Lkw-Bauer RHEINPFALZ Plus Artikel Bleibt Wörth Nummer eins? Daimler Truck plant neues Montagewerk in Tschechien

In Wörth betreibt Daimler Truck das mit rund 10.000 Beschäftigen größte Lkw-Werk. Aber wie lange noch?
In Wörth betreibt Daimler Truck das mit rund 10.000 Beschäftigen größte Lkw-Werk. Aber wie lange noch?

Die Nachricht gleicht einem Paukenschlag: Daimler Truck baut ein neues Lkw-Werk in Tschechien. Am Standort Wörth wächst die Sorge um die Zukunft.

Bei einer Betriebsversammlung am Dienstag informierte Daimler Truck die Belegschaft des Lkw-Werks in Wörth über Pläne zur Umstrukturierung des europäischen Produktionsnetzwerks. Der Kern der Ankündigung: In Cheb, Tschechien, soll bis Ende des Jahrzehnts ein neuer Montagestandort entstehen. Mercedes-Lkw-Chef Achim Puchert reiste persönlich nach Wörth, um die Hintergründe zu erläutern.

In das Werk im äußersten Westen Tschechiens will Daimler Truck mehrere hundert Millionen Euro investieren. Geplant sind dort Montagekapazitäten von bis zu 25.000 Fahrzeugen jährlich. Wie in Wörth sollen dort neben Diesel-Lkw auch Fahrzeuge mit alternativen Antriebssystemen wie Elektro- und Brennstoffzellentechnologie gefertigt werden. Rund 1000 Arbeitsplätze sollen entstehen. Das Unternehmen hebt Chebs logistische Vorteile und die kosteneffizienteren Produktionsbedingungen hervor.

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„Herz und Hirn“ in Wörth

In Wörth, dem wichtigsten Standort für Mercedes-Benz Trucks und mit rund 10.000 Mitarbeitern zweitgrößtem Arbeitgeber in der Pfalz (nach der BASF), löst die Nachricht Unruhe aus. Schließlich steht zu erwarten, dass das Produktionsvolumen zugunsten von Cheb sinken wird. Wörth steht schon länger unter wirtschaftlichem Druck, im vergangenen Jahr wurden dort noch 66.000 Fahrzeuge gebaut.

Jürgen Distl, Chef des Produktionsverbunds von Mercedes-Benz Trucks, bestätigt gegenüber der RHEINPFALZ: „Ja, es wird etwas weniger Volumen sein in Wörth. Und in Aksaray.“ Im türkischen Aksaray produziert Daimler Truck schwere Lkw und Baufahrzeuge. Dennoch gibt sich Distl beschwichtigend: „Das neue Werk in Cheb hat keine Auswirkungen auf die in Wörth produzierten Baureihen.“ Wörth bleibe „das Herz und Hirn“ des Netzwerks und innerhalb dessen weiterhin der Standort mit der höchsten Produktionsmenge – eine Zusage, zu der sich das Management laut Betriebsrat erst nach längeren Diskussionen bereit erklärte.

Betriebsratschef Michael Brecht unterstreicht ebenfalls die Rolle Wörths: Das Werk sei durch die hohe Produktionskomplexität allerdings limitiert. Angesichts längerer Fertigungszeiten für Elektro- und Brennstoffzellenfahrzeuge sei eine Wachstumsstrategie notwendig. „Ohne Cheb wäre unser Produktionsvolumen bei Mercedes-Benz Trucks gedeckelt“, so Brecht.

Autoexpertin nennt Risiken

Trotz dieser Zusicherungen sieht die Autoexpertin Beatrix Keim Risiken. „Die günstigeren Produktionskosten und Standortvorteile außerhalb der europäischen Hochlohnländer sind entscheidend für den wirtschaftlichen Gewinn eines Unternehmens“, erklärt die in Neustadt geborene Expertin vom Center Automotive Research. Langfristige Garantien könne es angesichts geopolitischer Unsicherheiten nicht geben.

Michael Brecht
Daimler-Truck-Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht: Fokus nicht nur auf Effizienz und Sparen. (Archivbild)

Ähnliche Bedenken äußert auch Brecht, stellt jedoch klar: „Ein Unterbietungswettbewerb der Standorte konnte bisher verhindert werden, und das wird auch in Zukunft so sein.“ Der Betriebsrat bleibe wachsam, könne jedoch die Errichtung neuer Werke oder Verlagerungen nicht verhindern, da solche Entscheidungen nicht mitbestimmungspflichtig seien.

