Rheinpfalz Wir sind Familie: ”Von nichts und niemandem Leben diktieren lassen”

Kreimbach-Kaulbach. Trotz schwerer Krebserkrankung eine Familie gründen? Ilka Richardt hat diesen Schritt gewagt und berichtete im Gespräch mit der RHEINPFALZ von ihren Erfahrungen. Sie tut alles für ihre Kinder, trotzdem hat sie ein schlechtes Gewissen, weil gesundheitliche Probleme ihren Lebensalltag bestimmen und ihre Möglichkeiten auch in der Erziehung einschränken.

Mit 16 Jahren hatte Richardt Schmerzen im Knie, bekam Massagen, Fango oder auch Elektrobehandlungen, doch es half nichts. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag hatte sie zusätzlich immer wieder in der Nierengegend Schmerzen und suchte daraufhin einen Internisten auf. Dieser bemerkte sofort ihren ”komischen Gang” und überwies sie zum Orthopäden. Der entdeckte beim Röntgen einen babykopfgroßen Tumor. In einer ersten Operation wurden das Scham- und das Sitzbein entfernt. Nach eineinhalb Jahren wurde in einer zweiten OP die Hüfte entfernt und durch eine künstliche ersetzt. Ihr Bein konnte erhalten bleiben, aber richtig laufen kann Ilka Richardt nicht und benötigt immer eine Gehstütze. Doch die Frage ist, was noch auf sie zukommt, denn die Prothese von 1991 wird nicht ewig halten. In der Klinik erklärte ihr ein Arzt wörtlich: ”Seien Sie froh, dass Sie noch am Leben sind.” Die 42-Jährige weiß, dass ihr Bein abgenommen werden muss, sobald die Prothese kaputt ist.

Trotz allem hat sie sich mit ihrem Mann entschieden, Kinder zu bekommen. Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung wurde sie nicht übernommen und setzte die Pille ab. Die Ärzte rieten dem Paar zwar ab, aber: ”Wir waren total verliebt und wollten unbedingt ein Kind. Wir wollten uns von nichts und niemandem unser Leben diktieren lassen”. Damals ging das Paar davon aus, dass Ärzte aus gesundheitlichen Gründen von einer Schwangerschaft abraten, aber das sei nicht das wirkliche Problem.

Richardt bezeichnet die Entscheidung zur Familiengründung vielleicht ein Stück weit als egoistisch, da man vorher auch nicht wisse, wie es ist, ein eigenes Kind zu haben. Aus heutiger Sicht würde sie keine Kinder mehr bekommen, weil sie ihnen nicht ganz gerecht werden könne und deswegen immer ein schlechtes Gewissen habe.

Wie reagierte das Umfeld auf die Entscheidung? Ilka Richardt erzählte ihrer Mutter im vierten, fünften Monat von ihrer Schwangerschaft. Ansonsten informierte das Paar niemanden. Den Schwiegereltern wurde der Erstgeborene Nico präsentiert. Die beiden seien überrascht gewesen, aber auch überglücklich.

Die Erkrankung wirkt sich auch heute noch auf das Familienleben aus. Die 42-Jährige konnte und kann auch heute noch nicht mit ihren Kindern machen, was andere Mütter tun. Längeres Sitzen oder Laufen sind ihr oft nicht möglich. Die Besuche von Spielplatz oder Krabbelgruppe waren daher unmöglich. Auch Kinobesuche oder Urlaube unternehmen die Kinder nur mit ihrem Vater. Richardt muss oft daheim bleiben, weil es ihr gesundheitlich nicht möglich ist.

Nico (17) und Sidney (14) müssen auch im Haushalt mit anpacken. Den Kindern das Zimmer aufräumen, wie andere Mütter das tun, kann Ilka Richardt nicht. Sie übernimmt hauptsächlich stehende Tätigkeiten wie Wäsche zusammenlegen, doch manchmal putzt sie auch alles, obwohl sie genau weiß, dass danach die Schmerzen viel schlimmer sind.

Aufgrund all dieser Umstände seien die Kinder früh selbstständig und auch sehr verlässlich geworden, schildert Richardt. Ihr Mann unterstütze sie auch im Haushalt beispielsweise durch Einkäufe oder das Wäschewaschen. Vieles bleibe an ihm hängen, doch auch die Sozialstation biete Unterstützung.

Als erste Krebskranke in der Familie machten Richardt und ihr Partner sich keine größeren Gedanken, dass sie ihr Leiden vererben könnte. Ihr Sohn habe jedoch schon öfter Bedenken geäußert, ebenfalls an Krebs zu erkranken.

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