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Wirtschaft Regional

Zwischen Gärtanks und brodelnder Würze

Von Stefan Heimerl

Andreas Dietrich gibt eine Probe der Würze in ein Gefäß. Anschließend kontrolliert er mit speziellen Geräten die Stammwürze (Bild links oben). Am Ende stehen die fertigen Biersorten (links unten).

Andreas Dietrich gibt eine Probe der Würze in ein Gefäß. Anschließend kontrolliert er mit speziellen Geräten die Stammwürze (Bild links oben). Am Ende stehen die fertigen Biersorten (links unten). ( Fotos: Heimerl)

Andreas Dietrich ist Herr über eine Brauanlage in Grünstadt. Der 41-Jährige kommt aus Ludwigshafen, hat dort jahrelang bei der Privatbrauerei Gebrüder Mayer in Oggersheim gearbeitet. Inzwischen stellt er sein eigenes Craft-Bier her. Dadurch kann er ausprobieren und experimentieren. Ein Besuch an Dietrichs Arbeitsplatz.

«Grünstadt.» Das Ventil bewegt sich nicht, obwohl der Braumeister die gelbe Taste drückt. Nummer zehn macht ihm wieder Probleme. Das geschrotete Malz steckt in der Leitung und wartet darauf, in die Pfanne geleitet zu werden. Andreas Dietrich improvisiert: Er holt sich eine Leiter, steigt nach oben zum Ventil und klemmt einen Luftschlauch ab. Es zischt mehrere Sekunden. Das Schlauchende stöpselt er an einen anderen Eingang. Das Ventil verschiebt sich, das Maischen kann beginnen.

 

Dietrich ist seit 2015 Herr über die Brauanlage im Brauhaus Grünstadt – und damit auch über die unzähligen Ventile im Sudhaus. Der Ludwigshafener hat die Anlage nur gemietet, die Gaststätte gehört einem Bayern. Das Sudhaus steht im Erdgeschoss hinter der Theke des Wirtshauses. Die Räume sind so schmal, dass meist nur eine Person in die Gänge passt. Vom Raucherraum aus können Gäste die mit Kupfer ummantelten Edelstahltanks sehen. Der Gärkeller, die Schrotanlage und die Abfülltanks liegen im Stockwerk darüber. Dietrich ist an einem Brautag ständig zwischen den Stockwerken unterwegs.

 

Der Mann mit den kurz geschorenen Haaren, den alten Jeans und dem schwarzen Kapuzen-Pulli war mutig: 2015 gründete er eine Brauerei, zusammen mit der Bad Dürkheimer Werbeagentur „Die Medienagenten“. Fast 15 Jahre hat er bis dahin für die Ludwigshafener Gebrüder Mayer als Braumeister gearbeitet. Doch er fühlte sich in seiner Kreativität eingeschränkt. Jetzt ist er Craft-Brauer und setzt unter der Marke „Haardt Bier“ seine Ideen um. „Craft“ bedeutet für ihn, Bier handwerklich zu brauen, aber auch kreativ zu sein und eigene Rezepturen zu entwickeln. Dieses Mal braut er Pale Ale, entwickelt im Auftrag für ein Mannheimer Lokal. Der Kunde ist ein regelmäßiger Abnehmer. Drei von vier 1000-Liter-Tanks im Brauhaus sind belegt mit Bier für die Mannheimer. Nur ein kleiner Teil geht direkt im Grünstadter Wirtshaus über die Theke.

 

Der 41-Jährige ist auch Teil einer Pionierbewegung, zumindest in der Pfalz. Hier entstanden in den vergangenen Jahren mehrere Mikrobrauereien wie seine. Sie versuchen ihr Glück mit Craft-Bier, wollen den bundesweit beworbenen Produkten etwas Handwerkliches, Unpasteurisiertes, Echtes entgegensetzen. Manche davon sind Hobby-Brauer und müssen sich das Fachwissen, das mit jahrelanger Erfahrung kommt, erst aneignen. Nicht so Dietrich. In den 1990ern fing er bei Eichbaum an, machte später seinen Meister in Ulm und arbeitete seitdem für Mayer in Ludwigshafen – die selbst auf Automatisierung verzichtet und handwerklich produziert. Für Dietrich gibt es aber einen Unterschied zwischen Craft-Brauen und Traditionsbrauen: Beides ist handwerklich, aber Ersteres erlaubt das Ausprobieren verschiedenster Hopfen-Sorten, das Experimentieren mit Temperaturen, Hefe und den Zeitpunkten der Hopfen-Zugabe. Traditionelles Brauen wiederholt strikt die Herstellung bekannter Sorten nach gängigen Rezepten.

