Urlaub Balkonien statt Ballermann

Urlaubsort Garten: Die Nachfrage nach Grills, Pools, Sandkästen und Schaukeln hat stark zugenommen.
Urlaubsort Garten: Die Nachfrage nach Grills, Pools, Sandkästen und Schaukeln hat stark zugenommen.

Die meisten Menschen in Deutschland wollen in diesem Jahr entweder ganz auf den Sommerurlaub verzichten oder Ferien im eigenen Land machen. Viel Urlaubspläne sind ins Wasser gefallen. Jetzt müssen Alternativen her. Die gibt es zwar reichlich, sie sind aber auch besonders gefragt.

Mehr als ein Drittel der Menschen in Deutschland will laut dem ZDF-Politbarometer in diesem Jahr nicht in Urlaub fahren. Nach den am Freitag veröffentlichten Zahlen gaben 37 Prozent der Befragten an, keinen Urlaub zu machen. Etwas weniger als ein Drittel (31 Prozent) möchte in den Urlaub fahren, will ihn in diesem Jahr aber in Deutschland verbringen. Nur gut jeder Zehnte (13 Prozent) plant den Sommerurlaub im europäischen Ausland. 18 von 100 Menschen sind noch unentschieden.

Dabei hatte laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Versicherung Cosmos-Direkt für 2020 fast jeder zweite Mensch in Deutschland schon konkrete Reisepläne und mindestens einen Urlaub fest gebucht. Doch noch ist die Corona-Epidemie auch in Deutschland nicht ausgestanden und schafft kaum Planungssicherheit vor allem auch, was Auslandsreisen betrifft. Also müssen Alternativen her. Die gibt es zwar reichlich – sie sind aber auch gefragt. Was haben die Menschen in Deutschland diesen Sommer denn nun vor?

Heiß auf Schrebergarten

Dass sich viele Leute auf freie Tage zu Hause, auf dem Balkon und im Garten einstellen, legt die starke Nachfrage nach Grills, Pools, Sandkästen und Schaukeln in Baumärkten nahe. Auch in den vergangenen Jahren seien zunehmend Produkte aus dem Bereich Garten und Freizeit verkauft worden, „aber dieses Jahr ist die Nachfrage noch einmal deutlich stärker“, sagte ein Sprecher der Hornbach-Baumärkte. Auch Toom-Baumarkt verzeichnet derzeit eigenen Angaben zufolge eine verstärkte Nachfrage unter anderem nach Sonnenschutz und Pools.

Viele Menschen, die keinen eigenen Garten haben, würden ihre freien Tage in diesem Jahr gerne im Schrebergarten verbringen – darauf deuten die Wartelisten für Kleingärten hin. „Wir haben mindestens eine Verdopplung der Nachfrage nach Kleingärten im Vergleich zu sonst“, sagt Stefan Grundei, Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Gartenfreunde. In Berlin, Hamburg, München und anderen Städten habe sich die Nachfrage teilweise sogar vervierfacht. In dem Verband sind bundesweit Vereine mit knapp einer Million Kleingärten organisiert.

Reisen im eigenen Land

Auch einer Umfrage des Verbraucherforums Mydealz zufolge will jeder Vierte dieses Jahr Urlaub innerhalb der Bundesrepublik machen. „Reisen innerhalb Deutschlands haben in diesem Jahr eine besondere Bedeutung“, sagt auch eine Sprecherin der Vermittlungsplattform Airbnb. Eine Umfrage unter Airbnb-Nutzern ergab Unternehmensangaben zufolge, dass 39 Prozent der Urlaubsfreudigen innerhalb Deutschlands verreisen möchten. Ein Drittel der Menschen verbringe den Urlaub ohnehin im Inland, sagt Jürgen Schmude, Professor für Tourismuswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tourismuswissenschaft. Auch den übrigen zwei Dritteln der Menschen, die sonst im Schnitt ins Ausland reisen, habe die deutsche Tourismuslandschaft etwas zu bieten: „Wir haben Küsten, Mittelgebirge, einen alpinen Tourismus.“

Auf dem Ferienwohnungsportal FeWo-direkt wurde in der letzten Aprilwoche – als klar wurde, dass Urlaub in Deutschland bald wieder möglich ist – vor allem nach Unterkünften an Nord- und Ostsee gesucht. Vorpommern-Rügen in Mecklenburg-Vorpommern und Nordfriesland in Schleswig-Holstein stünden besonders hoch im Kurs. Auf Platz drei und vier der meisten Suchanfragen für Ferienwohnungen auf dem Portal standen die Stadt Lübeck und der Kreis Ostholstein im nördlichsten Bundesland sowie der Landkreis Aurich in Niedersachsen.

Run auf Bauernhöfe

Auch Urlaub auf Bauern- und Ferienhöfen ist stark gefragt. Nach einigen Wochen der Unsicherheit sei die Nachfrage nun „exorbitant“, sagt Susanne Wibbeke, Geschäftsführerin vom Landesverband Bauernhof- und Landurlaub Bayern, in dem sich 1400 Ferienhöfe zusammengeschlossen haben.

Auch die Campingplätzen in der Bundesrepublik werden voraussichtlich in den kommenden Monaten gut besucht. Während die Betreiber in den ersten Wochen der Corona-Krise eine große Stornierungswelle erlebten, stiegen die Buchungsanfragen nach Ankündigung der Wiederaufnahme des Campingtourismus im jeweiligen Bundesland für Pfingsten und die Sommerferien stark an, wie der Geschäftsführer des Bundesverbands der Campingwirtschaft in Deutschland, Christian Günther, mitteilt. Günther empfiehlt, in diesem Jahr keine Reise ohne Vorausbuchung anzutreten. Dass Ferienwohnungen oder -häuser und Camping derzeit so gefragt sind, überrascht den Experten Schmude nicht. „Das gibt Sicherheit, weil man nicht immer im öffentlichen Raum ist, einen Rückzugsort hat.“

Ab nach draußen

Nach Einschätzung des Deutschen Wanderverbands boomt das Wandern während der Corona-Krise. „Das Wandern wird eine besonders gefragte Urlaubsaktivität sein, auch für Menschen, die bisher nicht oder nur selten gewandert sind“, sagte Geschäftsführerin Ute Dicks. Damit es nicht zu eng wird, rät der Verband dazu, überlaufene Wege zu meiden. Es könne sinnvoll sein, „eine Wanderung abseits ausgetretener Pfade zu planen“.

Die Corona-Krise werde deutliche Spuren im Tourismus hinterlassen, sagt Schmude. Er rechnet damit, dass Urlaub und Erholung künftig outdoor- und naturorientierter werden. Auf Urlaub, der mit großen Menschenansammlungen einhergeht, wie etwa Städtetourismus oder Kreuzfahrten, werde in der kommenden Zeit vermutlich eher verzichtet. Bereits zuvor habe natur- und gesundheitsorientierter Urlaub zugenommen. „Das wird nun noch einmal verstärkt.“

Kommentar: Urlaub in Corona-Zeiten? Ein Luxus-Problem!