Karlsruhe
Western-Comic mit eindringlichem Appell: „Der zerbrochene Krug“ am Staatstheater
„Liederliche Metze“ schilt Ruprecht seine Verlobte Eve. Und macht sie damit zum doppelten Opfer. Zuerst wird sie vom Dorfrichter Adam sexuell belästigt, der ihr ins Zimmer nachsteigt. Dann geht mit dem „Zerbrochnen Krug“ in den Augen der Öffentlichkeit auch noch ihre Ehre entzwei. Am Ende liegt in der Inszenierung des Badischen Staatstheaters in Karlsruhe ihre ganze Welt in Scherben.
„Die Scham muss die Seite wechseln“, hat Gisèle Pelicot im Prozess gegen ihren Mann gefordert, der sie über Jahrzehnte immer wieder betäubte und fremden Männern zur Vergewaltigung überließ. In der Version von Theaterautorin Maria Milisavljevic, die für den Karlsruher „Krug“ ein neues Ende geschrieben hat, wird diese Utopie Wirklichkeit in einer Selbstermächtigung.
Noch während der Aufführung wird Tabula rasa gemacht, werden alle Kulissen abgeräumt. Vor der nackten Realität steht das Ensemble und klagt an: K. o.-Tropfen, Epstein-Files, die Urteilsbegründung im Fall der Berichte über Rammstein-Sänger Till Lindemann, #MeToo. Ein aufrüttelnder, kämpferischer Schluss, der viel Beifall erntet.
Es ist ein Ende vielleicht nach dem Herzen junger Menschen. Denn Kleists Stück ist seit diesem Prüfungsjahr verbindlich als Abilektüre festgelegt. Deshalb ist es auf den Spielplänen vieler Theater zu finden. Vor Karlsruhe brachten auch schon das Nationaltheater Mannheim und das Chawwerusch in Herxheim Inszenierungen heraus.
Und es ist auch eine Bühnenfassung, die den alten Kleist womöglich jungen Menschen nahe bringt. Statt im Holland des 18. Jahrhunderts hat Regisseurin Brit Bartkowiak, Oberspielleiterin am Badischen Staatstheater, die Geschichte in ein Ambiente wie aus einem Italowestern verlegt. Zeitlich ist das gar nicht so weit weg von der Entstehungszeit des Stücks 1808. Inhaltlich aber sehr. Auch muss man sich erst einmal daran gewöhnen, dass die breitbeinigen Machos auf der Bühne, denen der Revolver so locker sitzt und die in einem fort Whiskey trinken, dazu Zigaretten und Zigarillos paffen wie einst Werner Höfer beim „Internationalen Frühschoppen“, in einem altertümlichen Deutsch miteinander reden; einer Sprache, mit der Kleist die Thematik vom Macht- und Menschenmissbrauch kunstvoll umkreist hat statt den plakativen Showdown zu suchen.
Der selbstherrliche, einschüchternde Dorfrichter (Jannek Petri) hat hier viel von einem Sheriff. Gerichtsrat Walter ist eine Frau, eine sehr zierliche, die nicht in die weiten Kleider zu passen scheint, aber dennoch abgeklärt die Fäden in der Hand hält (Rebecca Seidel) und am Ende die gewohnte Ordnung trotz besseren Wissens aufrecht zu erhalten sucht. Das Evchen (Emma Suthe) in ihrem rosa Rüschenhöschen ist hin- und hergeworfen im Spiel der Mächtigen: schutzlos, denn nicht einmal bei ihrer Mutter (Claudia Hübschmann), die so resolut für die eigenen Belange eintritt, findet sie Rückhalt. Auch nicht bei ihrem Verlobten Ruprecht (Nikita Buldyrski), der vor der Obrigkeit kuscht, aber nach Eve tritt, als er sich seiner Ehre beraubt glaubt. Und beim Amtsschreiber Licht, dem auf seine Chance lauernden Karrieristen, sitzt der Schießprügel noch lockerer als bei allen anderen (Fabian Kulp).
Das alles wirkt in seiner pathetischen Überzeichnung wie das Lustspiel, das Kleist im Sinn hatte: Wie die gute Miene zum bösen Spiel. Sogar Musik gibt’s, wie sie zu einem echten Western alten Schlags gehört. Während Richter und Gerichtsrätin sich in einer Pause beraten, stehen die anderen ums Klavier und singen Dean Martins Cowboy-Song „My Pony, My Rifle and Me“.
Tatsächlich fliegen irgendwann die blauen Bohnen. Als Frau Brigitte (Geraldine Rummel) mit der Perücke als Beweisstück die Treppe des Saloons herunterschreitet, deutet es sich schon an: High Noon wie in „Zwölf Uhr mittags“. Als der Teufel als letzter Verdächtiger ausgeschlossen ist, knallen die Kugeln, bis alle tot auf dem Boden liegen. Filmriss. Danach ist der Saloon ist nur noch hohle Kulisse (Bühnenbild: Hella Prokoph) und kann abgeräumt werden, damit Platz ist für das wirkliche Leben. Und das ist verstörend. Vor allem eins hallt lange nach, der oft gehörte Vorwurf: „Du bist ja selbst Schuld!“
Der Schluss will Hoffnung machen. Aber leider ist es so, dass die Scham nur selten die Seiten wechselt. Dass Frauen lange bei ihren Peinigern bleiben. Dass sie die Männer, denen sie so mutig entgegengetreten sind, sogar noch im Gefängnis besuchen. Die Heldinnen dieser Geschichten reiten nicht siegreich ins Abendrot.
Termine
Für die nächsten Vorstellungen gibt es nur noch Restkarten. Tickets sind noch zu haben für 6., 21., 29. Mai, 18., 24. Juni und 18. Juli.