Wirtschaft
BASF setzt auf Ludwigshafen: Größter Standort bleibt Herz des Konzerns
Das Stammwerk der BASF in Ludwigshafen bleibt der mit weitem Abstand größte Standort des größten Chemiekonzerns der Welt. Auf rund zehn Quadratkilometern arbeiteten Ende 2024 mehr als 33.000 Beschäftigte. Der Standort ist allerdings, wie die Chemieindustrie insgesamt, in schweres Fahrwasser geraten. In Ludwigshafen werden Tausende Arbeitsplätze abgebaut, die jährlichen Kosten sollen um 2,1 Milliarden Euro gesenkt werden.
Doch an der überragenden Bedeutung von Ludwigshafen für den Konzern gibt es keine Zweifel. Daran wird sich absehbar auch nichts ändern. Das belegt alleine die schiere Größe des Verbundstandorts, der mit einer hochintegrierten Produktion aus 200 Anlagen noch weit vor dem zweitgrößten Verbundstandort im belgischen Antwerpen liegt. Der Produktionsverbund dort fußt auf 46 Anlagen, 3700 Beschäftigte zählt die BASF dort. Aber auch in Antwerpen sollen 600 Stellen abgebaut werden.
Arbeiten an der Wettbewerbsfähigkeit
Selbst der neue Verbundstandort im südchinesischen Zhanjiang, mit 8,7 Milliarden Euro die größte Einzelinvestition in der BASF-Unternehmensgeschichte, wird nach seiner geplanter Fertigstellung im Jahr 2030 nur der drittgrößte Verbundstandort der BASF sein – nach Ludwigshafen und Antwerpen.
Auch als vor wenigen Tagen die neue Standortvereinbarung für das Stammwerk bekanntgegeben wurde, zeigte sich die Bedeutung von Ludwigshafen für die BASF. Der Standort Ludwigshafen befinde sich in einem massiven Veränderungsprozess, sagte Vorstandsmitglied Katja Scharpwinkel. Es gelte, seine Wettbewerbsfähigkeit zurückzugewinnen. Denn Ludwigshafen sei ein Eckpfeiler für den Erfolg der BASF.
Die Chemieindustrie erlebe wohl ihre schwierigste Zeit seit 25 Jahren, hatte jüngst BASF-Chef Markus Kamieth in einem Interview des „Handelsblatt“ gesagt. Die Chemieindustrie in Europa stehe vor einer Phase der Konsolidierung und der Restrukturierung. „Das geht am größten europäischen Chemiestandort nicht vorbei“, hatte Kamieth auch im Juni im RHEINPFALZ-Interview geäußert.
„Ohne Chemie steht die ganze Industrie infrage“
Doch am Standort Ludwigshafen werden deshalb nicht die Lichter ausgehen, wie manche immer wieder unken. Die BASF investiert jährlich rund 2 Milliarden Euro in Erhalt, Modernisierung und Transformation des Standorts. Kamieth beklagte jüngst „eine Sehnsucht nach Negativem“, wenn es um Nachrichten zu Ludwigshafen gehe. Viele in der Chemieindustrie beneideten die BASF um den Verbund in Ludwigshafen. Das Unternehmen investiere weltweit nirgends so stark wie in Ludwigshafen. „Auf jeden Fall“ werde hier mehr investiert als in China, machte er deutlich. Der Standort spiele nicht nur im Konzern eine Sonderrolle: „Wenn Ludwigshafen stillsteht, stehen große Teile der deutschen Industrie still.“
Warum ist das so? Die Chemieindustrie beliefere praktisch das gesamte produzierende Gewerbe, erläutert Kamieth. „Wenn die Chemie verschwindet, steht die gesamte deutsche Industrie infrage.“ Die Diskussion um eine drohende Deindustrialisierung in Deutschland hält der BASF-Chef für Schwarzmalerei. Die Industrie in Deutschland werde nicht verschwinden, sagt er. Deutschland bleibe ein Wirtschaftsraum mit hohem Industrieanteil an der Wertschöpfung. Der Standort Ludwigshafen sei bereits stark, müsse diese Stärken aber auch in dem sich verändernden Umfeld weiterhin ausspielen können, hatte Kamieth im Juni gesagt. Deshalb werden er „schlanker und stärker“ gemacht.
Eine Reihe großer Projekte zeigt, wie die BASF im Stammwerk investiert. Eine Auswahl:
Zwei zusätzliche Anlagen zur Herstellung der Aromastoffe Menthol und Linalool sind im Bau. Sie sollen 2026 in Betrieb gehen und 60 neue Arbeitsplätze bringen. Menthol und Linalool werden in einer Vielzahl von Anwendungen eingesetzt. Menthol sorgt für frischen Geschmack in der Zahnpasta, wird aber auch in Körperpflegeprodukten verwendet. Es ist Wirkstoff in kühlenden Gelen, Cremes und Sprays, um Schmerzen oder Erkältungssymptome zu lindern oder die Atmung zu erleichtern. Linalool ist ein Lavendel-Aromastoff. Eines der größten Einsatzgebiete sind Waschmittel, aber auch Haushalts- und Körperpflegeprodukte sowie Parfüms. Als Geschmacksstoff ist Linalool auch in Schokolade oder Gewürzkomplexen zu finden.