Das geplante Werk passt ins Sparprogramm „Cost Down Europe“, mit dem Daimler Truck bis 2030 die jährlichen Kosten in Europa um über eine Milliarde Euro senken will. Teil des Programms ist der Abbau von rund 5000 Stellen in Deutschland. Bis Ende 2034 sind betriebsbedingte Kündigungen allerdings tarifvertraglich ausgeschlossen.

Milliardeninvestition in Wörth

In Wörth sind mindestens 5300 Produktionsarbeitsplätze garantiert, wie Distl bestätigt. „Das heißt nicht, dass es künftig wirklich nur noch 5300 Produktionsmitarbeiter sein werden, aber mindestens diese Anzahl werden wir absichern.“ Neben diesen Beschäftigten gebe es in Wörth auch eine vierstellige Zahl an Mitarbeitern, die in der Verwaltung arbeiten. „Die bleiben von den Veränderungen im Produktionsnetzwerk unberührt.“

Trotz der enormen Einsparungen will Daimler Truck 2 Milliarden Euro in deutsche Standorte investieren, knapp die Hälfte davon in Wörth. Geplant sind unter anderem eine umweltfreundliche Lackieranlage und ein Umbau des Rohbaus für neue Fahrerhausgenerationen. „Die hohe Summe spricht für eine langfristige Sicherung des Wörther Werks“, bewertet Keim diese Initiative positiv. Um in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein, richtet sich Daimler Truck in Wörth auf eine CO2-neutrale Produktion und zunehmend auf emissionsfreie Lkw aus. „Der Umbau von Produktionsanlagen für eine CO2-orientierte Produktion und entsprechende Produktreihen ist zwar teuer, muss jedoch aufgrund von Vorschriften auch im Zusammenhang mit den Klimazielen von Bund und Unternehmen sein. Zudem wird es ein Argument in Verkaufsgesprächen sein, wenn die gesamte CO2-Belastung eines Produkts thematisiert wird“, unterstreicht Keim.

Luftbild Lkw Werk Wörth Daimler Truck
Werk von Daimler Truck in Wörth am Rhein. (Archivbild)

Für Daimler Truck ist Tschechien kein Neuland. Das Tochterunternehmen Daimler Buses betreibt dort bereits ein bedeutendes Produktionswerk. Der zentrale Produktionsstandort ist das Werk in Holýšov nahe Pilsen. Bis zum Jahr 2028 soll der gesamte Bus-Rohbau von Daimler Buses (der bislang teilweise in deutschen Werken wie Mannheim stattfand) vollständig nach Holýšov verlagert werden. Mannheim soll dann zum Kompetenzzentrum für E-Stadtbusse werden.

Was kommt nach 2034?

Auch für Wörth wurde vor fünf Jahren ein Zukunftspaket vereinbart. Ein wichtiger Bestandteil ist die Weiterentwicklung und Umschulung der Belegschaft, um sie auf die Montage von neuen Antriebstechnologien vorzubereiten. Was aber nach Ablauf der Arbeitsplatzgarantie bis Ende 2034 passiert, bleibt unklar. Auf die Frage, wie verhindert werden soll, dass der neue Standort in Cheb langfristig zur Konkurrenz für Wörth wird, antwortet Distl verhalten: „Wir haben eine Vereinbarung bis 2034, zu der wir uns klar verpflichtet haben. Das ist ein ganz schön langer Zeitraum. Wir müssen aber auch realistisch sein, die Welt um uns herum dreht sich weiter.“ Was in zehn oder zwanzig Jahren ist, das müsse man sehen. „Es wäre nicht seriös, da jetzt irgendwelche Mutmaßungen anzustellen.“

Auch Betriebsratschef Brecht verweist auf den Verlauf globaler Entwicklungen: „Wir Arbeitnehmervertreter und das Management müssen uns gegen Ende der Laufzeit von ,Cost Down Europe’ die Situation im Unternehmen und in der Welt anschauen. Wer weiß heute schon, was in acht Jahren ist und wie man darauf reagieren muss.“

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