Kultur Südpfalz Zwischen Trauer und Trost

Die sich immer wieder manifestierende Anziehungskraft der Konzerte des Landauer Oratorienchors bewies sich am Vorabend des Ewigkeitssonntags erneut. Der Chor führte im Zusammenwirken mit dem „ars musica chor“ Bensheim und der Kammerphilharmonie Weinheim unter Leitung von Hans Jochen Braunstein in der Stiftskirche das Stabat Mater des tschechischen Komponisten Antonin Dvorák auf.

Die Kulturabteilung der Stadtverwaltung bescherte damit Musikfreunden anderthalb anrührende und andachtsvolle Stunden eines großen Musikerlebnisses. Schon lange vor Beginn füllte sich das Mittelschiff des Gotteshauses mit zunehmenden Besucherscharen dann auch in die Seitenschiffe hinein. Dies sicherlich auch im Hinblick auf den Gedenktag, der, vor allem unter protestantischen Christen als Totensonntag dem Gedächtnis der verstorbenen Angehörigen gilt – demnach gleichermaßen ein Tag der Trauer, wie ihn die Mutter Jesu erlebte, als sie, „scherzerfüllt und tränenreich“ unterm Kreuz ihres sterbenden Sohnes verharrte: „Stabat mater dolorosa iuxta crucem lacrimosa ...“, wie der Text des Oratoriums lautet. Als hilfreich zur Erhellung des Lebenshintergrunds Dvoráks und der Entstehung des Werks erwiesen sich ein weiteres Mal dem Publikum an die Hand gegebene Daten, die darüber unterrichteten, wie eigene Schicksalsschläge den Komponisten begleiteten und sein Oratorium inspiriert haben mögen, das schon als eine der größten chorsinfonischen Schöpfungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts angesprochen worden ist. 1880 in Prag uraufgeführt, erlebte es 1883 in London seinen internationalen Durchbruch, wo Dvorák selbst das Werk mit etwa 800 Sängerinnen und Sängern und ähnlich starkem Orchester dirigierte. Ganz so viele waren es in Landau nicht. Aber dennoch bildeten die beiden Chöre und die Kammerphilharmonie Weinheim auch hier ein kräftiges Team, dem es gelang, die Stimmung des Herzeleids und der Schwermut, die aus den lateinischen (und in deutscher Übersetzung beigefügten) Texten und der Melodieführung spricht, in das Gemütsempfinden der Zuhörerschaft zu übertragen. Es war zu spüren, dass sich da zwei Chöre zusammengefunden haben, die einander ebenbürtig in der Lage sind, einem derartigen Werk harmonisch Ausdruck zur verleihen. Zu verdanken war dies zweifellos der einheitlichen Führung durch den Dirigenten ebenso wie der Stimmkraft und Sangesfreude in den Chören; Braunstein hat dies ja nicht zum ersten Mal dokumentiert. Klagereiche Einleitungsklänge führten hinein in schier ausweglose Phasen quälender Trauer, dazwischen lagen auch Atempausen von eher trostreicher sanfter Zurückhaltung oder gar Ermunterung in versöhnlich anmutender musikalischer Untermalung. Sänger und Instrumentalisten gingen die Aufgabe selbstbewusst und souverän an und meisterten die sich daraus ergebenden gegenläufigen Stimmungen überzeugend genug, um sie in das Publikum hineinzutragen, das in verhaltener Nachdenklichkeit verharrte. „Wer ist der Mensch, der nicht weinte, wenn er die Mutter Christi sähe in so großer Qual?“, diese Worte des Erzählers darf man sich dazu ins Gedächtnis rufen. Veronika Wiedekind (Sopran), Edna Prochnik (Alt), Juhan Tralla (Tenor) und Sung-Heon Ha (Bass) waren es, die stimmlich hervorragend diese Resonanz des Dvorák′schen Werk es bewirkten, und ihre zumindest zeitweilige Nähe zueinander – sie alle sind beruflich in der Region tätig, ungeachtet ihrer Herkunft teils aus fernen, geografisch einander geradezu gegensätzlich zugeordneten Welten – haben sicher ihr einwandfreies Zusammenwirken gefördert. Verona Wiedekind kommt aus der Südpfalz selber, Edda Prochnik aber aus Israel, und von den beiden männlichen Kollegen stammt Juhan Tralla aus Estland und Sung-Heon Ha aus Korea. Dass das vom Dirigenten Braunstein mitbegründete Weinheimer Orchester als zuverlässiger Partner nicht aus dem Rahmen fallen würde, durfte man voraussetzen. Mit üppig gespendetem Beifall zeigten sich die Zuhörer überaus dankbar für ein chormusikalisches Erlebnis von Rang, das ihnen in bewunderungswürdig einvernehmlicher Leistung von Chören und Solisten, Instrumentalisten und ihrem Dirigenten dargeboten wurde. (hd)