Abu Dhabi RHEINPFALZ Plus Artikel Der Kanzler auf Wirtschaftsreise: Sind die Golfstaaten wirklich so wichtig?

Der Bundeskanzler besucht ein Unternehmen in Abu Dhabi: Nach Saudi-Arabien und Katar sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VA
Der Bundeskanzler besucht ein Unternehmen in Abu Dhabi: Nach Saudi-Arabien und Katar sind die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) die dritte und letzte Station der Reise von Friedrich Merz in die Golfregion.

Keine Region wurde zuletzt so von der Bundesregierung umworben wie die arabische Halbinsel. Warum die Wüstenländer für den Kanzler und die Wirtschaft wichtig sind.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steht im riesengroßen Foyer der Öl-Firma ADNOC in Abu Dhabi und ist zufrieden. Gerade erst hat der Präsident der Emirate, Mohamed bin Zayed, ihn persönlich mit dem Auto vom Palast zum nächsten Termin im Restaurant „Zuma“ gefahren. Es war ein hohes Zeichen der Anerkennung und es reiht sich ein in die positiven Erfahrungen, die der Kanzler am Golf gemacht hat.

Nach seinen Besuchen in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten habe er Eindrücke gewonnen, „die mich persönlich sehr optimistisch stimmen, die mir auch zeigen, welches große Potenzial wir in Deutschland haben – im Hinblick auf ausländische Investitionen in Deutschland, aber auch deutsche Investitionen in diesem Teil der Welt“. Der Besuch, er sei einer, „der vielleicht sogar zu den wichtigsten Besuchen zählt, die ich in den letzten Monaten gemacht habe“.

Wenn man Merz so zuhört, dann gewinnt man den Eindruck: Deutschland habe einen sehr, sehr wichtigen Partner gewonnen. Doch wie relevant ist der Golf überhaupt für die deutsche Wirtschaft. Die RHEINPFALZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie groß sind die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Golf und Deutschland?
Kurz gesagt: Sie waren schon mal besser. Deutsche Unternehmen haben 2024 Waren im Wert von 10 Milliarden US-Dollar nach Saudi-Arabien, dem wichtigsten der Golfstaaten, ausgeführt. Damit lag das Land auf Rang 33 der wichtigsten deutschen Absatzmärkte (VAE: Rang 61, Katar: Rang 73). Vor allem chemische Produkte (22,8 Prozent), Maschinen (20,2 Prozent) und KfZ (16,4 Prozent) wurden in das Land exportiert.

Aber: Alle Länder investieren massiv in ihre Zukunft und sind dabei auf industrielle Produkte aus dem Ausland angewiesen. Das Potenzial ist erheblich. „Saudi Arabien beispielsweise verfolgt das Ziel, in den nächsten Jahren die eigene Wirtschaft weniger abhängig von der Ölförderung zu machen und das Land zu modernisieren“, sagt Hubertus Bardt vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) der RHEINPFALZ. „Daraus können sich interessante Marktchancen beispielsweise für den Maschinenbau oder den Fahrzeugbau ergeben.“

Was sagt die Industrie selbst dazu?
„Die Golfstaaten investieren gezielt in Schlüsselbereiche wie Cybersicherheit, erneuerbare Energien, Digitalisierung und nachhaltige Infrastruktur“, erklärt der Bundesverband der Deutschen Industrie auf RHEINPFALZ-Anfrage. „Hier ergeben sich für deutsche Unternehmen Chancen, ihre Kompetenzen einzubringen.“ Der Verband fordert, dass Deutschland „weiterhin als treibende Kraft für die laufenden Verhandlungen über ein Handelsabkommen der EU mit den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) dienen“. Perspektivisch sei ein solches Abkommen „zentral, um langfristige Planungssicherheit für Unternehmen zu schaffen und Herausforderungen in der lokalen Wertschöpfung zu überwinden“. „Handelsabkommen mit dynamischen Regionen wie dem Golf sind entscheidend, um die Wettbewerbsfähigkeit deutscher und europäischer Unternehmen nachhaltig zu stärken“, so der BDI.