 

Aus einem Lager holt er drei silberne Tüten. In ihnen befinden sich die Hopfen-Sorten, die er für das Pale Ale verwendet. Er öffnet Tüte eins und schüttet etwas davon in den weißen Eimer auf der Küchenwaage. Ein süßlich-fruchtiger Duft erfüllt die Luft. Dietrich wiegt den Hopfen ab – die genaue Menge bleibt Betriebsgeheimnis – trägt sie ins Sudprotokoll ein und geht eine kleine Treppe hinauf zur Pfanne, wie einer der zwei Edelstahltanks genannt wird. Er öffnet die Luke und presst kurz die Augen zusammen, als heißer Dampf in sein Gesicht steigt. Drinnen brodelt die Würze, jene Flüssigkeit, die nach dem Maischen, Erhitzen und einer ersten Filterung entstanden ist. Die braune Masse färbt sich für einen Moment grün, als der Hopfen hinein fällt.

 

Dietrich fährt mit seinem alten Dodge oder seinem alten VW Bully jede Woche über sehr viel Asphalt: Sein Lager ist in Bad Dürkheim, die Biersorten Pils und Lager, mit denen er angefangen hat, braut er in Worms, bei einem befreundeten Brauer. Dort füllt er auch Flaschen für den Einzelhandel ab, hier in Grünstadt kann er nur Fässer füllen. Ab und zu nutzt er außerdem noch eine Mietbrauerei in Baden-Württemberg oder die Abfüllanlage der befreundeten Brauer von Brau Art Sausenheim. Dazu kommt: Aushelfen auf Mini-Job-Basis bei seinem alten Arbeitgeber und Belieferung der Kunden.

 

Der Friesenheimer geht die Treppe hinauf zum Gärkeller. Drei riesige Gärtanks füllen den Raum nahezu aus. Dietrich kann nur am Rand in einem schmalen Gang hin- und hergehen. Ein beißender Geruch von Essig liegt in der Luft. Dietrich zieht sich Gummistiefel an. Bevor die Würze, die im Erdgeschoss noch kocht, in den Gärtank fließt, säubert er ihn noch mal. Er steigt mit einem Schrubber und Essigreiniger in den Gärtank. Sein Gesicht verzieht sich zu einer schmerzhaften Grimasse, der Essig beißt ihm in Nase und Ohren. Noch mal ausspülen und dann schnell raus.

 

Erst hier oben im Gärkeller schüttet Dietrich auch die Hefe hinein, die zur Gärung nötig ist. Beginnt der Prozess, heißt die Würze Jungbier. Drei Tage muss es hier reifen, bevor es für ein paar Wochen in die Abfülltanks im Raum gegenüber gepumpt wird.

 

„Ich muss noch zum Lager, kannst du mir später helfen“, fragt der Braumeister in sein Smartphone. Er sitzt wieder im Raucherraum, drückt eine Zigarette in den Aschenbecher, in dem fünf, sechs weitere Stummel liegen. Am Telefon ist ein Mitarbeiter der Agentur. Die Zapfanlage von der Craft-Brauer-Messe in Mainz sei noch im Auto, sagt er der Person. Es ist halb eins mittags. Seit fünf Uhr wirbelt er im Brauhaus herum. Jetzt ist alles gewaschen und aufgeräumt, die Würze gärt vor sich hin. Aber sein Arbeitstag ist noch nicht vorbei.

 

Im Netz

Zum Besuch in der Brauanlage gibt es im Netz auch eine Multimedia-Story mit mehr Bildern, Videos und ergänzenden Infos: www.rheinpfalz.de/storys.