährt werden. Besonders belastet seien Haushalte, bei denen beides zusammenkomme: niedrige Einnahmen und hohe Fahrleistung: „Da schlägt das richtig ein.“
Auch andere Maßnahmen bewertet IW-Verkehrsexperte Thomas Puls zurückhaltend. Die neue Regelung beispielsweise, nach der Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich um 12 Uhr mittags erhöhen dürfen, bringe vor allem mehr Planbarkeit. „Ich verspreche mir davon aber herzlich wenig“, sagt Puls. Aus seiner Sicht wäre ein späterer Zeitpunkt für eine mögliche Preisanpassung für die Verbraucherinnen und Verbraucher nachvollziehbarer gewesen – etwa am Abend, wenn mehr Autofahrer tatsächlich die Möglichkeit hätten, auf günstigere Preise zu reagieren.
Neuregelung nutzt Konzernen
Nach Einführung der 12-Uhr-Regel sind laut einer Studie nicht nur die Spritpreise, sondern auch die Margen der Mineralölkonzerne gestiegen. Beim Superbenzin lagen sie in den ersten zwei Wochen im Schnitt um rund 6 Cent pro Liter höher als zuvor. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des ZEW Mannheim und des Düsseldorfer Instituts für Wettbewerbsökonomie (DICE).
Das Maßnahmenpaket habe das Preisniveau bislang nicht gesenkt, sondern insbesondere bei Benzin zu deutlich höheren Gewinnspannen geführt, sagt Studienautorin Leona Jung. Bei kleineren Anbietern stiegen die Margen stärker als bei großen Ketten. Regional fielen die Effekte vor allem in Süddeutschland deutlich aus.
Nach Einschätzung von IW-Verkehrsexperte Puls führt die jetzige Regelung vor allem dazu, dass sich das Verhalten zeitlich verschiebe. Verbraucher wüssten, wann Preise steigen – könnten dies aber im Alltag oft gar nicht nutzen. „Für viele ist zwölf Uhr mittags schlicht kein realistischer Zeitpunkt zum Tanken“, sagt Puls: „Am Ende fährt man ja meistens, wenn man irgendwo hin will.“
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