Warum importiert Deutschland so wenige Rohstoffe aus Katar und Saudi-Arabien?
Die Länder am Golf exportieren vor allem Flüssiggas (LNG) per Schiff und das meiste davon nicht nach Deutschland, das LNG aktuell zu einem sehr, sehr hohen Anteil (96 Prozent) aus den USA beziehen. Grund: Die Golf-Staaten legen Wert auf sehr langfristige Verträge und Deutschland will bis spätestens 2045 aus den fossilen Energien ausgestiegen sein.

Wirtschaftsexperte Bardt glaubt, dass es hier trotzdem neue Verträge braucht. „Beim Erdgas ist eine Diversifizierung notwendig, um eine sichere Versorgung zu akzeptablen Preisen zu ermöglichen.“ Außerdem sei das Land perspektivisch auch ein wichtiger Lieferant von grünem Wasserstoff.

Der BDI sieht das ähnlich: „Bestehende Energiepartnerschaften mit den VAE und Katar bieten die Möglichkeit, unsere Volkswirtschaften in der Energieversorgung weiter zu diversifizieren. Gerade zukunftsorientierte Kooperationen zum Beispiel bei Solar oder grünem Wasserstoff sollten ausgebaut werden.“

Was planen die Staaten in Sachen Energieversorgung?
Die Golf-Staaten investieren seit Jahren massiv in den Ausbau von Solarenergie und Windanlagen, mit der sie letztlich grünen Wasserstoff erzeugen wollen. Denn wenn es etwas ohne Ende in der Wüstenregion gibt, dann Sonne und Wind.

Energie- und Klimaexpertin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt aber, wegen möglicher Wasserstofflieferungen in der Zukunft, jetzt neue Verträge über Erdgaslieferungen abzuschließen. Es „drohen neue Abhängigkeiten, wenn fossile Kooperationen weiter ausgebaut werden“, sagt Kemfert zur RHEINPFALZ. „Perspektivisch könnten die Länder bei erneuerbaren Energien und grünem Wasserstoff eine Rolle spielen, realistisch aber nur langfristig. Entscheidend für Energiesicherheit bleibt der schnelle Ausbau heimischer erneuerbarer Energien, Effizienz und Elektrifizierung.“

Warum wollen sich so viele Politiker bei den Energielieferungen breiter aufstellen?
Weil Deutschland mit Energieabhängigkeiten (Stichwort Russland) schlechte Erfahrungen gemacht hat und sieht, dass es sich gerade in neue Abhängigkeiten begibt. Die Idee: Wenn man seine Energie von möglichst vielen Partnern bezieht, ist es weniger schlimm, wenn einer dieser Partner sich abwendet. „In Zeiten geopolitischer Spannungen und einer globalen Neuordnung ist es ein wichtiges Signal, die Beziehungen zu den Golfstaaten weiter zu intensivieren“, so der BDI.

Schlagen Moneten gerade die Moral?
Der Bundeskanzler will bei seinen Vier-Augen-Gesprächen mit den Scheichs das Thema Menschenrechte angesprochen haben. Wie genau und zu welchen konkreten Fällen, wollte er aber nicht sagen. „Das bespreche ich unter vier Augen und werde das öffentlich nicht kommentieren“, so der Kanzler.

Wertfrei gesagt, ist es eine neue Linie beim Umgang mit Autokraten – die von der Opposition scharf kritisiert wird. Merz riskiere, dass Menschenrechte zur Randnotiz werden, sagt Julian Joswig, Wirtschaftspolitiker der Grünen. „Wer in Saudi-Arabien Geschäfte anbahnt, darf die Ermordung und Zerstückelung von Jamal Khashoggi, die stark steigende Zahl von Hinrichtungen und die systematische Repression gegen Kritiker nicht ausblenden.“ Es gehe um „konkrete, belegte Menschenrechtsverbrechen“. Friedrich Merz drohe sonst vom Außenkanzler „zum Außendienstler deutscher Wirtschaftsinteressen zu werden.“

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