Zusätzliche Produktionskapazitäten für die X3D-Katalysator-Formgebungstechnologie: Sie sollen ab 2026 bereitstehen und leistungsfähigere und effizientere Katalysatoren im industriellen Maßstab herstellen.
Erweiterung der Produktionskapazität für Neopor um 50.000 Tonnen pro Jahr: Mit den zusätzlichen Mengen soll die wachsende Nachfrage nach dem grauen Dämmmaterial bedient werden. Die Inbetriebnahme der neuen Produktionsanlagen ist für Anfang 2027 vorgesehen. Neopor ist ein von der BASF entwickeltes graphithaltiges, expandierbares Polystyrol, das vorwiegend für die Herstellung energieeffizienter Dämmstoffe für Gebäude eingesetzt wird.
Neue Anlage für Schwefelsäure in Halbleiterqualität: Die hochreine Chemikalie ist unverzichtbar für die Fertigung von Computerchips. Der Betrieb soll bis 2027 starten. Die Investition bewegt sich im hohen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.
Anlage für Electronic Grade Ammoniumhydroxid: Diese hochreine Chemikalie wird zur Waferreinigung, beim Ätzen und für andere Präzisionsprozesse in der Halbleiterfertigung benötigt. Die Anlage soll 2027 starten. Die BASF investiere dafür einen zweistelligen Millionen-Betrag und schaffe damit eine zweistellige Anzahl neuer Arbeitsplätze in Ludwigshafen.
Bereits in Betrieb ist das neue Forschungstechnikum für Katalysatorentwicklung und Feststoffverfahrenstechnik. Dort wird das Unternehmen innovative Chemiekatalysatoren im Pilotmaßstab herstellen. Zudem werden dort neue Verfahren und Prozesse für die Verarbeitung und Herstellung von Feststoffen entwickelt. Damit werde der Forschungsstandort gestärkt, heißt es von der BASF. Investiert wird ein hoher zweistelliger Millionen-Euro-Betrag. Ludwigshafen ist auch der größte Forschungsstandort der BASF weltweit.
In eine neue Fermentationsanlage für biologische und Biotechnologie-basierte Pflanzenschutzmittel in Ludwigshafen investiert die BASF einen hohen zweistelligen Millionen-Euro-Betrag. Sie ist dieser Tage in Betrieb gegangen. In der Anlage, in der rund 30 Beschäftigte arbeiten, wandeln Mikroorganismen nachwachsende Rohstoffe wie etwa Glukose in die genannten Produkte um.
Das Medical Center ist bereits eröffnet: Das neue sechsgeschossige Hauptgebäude und die gegenüberliegende zweigeschossige Rettungswache haben eine Fläche von zusammen 11.500 Quadratmetern. Neben Untersuchungs- und Schulungsräumen sowie Büros umfasst das Zentrum moderne Einrichtungen zur medizinischen Diagnostik für Mitarbeitende am Standort. Auch der Rettungsdienst der BASF wird dort untergebracht.
Das Medical Center beherbergt zusätzlich zur Ambulanz der BASF acht externe unterschiedliche fachärztliche und medizinische Einrichtungen, eine physiotherapeutische Praxis sowie eine Apotheke. Die stehen auch den Nachbarn in den angrenzenden Ludwigshafener Stadtteilen zur Verfügung.
Gefahrenabwehrzentrum: Seit November ist es im Bau. Rund 130 Beschäftigte aus den Einheiten Werkfeuerwehr, Umweltüberwachung und Standortsicherheit sowie die integrierte Leitstelle werden dort aktiv sein. Die Inbetriebnahme ist für das zweite Halbjahr 2028 geplant.
Im Oktober begann der Bau eines neuen Ausbildungslaborgebäudes, in dem künftig 100 Auszubildende in den Laborberufen zeitgleich lernen und experimentieren können.
2024 gingen die weltweit ersten großtechnischen elektrisch beheizten Steamcracker-Öfen in Betrieb. Sie nutzen Strom aus erneuerbaren Quellen. Damit können die CO 2 -Emissionen eines der energieintensivsten Produktionsprozesse in der chemischen Industrie um mehr als 90 Prozent gesenkt werden. Steamcracker spielen eine zentrale Rolle bei der Herstellung von Basischemikalien und benötigen eine erhebliche Menge Energie.
Im Bau befindet sich die laut BASF leistungsfähigste industrielle Wärmepumpe weltweit. Sie soll zur CO 2 -freien Dampferzeugung genutzt werden.
Im März hat ein 54-Megawatt-Wasserelektrolyseur den Betrieb aufgenommen, der größte seiner Art in Deutschland. Die Anlage zur CO 2 -freien Herstellung von Wasserstoff produziert stündlich bis zu einer Tonne des für den Standort bedeutenden chemischen Ausgangstoffes.
Im Bau ist eine 380/220-Kilovolt-Umspannanlage deren Betrieb ab 2029 beginnen soll. Der Ausbau der Strominfrastruktur am Standort ist sehr wichtig, um die BASF zukünftig mit ausreichenden Mengen an erneuerbarer Energie zu versorgen.
Die Anlage wird nach Angaben des Chemiekonzerns eine der größten ihrer Art in Europa sein und mit ihrer erhöhten Kapazität die Weichen stellen für eine Reduktion der CO 2 -Emissionen am Standort. Die BASF will bis 2050 Netto-Null-CO 2 -Emissionen erreichen.
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