Wirtschaftliche Zusammenarbeit
Allianz gegen Trump und Xi: Warum die EU mit Indien ein Handelsabkommen abschließt
Die EU sucht sich neue Wirtschaftspartner in der Welt. Am Dienstag unterzeichneten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Indiens Premier Narendra Modi in Neu-Delhi ein Handelsabkommen. Es sieht unter anderem eine deutliche Senkung der Zölle auf Autos, Stahlprodukte und Lebensmittel vor. Vertreter der deutschen Industrie begrüßen das Abkommen einhellig. Das sind die wichtigsten Ergebnisse der fast 20 Jahre währenden Verhandlungen.
Warum grenzt sich die Europäische Union mit dem Abkommen von den USA und China ab?
Von der Leyen sieht nicht nur die wirtschaftlichen Vorteile, das Abkommen sei auch „eine starke Botschaft, dass Zusammenarbeit die beste Antwort auf globale Herausforderungen ist“. Das ist ein deutlicher Wink in Richtung US-Präsident Donald Trump, der mit seiner aggressiven Zoll- und Handelspolitik global für Aufregung sorgt. Auch angesichts des Machtstrebens Chinas unter Präsident Xi Jinping gilt das Abkommen als geopolitisch bedeutsamer Schritt.
Warum hoffen Autobauer auf steigende Exporte?
Für die Autoindustrie sieht das Abkommen einen allmählichen Abbau der Zölle vor. Im ersten Schritt sollen diese auf 35 Prozent sinken, dann wird ein Zollsatz von zehn Prozent folgen. Es gilt eine Obergrenze für die niedrigeren Zölle von insgesamt 250.000 Autos, davon 160.000 Verbrenner und 90.000 Elektroautos. Bisher ist ein Aufschlag zwischen 66 Prozent und 110 Prozent fällig. Der Verband der deutschen Autoindustrie (VDA) spricht von einem „enormen Potenzial“ Indiens als Absatzmarkt und Produktionsstandort.
Warum hofft die Chemieindustrie auf sichere Lieferketten?
Der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie eröffnet das Abkommen durch ein Sinken der Zölle nicht nur bessere Exportchancen, die Unternehmen erwarten auch robustere Lieferketten. Nach Aussagen des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) wird „der Zugang zu einem der zentralen Wachstumsmärkte der kommenden Jahrzehnte strategisch gestärkt“. Trotz vergleichsweise geringer Volumina sei das Land ein Partner mit großem Potenzial: eine dynamisch wachsende Wirtschaft, eine junge Bevölkerung und eine steigende Nachfrage nach hochwertigen Produkten und Dienstleistungen.
Welche Vorteile hat Indien?
In Indien profitiert insbesondere die Stahlindustrie von der Vereinbarung. Die EU gewährt indischen Produzenten künftig zollfreie Stahleinfuhren im Umfang von 1,6 Millionen Tonnen pro Jahr. Damit erhält das Land eine Ausnahme von den erhöhten EU-Stahlzöllen, die im vergangenen Jahr beschlossen wurden. Im Gegenzug sieht Indien davon ab, wegen der Stahlzölle bei der Welthandelsorganisation (WTO) Beschwerde einzulegen. Auch der indische Textilsektor erwartet große Erleichterungen beim Export in die EU.
Wieso gibt es keine Proteste der europäischen Landwirte?
Auch die europäische Landwirtschaft will mehr Waren nach Indien ausführen. Die Zölle auf Wein sollen von bislang 150 Prozent deutlich sinken – auf 20 Prozent für teurere und 30 Prozent für günstigere Weine. Die Zölle auf Olivenöl, Pasta und Schokolade sollen ganz wegfallen. Andere Agrarprodukte wie Rind-, Schweine- und Hühnchenfleisch sowie Reis und Zucker sind nicht Teil des Abkommens. In Europa ist die Vereinbarung deshalb deutlich weniger umstritten als das Handelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten.
Wie erklärt sich die Zurückhaltung der Grünen?
Abgeordnete der Grünen haben vergangene Woche im Europäischen Parlament dafür gestimmt, das Mercosur-Handelsabkommen noch einmal gerichtlich überprüfen zu lassen und damit das Inkrafttreten zu verzögern. Das sorgte für scharfe Kritik, auch aus der Bundestagsfraktion und von der Parteispitze. Nun hat der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Andreas Audretsch die Vereinbarung mit Indien ausdrücklich begrüßt. Das Abkommen sei gut für Unternehmen, gut für Jobs in Deutschland, sagte er. Europa müsse angesichts der „Zerstörungswut“ von US-Präsident Donald Trump neue Allianzen aufbauen.
Warum gilt Indien als aufsteigender Wachstumsmarkt?
Indien ist mit rund 1,4 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde und dürfte Schätzungen zufolge in diesem Jahr zur viertgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen. Die EU ist bereits Indiens größter Handelspartner.